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Ommas, Huren und Taubensuppe im Theater Dortmund

Foto: Sanjiv Nayak
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Anna Basener fiel fast der Telefonhörer aus der Hand. Schon vor Veröffentlichung ihres Romans „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ sicherte sich Adolf Winkelmann die Filmrechte. Der Experte für authentisch und unverbrämt erzählte Film-Momente aus dem Ruhrgebiet. Pott-Kultur-Ikone Gerburg Jahnke hat das Hörbuch eingelesen. Basener gewann dann den Putlitzer-Preis für den amüsantesten deutschsprachigen Roman 2018. Und als Bonbon obendrauf wird die deftige Ruhrpott-Rotlicht-Saga am 16. Februar auf der Theaterbühne in Dortmund reüssieren. Regie wiederum Frau Jahnke. Das darf man wohl „Instant Classic“ nenne. Dat is jetz quasi ein Klassiker, ne?!

Was für ein Titel. Satt, sinnlich, geradezu Barock, lokal. Ommas – mit Doppel-m – kommen meist aus dem Ruhrgebiet. Hier in Essen-Rellinghausen steht oder stand dann auch das Freudenhaus, in dem die Omma aus Anna Baseners Roman residierte. Rückblickend wird erzählt aus dem Leben der Prostituierten und ihrer Umgebung, deftig und heftig, zwischen Brutalität und Zärtlichkeiten, von den ewigen Hoffnungen auf die große Liebe und über die Verzweiflung angesichts des steten Scheiterns. Von starken Frauen und vielen dummen Kerlen. Als Folie dient Berlin, ja das hippe Berlin von heute, wo die erzählende Enkelin Bianca schicke Seidenschlüpfer als prekäres Ein-Frau-Start-Up-Unternehmen schustert. Ruhrpott-Omma trifft Hipster-Berlin, ganz groß.

Basener kommt aus Essen, geboren 1983, hat am Hildesheimer Literatur-Institut studiert und sich dieses Studium mit dem Schreiben von Groschenromanen finanziert. Laut der ZEIT war sie zeitweise die erfolgreichste Schreiberin in diesem Metier. Doch ihr Roman hat ein anderes Kaliber. Unterhaltungsliteratur mit lässigem Pop-Appeal zweifellos, schnell wegzulesen. Doch literarisch ist etwa der Sound des Kunstseidenen Mädchens von Irmgard Keun – erschienen 1932 – aufgenommen. Ruhrgebiets-Literaturfreunde könnten sich auch an den Bergkamener Schmuddel-König Hans Henning Claer („Lass jucken Kumpel“) erinnert fühlen oder an den eher sozialkritischen, im Essener Süden spielenden Call-Girl-Polit-Thriller „Anita Drögemöller oder die Ruhe an der Ruhr“ von Jürgen Lodemann, ebenfalls verfilmt 1976. Babylon Ruhrpott.

Anna Basener | Foto: Jens Oellermann
Gerburg Jahnke | Foto: Harald Hoffmann

Nachdem Anna Basener in Dortmund gemeinsam mit Adolf Winkelmann das Film-Drehbuch bereits fertiggestellt hatte, konnte sie nun direkt im nächsten Medium weitermachen und gemeinsam mit Gerburg Jahnke eine Theaterfassung schreiben. Kay Voges und Dramaturg Alexander Kerlin wollten den Stoff für ihr Haus. Der Inszenierung steht eine Traumbesetzung zur Verfügung: Anke Zillich, ebenfalls gebürtige Essenerin, spielt die Omma. Anna Basener, wie Gerburg Jahnke sind darüber restlos begeistert. „Iris Berben etwa könnte das nicht“, lacht Anna Basener und die Regisseurin attestiert der bekannten Mimin, eine großartige Komödiantin zu sein. Und: „Anke Zillich ist die Omma“. Mit Andreas Beck, Caroline Hanke (als Bianca) und Friederike Tiefenbacher sind weitere Rollen exquisit besetzt.

Dem Pop-Faktor des Stoffes trägt zudem die Musik Rechnung. Tommy Finke hat Chanson-Schlager komponiert, gut zehn Songs kommen zur Aufführung und machen so die angekündigte „musikalische Komödie“ rund. Erstmals erschuf Basener, die Frau, die laut Wikipedia auch schon Western-Pornos schrieb, dafür Songtexte.

Ein weiterer sentimentaler Ruhrpott-Abend? Nein und ja und anders, versprechen die Macherinnen. Basener mag es, dass ihre Omma „vom Klischee her wegerzählt“ sei, während Gerburg Jahnke findet, dass die Klischees „halt alle stimmen“, aber der Abend dennoch die Geister scheiden wird. Denn was erzählt wird, werde „nicht weggelabert“ (Basener) und zeige auf der Bühne mehrere durchaus provokante Meinungen zum schwierigen Thema Prostitution.

Es verspricht ein spannender Abend zu werden in Dortmund, wenn die Drehbühne (Michael Sieberock-Serafimowitsch) sich dann dreht, rotierend zwischen Rotlicht-Pott und Berlin-WG, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, darauf die Figuren auf der Suche nach der Poesie der unwahrscheinlichen wahren Liebe in der Prosa der prekären ökonomischen Verhältnisse.

Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochtePremiere 16.2.–29.6., Theater, Dortmund

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