„Musik ist kein Wettbewerb“: Mille von Kreator im Gespräch

1982 gegründet und immer noch am Start: Kreator aus Essen sind im Thrash-Metal Urgesteine. Mille (2.v.l.) hat mit uns gequatscht. Foto: Christoph Voy
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Kreator verstehen sich als europäische Band mit Wurzeln in Essen. Hendrik Bücker sprach mit Frontmann Mille über Normalität, Haltung und einen sehr surrealen Ort.

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Mille von Kreator: „Wir sind eine europäische Band mit Wurzeln in Essen.“

Mille, für acht Termine kommt ihr, Kreator, nach Deutschland, unter anderem in die Grugahalle nach Essen – wie sollte es für einen gebürtigen Essener auch sein?! Mit welchen Gefühlen gehst du an so ein Heimspiel heran?
Es wird spektakulär! Wir werden einiges auffahren und unser letztes Heimspiel in Essen nochmal toppen. Ich freue mich einfach total drauf. Die Grugahalle ist etwas Besonderes für mich, da habe ich als Kind Iron Maiden gesehen und heute darf ich dort spielen – für mich das Highlight der Tour.

Sind solche Erinnerungen auch der Grund dafür, dass du Essen als Heimatstadt immer treu geblieben bist?
Bin ich doch gar nicht! (lacht) Ich bin mit einem Bein in Berlin, schon immer gewesen. Ich wohne zum Teil in Essen und zum Teil in Berlin, aber ich bin natürlich in erster Linie Essener, klar. Das geht gar nicht anders, ich bin in Essen geboren.
Mir ist nur alles Lokalpatriotische fremd. Unser Bassist kommt aus Frankreich, unser Gitarrist aus Finnland. Wir sind eine europäische Band mit Wurzeln in Essen, ganz klar.

Aktuell erleben wir ein kleines Beben, in der Form das einige Konzerte – teils auch ganze Tourneen – wegen des schlecht laufenden Vorverkaufs abgesagt oder in kleinere Venues verlegt werden. Spürt ihr das selbst auch oder bekommst du das in deinem Umfeld mit?
Die Fans schauen jetzt so ein bisschen mehr, wo sie hingehen. Manche haben sich das Konzerterlebnis vielleicht auch abgewöhnt, was ich katastrophal fände. Ich glaube immer noch daran, dass die Leute auf jeden Fall zu Konzerten gehen wollen. Du kannst Metal nicht anders erleben als in der Livesituation.

Laut Mille geht es bei Musik nicht darum, wie viele Menschen vor einem stehen

Habt ihr denn auch damit zu kämpfen?
Nein, die Tournee war schon vor der Pandemie gut verkauft…. Wie soll ich das ausdrücken? Du musst dir vorstellen: Musik ist kein Wettbewerb. Wir gehen nicht los und versuchen, uns mit jemandem zu messen oder soundso viele Tickets zu verkaufen. Deswegen habe ich nicht angefangen, Musik zu machen. Ich möchte die Energie freisetzen und da ist es egal, ob du vor 5000 Leuten in der Grugahalle stehst oder vielleicht nur vor 300 in irgendeinem schäbigen Club irgendwo in Amerika. Es ist scheißegal. Darum geht es nicht in der Musik.
Ich finde es tragisch, dass viele Tourneen abgesagt werden, aber es liegt, glaube ich, ein bisschen daran, dass man sich erst wieder eingrooven muss. Die Leute haben noch ein bisschen Angst, zu Konzerten zu gehen und müssen sich noch daran gewöhnen, dass es jetzt wieder zurück zur „Normalität“ geht.

Ihr habt einige Festivalauftritte hingelegt, darunter auch „Jamel rockt den Förster – Das Festival für Demokratie und Toleranz“ in dem Ort, der von Neonazis als sogenanntes nationalsozialistisches Musterdorf ausgerufen worden ist. Ihr seid als erste bzw. eine der ersten Metalbands dort aufgetreten. Wie kam es dazu?
Ich kenne jemanden, der dort Mitveranstalter ist, und er fragte mich irgendwann: „Habt ihr nicht Bock als Metalband dort aufzutreten?“ Ich finde es aber immer schwierig, wenn man sagt „ihr als Metalband“. In dem Moment, in dem man nach Jamel fährt, ist es egal, ob du Punkrock, Indie, Rock oder Elektro machst.
Wir haben gespielt, es war eines der besten Konzerte jemals und wir fühlten uns sehr geehrt, bei dieser Sache dabei sein zu dürfen. Und darum ging es mir in erster Linie. Wir durften die Familie kennenlernen, die das Festival ausrichtet, und es war supertoll. Ihr Wohnzimmer war unser Backstagebereich, es gab veganes Catering und das Konzert war eines der schönsten diesen Sommer. Wir freuen uns, dass wir dort Haltung zeigen durften, und durch unsere Musik zu zeigen „Hey, wir sind da!“ Das ist das Mindeste, was wir tun können.

Hast du aus der Begegnung mit Birgit und Horst Lohmeyer etwas persönlich für dich mitgenommen?
Ja, definitiv! Das sind aufrechte und mutige Menschen. Sie lassen sich nicht vertreiben und das ist eine Ansage. Jamel ist ein sehr surrealer Ort, den ich mir ganz anders vorgestellt habe. Eigentlich ist er pittoresk an der Ostsee gelegen, so richtig schön. Da, wo unser Hotel stand, war es wirklich wie so eine Art Urlaubsort und dann sind da so Nazis und ich frage mich, was deren Problem ist.
Die Realität für mich: Ich gehe einmal hin, spiele und fahre danach wieder zurück. Aber die beiden müssen dableiben und werden schikaniert. Trotzdem zeigen sie Haltung und Rückgrat – das muss gesehen werden.

Am 4.3. geben Mille (2.v.r.) und seine Band richtig Gas: Die Grugahalle in Essen ist ein Heimspiel und somit von besonderer Bedeutung. Foto: Christoph Voy

Du hast einmal in einem Interview gesagt, wenn man die Möglichkeit hat, etwas zu bewegen, dann sollte man es auch tun.
Ja, absolut. Jede deutsche Band, die das Angebot bekommt, dort zu spielen, sollte es machen. Einfach, um zu zeigen, dass man diesen nationalsozialistischen Ideologien keinen Fußbreit gibt.

Das Interview wurde im Oktober 2022 geführt. Kurz danach wurde die für November und Dezember geplante Europa-Tournee von Kreator in den Februar und März 2023 verlegt.
Nächster geplanter NRW-Termin: 4.3. Grugahalle Essen
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