Unter freiem Himmel: Ehrenamtlich bei der Obdachlosenhilfe

Seit Corona ist es für viele Obdachlose noch schwieriger. Foto: Adobe Stock
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Offizielle Zahlen gibt es nicht. Aber laut einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) gibt es in Deutschland fast 700 000 Wohnungslose. Gründe dafür gibt es viele. Was aber allen Schicksalen gemein ist: Das Leben auf der Straße ist hart und gefährlich. Das wissen auch diejenigen, die Betroffenen helfen. Eine von ihnen ist Nicole Gabler aus Köln.

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Geschätzte Zahlen

Die Anzahl derer, die in der Bundesrepublik per Definition wohnungslos sind, beläuft sich auf rund 678.000. So offenbarte es 2019 der Verein Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) in einer Pressemitteilung . Die Zahl bezieht sich auf eine Schätzung aus dem Jahre 2018. Eine aktuellere gibt es nicht. Anders geht es auch nicht. Denn es ist nahezu unmöglich nachzuhalten, wie viele Menschen tatsächlich von dem Schicksal ereilt werden, ein Dasein auf der Straße zu fristen. Die Frage, die im Raum steht: Kann man da nicht etwas tun?

Eine, die diese wichtige Frage mit einem ganz klaren „Ja“ beantworten kann, ist Nicole Gabler aus Köln. Seit 2014 engagiert sich die Dreißigjährige ehrenamtlich – hauptsächlich für Wohnungslose, aktuell im Verein Care4Cologne. „Ich liebe es, anderen Menschen zu helfen, egal ob mit oder ohne Wohnung. Es macht mich unglaublich glücklich zu sehen, wie eine einfache Mahlzeit, ein paar Snacks und Haushaltsartikel den Gästen von Care4Cologne eine so große Freude bereitet“, sagt sie.

Care4Cologne e.V. unterstützt seit rund sechs Jahren mehrmals pro Woche Wohnungslose im Kölner Stadtgebiet. Vor der Musicalbühne und an der Bushaltestelle am Breslauer Platz gibt es dienstags und samstags warme Mahlzeiten, Haushaltsartikel, Kleidung, Masken und andere Spenden wie Schlafsäcke. Doch damit nicht genug. Das Hilfsangebot des Vereins umfasst noch weitere Leistungen. „Wir helfen auch bei Behördengängen oder sprechen vor Ort persönlich mit den Besuchern und versuchen auch bei ganz direkten Anfragen zu helfen“, erklärt Nicole.

Wer gilt eigentlich als wohnungslos?

Als wohnungslos gilt, wer über keine mietvertraglich abgesicherte Wohnung oder über selbst genutztes Wohneigentum verfügt – wer „Platte macht“, so die umgangssprachliche Beschreibung. Laut Statista, einem Online-Portal für Statistik, sind 14,2 Prozent der Wohnungslosen junge Menschen zwischen 25 und 29 Jahren.

Die Gründe für den Verlust der Wohnung sind vielseitig. Sie reichen von plötzlichem Jobverlust über Drogenabhängigkeit und Schulden bis hin zu körperlichen und psychischen Erkrankungen. Es sind Schicksale, die bewegen. Das bestätigt auch Nicole: „Ich gehe mittlerweile besser damit um als früher. Manchmal nehme ich die Storys auch mit nach Hause. Aber ich weiß, dass unsere Hilfe unglaublich gut ankommt und einen wichtigen Schritt zurück in die Normalität bedeutet.“ Doch um diese gewährleisten zu können, braucht es engagierte Mitmenschen, die mit anpacken wollen. Und dafür muss man nicht mal selbst vor Ort sein. Es geht auch bequem übers Internet. „Jeder kann mitmachen! Sowohl Sachspenden oder Geldspenden sind herzlich willkommen. Auf Betterplace.org kann man auch Pate werden und regelmäßig spenden, dann entscheidet quasi der Verein selbst, wo das Geld gebraucht wird, oder man klickt auf unsere Wishlist. Das sind Artikel, die am meisten gebraucht werden, und wenn wir den jeweiligen Zielbetrag erreichen, wird der Artikel gekauft.“

Wohnungslosigkeit in NRW: Was tut die Politik?

Köln ist nur ein Beispiel von vielen in Nordrhein-Westfalen. In den meisten Städten zwischen Rhein und Ruhr gehört der Anblick von wohnungslosen Menschen zum Alltag. Wie nimmt sich die Politik dieses Problems an? „Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter“, sagt Karl-Josef Laumann, Minister für Gesundheit und Soziales des Landes NRW. Entsprechend vielfältig seien die Projekte der Landesregierung.

Allen gemein sei, dass sie den Kontakt zur Wohnungswirtschaft suchen, um zusätzlichen Wohnraum zu erschließen, die zuvor wohnungslosen Menschen weiter betreuen und bei eventuellen Problemen zwischen neuen Mietern und Vermietern vermitteln. „Alleine mit der Vermittlung einer Unterkunft ist es gerade bei Menschen, die auf der Straße gelebt haben, oft nicht getan“, so CDU-Politiker Laumann. So gibt es Projekte, die Beratungsmobile für wohnungslose Menschen in einen ländlichen Kreis schicken, andere, die auf Prävention setzen, um einen drohenden Wohnungsverlust abzuwenden oder Projekte, die sich im Besonderen um wohnungslose junge Erwachsene, Frauen oder Familien kümmern.

Nicole Gabler hilft freiwillig bei „Care4Cologne“. Foto: Privat

Was fordern die Helfer?

Doch was wünschen sich ganz konkret die ehrenamtlichen Helfer, die sich vor Ort um die Betroffenen kümmern, von der Politik? Kölnerin Nicole findet da klare Worte. Ihr Appell: „Ich glaube, dass die Behördengänge, bzw. die gesamte Bürokratie stark vereinfacht werden müsste. Oft wird gesagt: ,Ja, dann soll der doch einfach Hartz IV beantragen!‘ Leider braucht man dafür eine Wohnung bzw. man muss ja irgendwo gemeldet sein. Oft scheitert es ja schon daran. Denn wenn nicht genügend Geld da oder man vielleicht sogar geistig beeinträchtigt ist, dann kann man sein eigenes Leben oft nicht mehr aus eigener Kraft in den Griff bekommen. Viele Wohnungslose benötigen darüber hinaus psychologische Hilfe und nicht nur Geld oder eine Arbeitsstelle. Vielleicht würde aber auch ein bedingungsloses Grundeinkommen helfen.“

Noch konkreter ist die Forderung des gemeinnützigen Vereins bodo e.V. aus Dortmund und Bochum, auch Herausgeber der gleichnamigen Straßenzeitung. Sie lautet: „Öffnet jetzt die Hotels für Obdachlose!“

Petition: Hotelzimmer für Wohnungslose

Gemeinsam mit 12 weiteren Straßenzeitungen möchte der Verein die Ministerpräsidenten der Bundesländer und regierenden Oberbürgermeister dazu bewegen, die auf Grund der Corona-Pandemie leer stehenden Hotels für wohnungslose Menschen zu öffnen.
„In Hamburg, Hannover oder London gibt es mit dieser Lösung bereits gute Erfahrungen“, so Bastian Pütter, Redaktionsleiter von „bodo“. Laut BAG W seien seit 1991 bundesweit mindestens 320 Personen, die auf der Straße lebten, erfroren, davon allein in diesem Winter bereits 17 (Stand: 9.2.). „Wir dürfen es nicht zulassen, dass noch mehr Menschen auf unseren Straßen sterben“, so die eindringlichen Worte der Petition.

Wegen der anhaltenden Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus sei „ der Akku vieler Wohnungsloser schon im Sommer leer“ gewesen, sagt Volker Macke, Redaktionsleiter des Straßenmagazins „Asphalt“ in Hannover und und Sprecher der deutschsprachigen Straßenzeitungen im Internationalen Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP). Viele Hilfsangebote haben im Hinblick auf den Infektionsschutz ihr Angebot stark reduziert.

Jeder kann helfen

Um die Situation der Wohnungslosen zu verbessern, könne jeder aktiv werden, findet Nicole Gabler. Dafür müsse man nicht einmal Mitglied in einem Verein werden. „In einem ersten Schritt wäre es schon wünschenswert, wenn man damit anfinge, die Wohnungslosen als Menschen zu betrachten. Man kann sich kaum vorstellen, wie schlimm es sich anfühlen muss von der breiten Masse einfach ignoriert zu werden. Ein nettes Grüßen kostet keinen Cent, gibt aber immerhin ein gutes Gefühl“, macht die Kölnerin klar.

Wer mehr bewegen möchte, könne auch die Vereine in seiner Umgebung unterstützen. Dazu Nicole: „Es gibt sehr viele Vereine die eine super tolle Arbeit leisten. Da sind Geld- oder Sachspenden immer sehr gern gesehen, wenn man selbst nicht die Zeit aufbringen kann, bei den Essensausgaben physisch dabei zu sein.“

Anlaufstellen in der Region

Bochumer Suppenküche: www.bochumer-suppenkueche.de
Gast-Haus statt Bank Dortmund: www.gast-haus.org
Gemeinsam gegen Kälte Duisburg: www.gemeinsam-gegen-kaelte-duisburg.de
FairSorger Essen: www.fairsorger-essen.de
Arztmobil Gelsenkirchen: www.arztmobil-gelsenkirchen.de
Solidarität in Mühlheim: www.si-mh.de

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