Der Sommer ist wieder da: Eva von Juli im Interview

Eva und ihre Band waren Mitte der 2000er Pionier:innen des Deutsch-Pop. Foto: Amélie Siegmund
Teilen
Teilen

„Das ist die perfekte Welle, das ist der perfekte Tag“ – nichts zu danken für euren persönlichen Ohrwurm des Tages. Juli lieferten diesen und noch viele mehr. Neun Jahre mussten Fans auf ein neues Album warten, nun sind Eva Briegel und ihre Jungs aber endlich wieder da. Wir sprachen mit der Frontfrau über old schoolige Aufnahmesessions, Nightliner-Fahrten und Melancholie.

Inhaltsverzeichnis [verbergen]

Eva von Juli: „Wenn man einmal aus diesem Platte-Tour-Platte-Tour-Turnus raus ist, lässt man sich einfach etwas mehr Zeit.“

Eva, im Oktober 2014 kam eure letzte Albumveröffentlichung – nun haben wir April 2023 und es kommt etwas Neues. Warum genau jetzt und nicht vor oder in drei Jahren?
Noch länger hätten wir nicht warten können. Wir hatten das Gefühl, dass es jetzt sein musste, sonst wäre der Zug abgefahren. Früher konnten wir das Album nicht veröffentlichen, weil es einfach noch nicht fertig war. Wir haben viel weggeworfen, wir hatten Aufnahmen, die wir schon ganz gut fanden, dann hat uns aber doch wieder was gefehlt und wir haben sie mit anderen Leuten aufgenommen. Wenn man einmal aus diesem Platte-Tour-Platte-Tour-Turnus raus ist, lässt man sich vielleicht einfach etwas mehr Zeit. Die erste Single kam schon vor Corona, „Fahrrad“, also 2019. Dann wurden alle Pläne, die wir hatten, ausgebremst. Eine Tour konnte man nicht buchen, wir konnten nicht so zusammen sein, wie wir wollten. Nach der Pandemie haben wir uns dann zusammengesetzt, in der Zeit sind dazu aber eben neue Songs entstanden, die wir auf dem Album haben wollten. Außerdem sind wir auch alle in anderen Projekten verwickelt, schreiben auch für andere Künstler, sodass nicht das Gefühl aufkam, man wisse nicht, was man mit seiner Zeit anfangen sollte. Wir haben uns einfach Zeit gelassen, sind mal eine Woche an die Ostsee gefahren oder mal dahin. Jetzt muss es aber sein.

Wie kommuniziert ihr denn in so einer langen Pause als Band? Wie regelmäßig hat man Kontakt?
Ich sehe die Jungs oft in der Stadt, vier Fünftel von uns wohnen in Berlin. So sehe ich ein paar von denen mal im Nightlife bei Konzerten zum Beispiel. Wir haben uns aber relativ fest verabredet, gerade Jonas und Simon haben sich in den letzten Jahren täglich im Studio gesehen. Da bin ich oft dazu gekommen. Manchmal haben wir nur geredet, manchmal haben wir Musik gemacht. Mit Dedi telefonieren wir viel, der ist aber ein wenig lost, weil er in Landau in der Pfalz wohnt. Den schalten wir dann immer über Zoom dazu. Wir sehen uns auf Geburtstagen oder auf Partys, haben aber auch schon gemeinsam Musik für andere gemacht. Dazu sind wir freundschaftlich verbandelt, treffen uns privat mit den Kids. Schön verwoben.

Das Album heißt „Der Sommer ist vorbei“, ihr heißt Juli, Juli ist der Sommermonat – hat sich essenziell also etwas verändert?
Für mich hat sich am Grundgefühl nichts verändert, es ist vielleicht eher eine Stimmung. Es ist ein Satz, der so rumgeschwirrt ist, den alle irgendwie gefühlt haben, aber nicht in Bezug auf das Ende der Band, sondern eher in Bezug auf die melancholische Musik, die wir machen. Wir sind eher die andere Seite des Sommers. Es geht oft um schwere Themen, Abschied, Verlust. Für uns war das ein starker Satz, der gut gepasst hat. Auch zu unseren Lebensphasen, weil eine gewisse Unbeschwertheit weg ist. Die Welt steht vor krassen Problemen, auch jeder einzelne persönlich. Es fühlt sich ein wenig nach Aufklatschen auf dem Asphaltboden an, man berappelt sich dann zwar, aber denkt auch „Was war das denn?“. Jetzt merken wir plötzlich, dass die Leute sagen „Wie, ist das das letzte Album?“ – so ist es jedoch nicht.

Juli machen eine Glossy-Pop-Nummer – aber nur eine

Erzähl gern von den Aufnahmesessions! Die waren ja dann mitten in der Pandemie.
Wir haben angefangen mit einem Berliner Produzenten zu arbeiten, den wir lustigerweise aus unserem Heimatkaff in der Nähe von Gießen kannten. Er ist ein paar Jahre jünger und hat sich daran erinnert, wie krass das damals doch war, dass wir aus Gießen so durch die Decke gingen. Mit dem haben wir viel aufgenommen – zum Beispiel „Fahrrad“ direkt am Anfang – und gemerkt, dass das irgendwie cool und catchy klingt, aber ich hatte das Gefühl, es ist für uns als Band fast schon zu perfekt. Mir hat das gefehlt, was uns ausmachte, nämlich, dass es nicht perfekt war, sondern mehr persönlich und es auch mal hässlich sein darf. Irgendwie entsprach das also nicht so wirklich uns. Ich wollte eine Glossy-Pop-Nummer, dann aber wieder mehr Bandgefühl.

Wir haben uns dann selbst aufgenommen und gemerkt, dass wir einen Chef brauchen und es ganz allein nicht gut klappt. Die Suche nach Leuten war auch nicht so einfach, weil man heutzutage zu jemandem hinfährt, seine Gitarre einspielt, dann wird das zusammengemixt und Ende. Wir wollen aber in ein Studio fahren, dort Instrumente spielen, eine Person sitzt hinter einem großen Pult und sagt, was top war. Irgendwann sind wir bei Michael Ilbert im Home Studio gelandet und das war echt cool, weil wir genau dort auch schon unsere allerersten Demos aufgenommen hatten. Damals war vieles noch total kaputt, jetzt kamen wir zurück und auf einmal war alles schick und voller Glamour. Dann sagt auch jemand „Da, an dem Flügel saß Dave Gahan von Depeche Mode erst neulich“. Man hatte plötzlich das Gefühl vom Anfang, als man noch geträumt hat, Musiker zu werden. Es hatte dieses Rockding, dieses Große. Heute ist vieles oft so klein und schnell, dreht kurz was mit dem Handy, droppt was – wir sind aber eher Dinosaurier, die das Große wollen.

Ein paar andere Stücke haben wir mit Jochen Naaf in Rotenburg an der Fulda aufgenommen, also ein wenig Richtung Heimat. Da waren wir als Band gemeinsam in einem Landgasthaus – und genau das war endlich wieder wie nach Hause gekommen. Wir brauchen, dass einer gerade seinen Part macht, die anderen rumsitzen, Süßigkeiten essen oder ein wenig rumzuppeln. Genau das fehlt, wenn man irgendwo nur von 15 bis 17 Uhr hinfährt, um kurz was einzuspielen und danach zuhause noch die Wäsche macht.

Neun Jahre ohne Album, nun sind Eva und ihre Band Juli zurück. Foto: Amélie Siegmund

Trotz viel Melancholie und Nostalgie in den Texten klingt ihr aber dennoch in der Musik weiterhin sehr leicht und luftig!
Wir haben unsere Partner, mit denen wir arbeiten, und die sagen immer, dass es das „Juli-Gefühl“ gibt. Eine gewisse Schwermut, die leicht ist oder auch eine Leichtigkeit, die einen herunterzieht. Es ist immer etwas mit einem Tropfen von dem anderen. Entweder ist das unser Stilmittel oder auch einfach in unserer Persönlichkeit. Manchmal macht man es und danach erzählt einem der Song sogar etwas über einen selbst. Wahrscheinlich tragen wir beides in uns und können das eine ohne das andere nicht stehenlassen. Wir brauchen immer ein Aber.

Eure großen Hits wie „Perfekte Welle“, „Geile Zeit“ oder „Elektrisches Gefühl“ sind in Zeiten entstanden, in denen ihr jünger wart und wahrscheinlich auch ganz andere Lebensvorstellungen hattet. Wie fühlen sich diese Songs heute für dich an, wenn du sie wieder singst?
Kommt total drauf an. „Wir beide“ ist heute noch so präsent wie am ersten Tag, weil sich an dem Verhältnis zu meiner Freundin nichts geändert hat. Dann gibt es andere Songs, bei denen ich merke, dass ich dem Ganzen entwachsen bin. „Elektrisches Gefühl“ zum Beispiel, über den Druck von außen denke ich nun eher „Joa, geht schon irgendwie“. Manche sind mir näher, manche sind etwas weiter weg. Zu „Perfekte Welle“ und „Geile Zeit“ habe ich ein ganz besonderes Gefühl, weil zu den Songs Leute zu mir gekommen sind und mir ihr Leben erzählt haben und was sie damit verbinden. Krasse Geschichten auch, bei denen ich überfordert bin, wenn Fans mir erzählen, wie eng ihre Krebsgeschichte mit unserem Stück verbunden ist. Da weiß ich dann gar nicht, wie ich darauf adäquat reagieren kann.

Ein Lied verselbstständigt sich. Wir schicken es los und das Lied macht das, was es mit den Leuten will. Wir werden die beiden großen Songs auch auf der Tour spielen, allerdings habe ich zum ersten Mal gesagt, dass ich „Perfekte Welle“ nicht mehr proben will (lacht). Wir haben es wirklich eine Milliarde Mal gespielt, wir wissen, dass es klappt. Es geht los, jeder weiß, was wann passiert, das ist wie programmiert. Manchmal schauen wir, ob wir eine gewisse Frische reinbringen, gleichzeitig spiele ich es aber so oder so immer gern, weil ich in den Gesichtern der Leute sehe, was mit ihnen passiert.

Eva: „Trau dich, speziell zu sein!“

Ihr gehörtet zu denen, die Deutsch-Pop in den 2000ern salonfähig gemacht haben. Dazu auch noch mit einer Frontfrau. Wie ist die Musiklandschaft für dich heute?
Ich bin gar nicht so firm, ehrlich gesagt. Ich finde manches extrem gut, da merke ich dann auch, wie viel sich lyrisch entwickelt hat. Als wir angefangen haben, haben wir eben das gesungen, was uns in dem Moment eingefallen ist oder uns beschäftigt hat – jetzt ist der Anspruch ein ganz anderer. Auch wenn sich Musikkritiker und das Feuilleton überschlagen, bin ich leider von Gangster-Rap total abgestoßen und kann damit nichts anfangen. Ich fühle mich dadurch nicht cooler oder stärker, ich verstehe deswegen auch nicht, dass das so durchhaut. Ansonsten gibt es viel deutschsprachige Musik, auch nochmal diesen Schlager-Pop-Hybrid. Ich würde mir aber wünschen, dass nochmal Bands zurückkommen, die eine Idee haben oder eine Idee geben. Mia, Wir sind Helden, Rosenstolz. Bands, bei denen sich Outsider formieren und eine eigene Ingroup aufmachen. Mich sprechen diese Gewinner auf der Überholspur einfach nicht so krass an. Bestimmt kommt aber ein Rebound. Mein Statement an euch: Form a band! Trau dich, speziell zu sein! Mit dem „Wer ist der Beste?“ ist jetzt auch mal gut.

Bald startet die Tour, viele eigene Shows, einige Festivalauftritte – hast du Bammel oder bist nur voller Vorfreude?
Beides, Juli-Style also (lacht). Ich freu mich, habe aber auch Angst. Ich bin sehr gespannt, alles kann sein – von knackevoll bis dass die Leute uns angucken und denken „Und jetzt?“. Wir trainieren, ich gucke auch, was mit der Physis ist. Ich bin fleißig am Singen und bin auch froh, dass die Stimme noch gut da ist und funktioniert. Ich habe das Gefühl, dass ich mich noch weiterentwickeln kann und was dazulerne. Auch die Jungs wollen was singen und alle ein eigenes Mikrofon haben. Das kann das nackte Grauen oder super unterhaltsam werden, ich habe keine Ahnung.

Erst gibt es eine eigene Tour, dann im Sommer noch mehrere Festivalauftritte. Foto: Amélie Siegmund

Juli – ein richtiges Comeback oder nur ein kurzes „Hallo“?

Gibt es Dinge, die nur auf Tour passieren, auf die du dich freust?
Ganz viele. Wir werden wieder Nightliner fahren. Ich liebe das, das ist ganz toll. Wenn du einsteigst und weißt, dass du die nächsten acht Stunden hier sitzt, deine Bus-Sandwiches isst, Bier trinkst, dich zum Busfahrer setzt, wenn du nicht schlafen kannst und ihm Gesellschaft leistest. Darauf freue ich mich extrem. Aber auch auf die Nachmittage, an denen du nicht viel zu tun hast, außer Quatsch zu reden. An denen sich dann in wenigen Tagen auch immer witzige Insider etablieren. Wie ein Zirkus, der dann rumfährt – eigene Zeitpläne, eigene Arten zu reden, jeder hat jeden aufm Schirm, man hat sich wahnsinnig lieb und am Abend Konzerte, die dich euphorisieren. Die Konzerte sind coolerweise nicht so groß, sodass wir danach zum Merch gehen können und mit den Leuten reden, von denen ich die Geschichten hören will. Und danach fahren wir weiter.

Ist es denn für euch nun ein richtiges Juli-Comeback, also habt ihr schon Pläne für nach der Tour oder kann das nächste Album auch 2032 kommen?
Wir haben schon Pläne für danach, wir haben sogar schon angefangen, Songs zu schreiben. Außerdem haben wir eine neue Leidenschaft, nämlich akustische Versionen unserer Songs einzuüben, für die ich auch mal ans Klavier gehe. Wir sind voll mit Ideen, arbeiten und behalten es uns aber bei, dass wir das machen, was uns Freude macht. Wenn es uns keinen Spaß macht, schalten wir einen Gang runter. Wir haben uns nie fette Sportwagen oder Häuser in Italien gekauft, sodass wir, wenn es oll wird, uns auch erlauben können, zu pausieren. Genau das ist auch mein Verständnis von Bandarbeit – es braucht die Zeit, die es braucht.

Zuletzt: Was ist Juli für dich ganz persönlich?
Meine Familie. Kann ich aus der Pistole geschossen sagen, weil ich genau das in letzter Zeit öfter gedacht habe. Besonders, als wir angefangen haben, wieder so eng zusammen zu arbeiten. Ich fühle mich in der Gesellschaft der Jungs einfach so wohl. Ich muss nicht performen, obwohl ich ja eigentlich performe. Ich muss mich null anstrengen und sie haben mich trotzdem lieb. So, wie es in einer guten Familie sein sollte. Wir können sein und auch einfach nur abhängen.

Das Album „Der Sommer ist vorbei“ erscheint am 28.4.
Mehr auf der Website, bei Facebook und Instagram.
Anstehende Termine in NRW:
16.5. Gloria, Köln
7.6. Telecom Campus, Bonn
15.8. Burg Wilhelmstein, Würselen
17.8. Volksbank-Arena im Gartenschaupark, Rietberg

Anzeige
Anzeige

Beste Events, Trends und Reportagen für die Rhein-Ruhr-Region

Inhaltsverzeichnis
Home