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Clubsterben im Ruhrgebiet: Suche nach Innovation

Foto: Sarthak Navjivan unsplash

Weniger Publikum, höhere Kosten, verändertes Ausgehverhalten – das Phänomen Clubsterben hat viele Ursachen. Verschiedene Akteure des Nachtlebens im Ruhrgebiet erzählen, was dahintersteckt und welche Innovationen die regionale Clubszene braucht, um auch morgen noch zu feiern.

Fragt man Partygänger, die Ende des vergangenen Jahrhunderts das Nachtleben im Ruhrgebiet aktiv aufsuchten, hört man Geschichten von legendären Feierstätten, von Clubs, die wie ein zweites Zuhause waren, von einer Partykultur, die so ausgelassen wie kompromisslos war. Und Klagen darüber, dass heute alles anders ist. Dafür gibt es zum einen handfeste wirtschaftliche Gründe. Kaum ein Club der 90er würde die heutigen Sicherheits-, Brandschutz- oder Lärmschutzvorschriften überleben, dazu kommen gestiegene GEMA-Kosten und DJ-Gagen, der generelle demografische Wandel und das von vielen als Genickbruch bezeichnete Rauchverbot. Zum anderen befindet sich der komplette Globus seit Anbruch des Internetzeitalters in einem kulturellen Wandel, der das Ausgehverhalten und die Freizeitgestaltung massiv verändert. Auch Steffen Korthals, der als DJ Dash seit den 90ern Platten im Pott auflegt, beim Juicy Beats mitwirkt und seit 2017 das Clubprogramm der erfolgreichen Bochumer Location Rotunde austüftelt, sieht in der Digitalisierung eine Ursache für den Wandel: „Das Entertainment spielt sich dank Gaming, Streaming und Co heute zu Hause ab. Die Ablenkung kommt also auf die Leute zu, holt sie schon auf der Couch ab.“

Währenddessen sieht der junge DJ und Kulturschaffende Jonathan vom Kollektiv Spontan Bochum die Kommerzialisierung des Techno-Genres in der Mitschuld: „So ein bisschen ist der Hype vorbei, Techno ist jetzt Mainstream und durch große Sponsoren, Agenturen und exorbitante Gagen immer teurer geworden. Während die Ansprüche wachsen, grummeln nicht wenige, wenn sie für eine Party mehr als zehn Euro ausgeben sollen.“ Den Unwillen, für qualitatives Clubprogramm zu zahlen, nimmt auch der Essener Ahmet Sisman, der hinter Projekten wie dem Goethebunker, der Rave-Reihe „The Third Room“ oder dem im April schließenden Studio steht, in die Kritik. „Beim deutschen Publikum herrscht eine absolute Geiz-ist-Geil-Mentalität, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern, wo viel mehr für Kulturangebote ausgegeben wird. Warum unterstützen die Leute nicht das, was sie hier haben? Wo ist da der Lokalpatriotismus?“

Jonathan | Foto: Dana Schmidt

Sisman sieht aber ebenso in der fehlenden Innovationskraft der Region einen Grund für kriselnde Clubgeschäfte. Denn während in Städten wie Berlin oder Amsterdam die funktionierende Clubszene international für neue Impulse sorge und dadurch zum Touristenmagnet werde, fände sich im Ruhrgebiet gar kein Nährboden für Experimente. „Gäbe es im Ruhrgebiet eine stabile Szene, wäre es deren Aufgabe miteinander zu arbeiten, gemeinsam etwas zu erreichen, zusammen etwas Neues auszuprobieren. Stattdessen hinkt die Region jedem Trend fünf Jahre hinterher.“ Ohne die Voraussetzung zur Innovation sei es nicht verwunderlich, dass das Nachtleben lahme.

Antrieb durch Erlebnishunger
Was zieht die Leute dann noch zum Feiern? Steffen Korthals sieht einen klaren Trend: „Wenn die Leute rausgehen, muss mehr geboten werden – darum ist das Format Festival inzwischen auch so erfolgreich, wo um den Kern, also die Musik, ein halber Jahrmarkt aufgebaut wird.“ Für Ahmet Sisman stecken hinter der Bewegung vom Club hin zum Festival größere gesellschaftliche Prozesse: „Attraktive Formate sind heute die, wo die Leute sich selber inszenieren und darstellen können. Inzwischen wird danach ausgewählt, was sich gut im Instagram-Profil macht. Darum boomen Veranstaltungen mit Happening-Charakter in einzigartigen Locations. Das ist die neue Ausgehkultur.“ Das größte Potenzial für die Region sieht Sisman daher in ihren außergewöhnlichen Spielorten. „Im Grunde hat jede Stadt einen Ort wie Zollverein oder den Duisburger Landschaftspark. Diese Orte können das Aushängeschild der Region werden, die überall Aufmerksamkeit erregen.“ Industriebrachen zu Ravebunkern umzufunktionieren, klingt nach einem Patentrezept für den Pott, ganz so einfach sei die Umsetzung laut Sisman aber nicht: „Die Behördengänge sind kompliziert. Die Personen in den Ämtern sind kaum motiviert, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Zudem wird Deutschland durch all seine Bürokratie insgesamt als Standort für Festivals unattraktiv.“ Eine Kritik, die auch Jonathan teilt, der mit seinem Kollektiv anfangs halblegale Open-Air-Partys organisierte: „Es fehlt die liberale Einstellung von der öffentlichen Seite. In den Niederlanden etwa gibt’s für Raves Unterstützung vom Staat.“

Ahmet Sisman | Foto: Promo

Attraktive Formate sind heute die, wo die Leute sich selber inszenieren und darstellen können.

Für mehr Koexistenz
„Clubs müssen sich breiter aufstellen“, mahnt Korthals, der mit der Rotunde ein gutes Beispiel abgibt. Die Räume werden nicht nur für Partys genutzt, auch Konzerte, Märkte, Comedy und mehr beherbergt das ehemalige Bahnhofsgebäude. Gemeint ist aber auch die inhaltliche Aufstellung innerhalb des Partyprogrammes: „Clubs müssen Subkultur und Populäres verbinden lernen. Man sieht sowieso schon viel mehr Koexistenz, etwa bei der Floor-Belegung, wo nischiger Techno neben Trash-Pop steht.“ Nur beliebig dürfe man dabei nicht werden. Stattdessen müsse ein Club seine Nische finden, um das Bestehende einer Stadt oder Region zu ergänzen, nicht zu wiederholen. „Wichtig ist außerdem die Zusammenarbeit und Einbindung lokaler Akteure: In der Rotunde geben wir ganze Abende in die Hände verschiedener Bochumer Kollektive, die ihre innovativen Ideen mitbringen und in unseren Räumen ausgestalten.“ Dazu gehört auch Jonathans Kollektiv Spontan Bochum, das sein Publikum über die spontanen Open-Air-Partys generierte und sie nun mit in den Club bringt. Über diese Wege kann also doch so etwas wie Szene entstehen, in der die dringend notwendige Innovationskraft brodelt. Darum sieht Korthals alias Dash trotz Hürden und Problemen die Lage des Nachtlebens optimistisch: „Wir sollten uns nicht mit Berlin oder London vergleichen, das ist ein ganz anderes kulturelles Setting. Generell haben wir es hier nicht schlecht, wenn man Vergleiche mit anderen Regionen zieht: Ständig finden sich neue Kollektive, die mit ihrer starken DIY-Mentalität selber Dinge aufbauen und Impulse geben wollen. Dazu schießt fast jeden Monat eine neue Partyreihe aus dem Boden, DJs kommen aus dem Ausland, um hier aufzulegen, die Zahl an Musikproduktionen und Labels aus dem Ruhrgebiet ist beachtlich, das Publikum grundsätzlich da. Im Pott ist schon was los.“

Steffen Korthals aka Dash | Foto: Stefan Stahlschmidt

Die Zukunft des Clubs
„Ich glaube nicht, dass das Modell ,Club‘ irgendwann aussterben wird“, meint Korthals deswegen. „Es ist zeitlos, egal was kommt. Das, was im Club passiert, richtet sich an ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen. Der Club ist ein Ort der Heterotopien, der Übergänge, wo möglich wird, was woanders nicht geht. Es ist eine Art Korrektiv zu dem, was in der Arbeitswoche passiert. Hier kann man sich rauslassen, verströmen, zerstreuen, verlieren im Sound, im Licht, in der Menge.“ Auch Jonathan glaubt an das Fortbestehen des Clubs und seine kulturelle Funktion: „Ein Club schafft Freiräume, die es sonst nicht gibt. Marginalisierte Gesellschaftsteile, Freaks, Freigeister – ein Club muss ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene sein und politische Ideale vertreten.“ Dabei müsse es egal werden, wer auflegt. „Wir dürfen den Hype um große, teure Namen nicht mehr mitmachen. Das Publikum muss im Mittelpunkt stehen – DJs sind im Endeffekt nur Dienstleister.“ Ahmet Sisman setzt nach der Schließung des Studios im April, dem aktuellen Zeitgeist folgend, erst mal auf Events mit Highlightcharakter. „Mit spektakulären Events können Clubs momentan inhaltlich nur schwer mithalten und gehen medial unter.“ Der Glaube an eine Trendwende ist aber genauso da, wie bei Steffen Korthals: „Ich glaube, die Leute werden irgendwann genug haben vom ewigen Drumherum und der Immer-mehr-Mentalität. Im Underground gibt es schon Trends hin zu Entschleunigung, Downsizing, Reduktion. Wenn die Popcornmaschine und der Wandteppich zum Selfie-Schießen verschwinden, wird man sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren: Raum und Musik!

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