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Bermudadreieck: Geschichte wird gemacht

Konrad-Adenauer-Platz, Biergarten Mandragora, 1987 | Foto : Stadt Bochum, Presseamt
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Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Regierungen werden gewählt, Prinzen werden geboren, Könige sterben, Deutschland wird Weltmeister, der Mensch fliegt zum Mond und dem Bürger vom spitzen Kopf der Hut. Und in Bochum ist da plötzlich das Bermudadreieck, ein Wahrzeichen, ein Magnet, ein Vergnügungs-viertel, wie es nur wenige gibt. Da stellt sich doch die Frage: wie kam es denn nur dazu?

Das „3eck“ ist kein am Reißbrett entworfenes Kreativviertel. Kein visionärer Masterplan lässt sich in städtischen Archiven finden, keine visionäre Rede ist dokumentiert. Und doch ist über Jahrzehnte hin etwas wahnsinnig Großes (1600 Arbeitsplätze, Zehntausende Besucher, Kneipen, Kneipen, Kneipen) entstanden, das dennoch nicht immer nur den Geist der heute so vielfach beschworenen „Events“ verströmt. Noch hat das Bochumer Bermudadreieck seinen ganz eigenen Charme, möge das so bleiben.

Klar, die Frage nach dem „Vater“ des Bermudadreiecks wird immer wieder gestellt, wird auch gerne beantwortet. Zuvor war der geografische Ort ein Bahnhofsviertel. Mit entsprechendem Aussehen. Leicht rotlichtig. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Hotels wie das „Royal“, „Zum weißen Schwan“ und „Union“, der dynamischen jungen Industriestadt stand das Kino namens „Weltlichtspiele“ gut zu Gesicht und das 1925 fertig gestellte Lueg-Haus war zuweilen das höchste Haus der Stadt. Hier wurden Autos verkauft, heute zeigt das Union-Kino Filme.

Im Krieg wurde fast alles zerbombt, der Bahnhof wurde an seinen heutigen Standort verlegt, das „3eck“ wurde – sehr verkürzt gesagt – eine Leerstelle der Stadtplanung. Und so siedelte erste Gastronomie an: „Die Kulisse“ (Brüderstraße 8), die „Stripteasebar Romantica“ (Kortumstraße 19), das „Tanzcasino“ an der Kreuzstraße oder auch die „Lidobar“ an der Viktoriastraße, heute: Sachs. Und eine kleine schmale Kneipe namens IT-Stübchen (heute die Pinte) neben dem Kino „Intimes Theater“ (!) (heute Casablanca).

Sehen und gesehen werden

U-Bahn Baustelle, 1976 | Foto: Stadt Bochum, Presseamt

Mitte der 60er dynamisierte sich diese Entwicklung. Gesamtgesellschaftlich heizte sich die Stimmung durch die Studentenbewegung auf, die ersten RUB-Studenten nach der Gründung 1965 fanden aber quasi kein studentisches Leben in Bochum vor. Kein Pop nirgends. Doch diese Lage war ein fruchtbarer Boden für einige Macher, die mit Engagement, ökonomischem wie sozialem Gespür und Mut agierten. Leo Bauer etwa, gründete 1977 das Mandragora, das sich selbst als „Wurzel des Bermudadreiecks“ bezeichnet und eine mediterrane Idee in den urbanen Raum transportierte: draußen sitzen. Das gab es vorher nur im Wald und am See. Ein Fanal, vielleicht das Momentum für das „3eck“. Pop wird nun populär. Herbert Grönemeyer kommt mit wehenden Haaren, blond gelockt noch, aus dem Schauspielhaus die Straße herunter und singt im Mandra.

Inzwischen sind die Freisitze das große Merkmal der Flaniermeile. Sehen und gesehen werden – jetzt fast das ganze Jahr dank der Heizpilze. Über die Jahre verschwanden immer mehr nicht-gastronomische Geschäfte, neue Kneipenkonzepte entstanden. Die Gastronomen hielten bei aller Konkurrenz stets zusammen, gemeinsam gelang es so, weitgehend die große Systemgastronomie fernzuhalten, genauso wie sehr gelegentliche Vorstöße aus dem Rotlichtmilieu. Nur gegen Junggesellen-Abschiede scheint man wehrlos.

freundlich-funkelnd

Doch das gehört wohl zu dem dazu, was das „3eck“ heute ist. Ein für quasi alle goutierbares multifunktionales Vergnügungsviertel. Die Rest-Bohème findet man nur noch in Nischen. Spätnachts im Intershop, Mandragora oder Freibeuter vielleicht, am frühen Abend in der Pinte. Die große Mehrheit hat Spaß an Cocktails, an Gambas-All-You-Can-Eat, an Happy-Hour und Burger-Tag. Geht in tolle Kinos und winzige Third-Wave-Cafés, isst Currywurst, als gäbe es kein Morgen. Wundert sich über die Abwesenheit jeglicher Eisdiele. Kauft bis Mitternacht bei REWE ein und trinkt schnorrend Dosenbier auf dem Fußboden.

Das Bermudadreieck ist nicht mehr so wild und bös-funkelnd, wie es mal war. Doch so ganz gezähmt ist auch noch nicht. Die komplexeste Geschichtsschreibung hat Arnold Voß geleistet, gut geschriebene 70 Seiten umfasst seine auf der Webseite des 3ecks herunterladbare Story. Ihm ist dafür zu danken.

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