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Micky Beisenherz im Interview: An Befindlichkeiten kratzen

Foto: Bernd Jaworek

Alle zwei Wochen schreibt Micky Beisenherz im Stern seine Alltagsbetrachtungen nieder, die nicht selten kontroverse Diskussionen auslösen. Im Februar sind seine Kolumnen in gebündelter Form unter dem Titel „ … und zur Apokalypse gibt es Filterkaffee“ erschienen, der gleich mal auf die Spiegel-Bestsellerliste kletterte. Nun ist der Comedy-Autor und Moderator auf Lesetour in NRW unterwegs. Im Gespräch mit uns verrät er, woher sein Mitteilungsdrang in den sozialen Medien kommt, wieso Menschen nicht in emotionale Schutzhaft genommen werden sollten und warum er Graustufen in Kolumnen schätzt.

Was erwartet das Publikum auf Ihrer Lesetour mit Gästen wie Dunja Hayali, Frank Goosen oder Carolin Kebekus?
Es wird auf jeden Fall aus dem Buch gelesen, aber das Buch bildet mehr oder weniger nur die Grundlage für Gespräche mit Gästen auf der Bühne. Es wird ums gesellschaftliche und politische Tagesgeschehen gehen. Ob das neue Rammstein-Video oder Vorstöße von Christian Lindner zu „Fridays for Future“, es ist ja jeden Tag etwas los, was man aufgreifen kann. Und gleichzeitig nehmen wir die Kolumnen noch mal neu auf und schauen, wie sich Themen entwickelt haben. Vielleicht ist es am Ende aber auch mehr Late-Night- als Talk-Show. Wir lassen uns ein bisschen überraschen.

Sie sagen von sich selbst, dass bei Ihnen ständig die „Impulskontrolle klemmt“. Gibt’s Dinge, bei denen Sie im Nachhinein bereuen, sie gesagt oder geschrieben zu haben?
Och … nee, eigentlich nicht. Es sind eher die Sachen, wo man Menschen aus dem Privatleben etwas mehr exponiert, als sie es vielleicht verdient hätten. Diese Dinge tun mir im Nachhinein leid. Also wenn Leute aus dem erweiterten Umfeld plötzlich das Gefühl haben, dass man sie gegen ihren Willen ausgestellt hat. Aber was Personen aus der Öffentlichkeit angeht …

… da sind Sie gnadenlos …
Ja, im Zweifel auch mit mir selbst. Was ich mache ist, dass ich ganz klar schreibe, dass etwas meine Meinung ist. Vieles spiegelt schlicht mein persönliches Empfinden wider ohne den Anspruch auf Objektivität und Richtigkeit. Und es kann passieren, dass ich mir Texte von 2015 oder 2016 ansehe, auch unter der Betrachtung dessen, wie sich die Dinge entwickelt haben, und sie vielleicht heute so nicht mehr schreiben würde.

Was macht für Sie eine gute Kolumne aus?
Also es gibt Kollegen, die sich sehr stark positionieren. Die vertreten den einen Standpunkt, der dann entweder Weiß oder Schwarz ist. Das kann ich bei gesellschaftlichen Themen häufig gar nicht mehr machen. Manche Kolumnen sind auch deshalb interessant, weil sie sich den Graustufen unterwerfen, die bei der Betrachtung von vielen Themen einfach da sind.

Eine gute Kolumne muss ein bisschen wehtun, der Schmerz sollte allerdings beim Schreibenden anfangen.

Haben Sie ein Beispiel?
Der Fokus der Betrachtung ist ganz häufig, dass man sagt: „Ja, ich weiß, das wäre der richtige Weg, aber ich scheitere selbst regelmäßig daran, ihn weiter zu beschreiten.“ Auf diese Weise erreicht man im Zweifel auch mehr Leser, weil sie sich – wie man so schön sagt – abgeholt fühlen. Beispiel aktuelle Klimaproteste: Viele Eltern unterstützen ihre Kinder bei den Protesten, finden das richtig und gut, fahren sie dann aber mit dem SUV zur Demo. Diese Ambivalenzen immer wieder aufzugreifen und an den Befindlichkeiten zu kratzen, darum geht es. Und dann nehme ich gerne in Kauf, dass man mir diverse Sachen um die Ohren haut, aber manches tut halt einfach auch weh, weil es stimmt. Eine gute Kolumne muss ein bisschen wehtun, der Schmerz sollte allerdings beim Schreibenden anfangen.

Sie twittern nahezu täglich. Woher kommt dieser Mitteilungsdrang?
Das ist eine sehr gute Frage. Der Drang wurde natürlich dadurch befeuert, dass es relativ viel Resonanz gab und sich dann irgendwann das Gefühl einstellte, man sei so was wie der Bundespräsident und müsste zu jeder Situation etwas sagen. Da bin ich demselben Reiz erlegen wie viele der prominenten Kollegen. Bei gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist es manchmal aber auch einfach ganz nett, eine provokante Frage zu stellen – wie so einen Stein, den man ins Wasser wirft, um dann zu schauen, welche Wellen er schlägt. Dass man ab und zu von den Wellen nasse Füße bekommt oder die ganze Hose nass wird, gehört dazu.

Ihnen gefällt es also, wenn sich Dinge in den sozialen Medien aufschaukeln und Sie selbst Empörung auslösen?
Empörung möchte ich gar nicht haben, die haben wir schon genug. Empörung kriegst du mittlerweile gratis für alles. Dialog und echte Auseinandersetzung finde ich deutlich spannender und zwar eine Auseinandersetzung, die nicht einzig darauf abzielt, schon im dritten Kommentar den Andersempfindenden niederzumachen. Wenn ich möchte, dass das Gegenüber zuhört, sollte ich vielleicht nicht mit einer Beleidigung anfangen.

In einer Kolumne machen Sie sich über die Kreativität einiger Eltern bei der Benennung ihres Nachwuchses lustig und bedauern zugleich, dass es in Ihrer Generation nur acht Vornamen gab. Wie kam es denn dazu, dass aus dem schnöden Michael der hippe Micky wurde?
Das kann ich tatsächlich gar nicht sagen, weil der Micky schon immer da war, seitdem ich denken kann. Also ich habe mir den nicht selbst ausgedacht. Auch im Falle der Ermahnung und des Schimpfens wurde er benutzt, so tief sitzt das, selbst da spielte der Michael keine Rolle. Ich weiß gar nicht, warum sich meine Eltern diesen grandiosen Vornamen ausgedacht haben, wenn sie nie willens waren, ihn zu benutzen.

Sie sind in Castrop-Rauxel aufgewachsen. Wie beschäftigt man sich als Kind und Jugendlicher in Castrop?
In meiner Jugend im ländlichen Teil von Castrop-Rauxel, in Henrichenburg, habe ich wahnsinnig viel Zeit auf wilden Wiesen, in Bäumen und in Neubaugebieten verbracht. Als Jugendlicher gab es dann die üblichen Partys in Jugendzentren und Kolpinghäusern, im Alter zwischen 15 und 20 haben wir uns dort sehr regelmäßig alkoholisiert.

Im Format „Das Lachen der Anderen“ besuchen Sie mit Oliver Polak schräge Tierliebhaber, blinde Menschen oder Kleinwüchsige. In einem Stand-up-Auftritt am Ende jeder Folge werden dann genau über diese Menschen Witze gemacht. Was reizt Sie an einer solchen Comedy im Grenzbereich?
Zu gucken, was geht und was nicht geht. Es ist eine Art humoristischer Zivildienst, den man leistet. Du schnupperst in Bereiche, die dir vorher fremd waren und ich empfinde große Dankbarkeit, dass wir das dürfen. Die Quintessenz bisher: Menschen mit den unterschiedlichsten Herausforderungen lachen eigentlich alle gerne über sich, auch über harte Witze. Das Wichtige ist, das man verstanden hat, wie sie sind und wie sie leben. Am Ende will jeder Mensch nur gehört und gesehen werden. Das eint den Rollstuhlfahrer mit dem nicht gehandicapten Menschen. Leute in emotionale Schutzhaft zu nehmen, fördert nur die Diskriminierung. Aber der Humor muss aus einer Zuneigung entstehen und nicht aus der Distanz.

Laut Ihres Vorworts darf man Ihr Buch gerne auf dem Klo lesen. Welche Klolektüre liegt denn bei Ihnen gerade rum?
Ein Fußballbuch von Ben Redelings, außerdem der aktuelle Spiegel, das aktuelle Rolling -Stone-Magazin und der Interviewband „Draußen scheint die Sonne“ von Alexander Gorkow aus dem Jahr 2008.

Micky Beisenherz – „Apokalypse & Filterkaffee“: 19.5., Ebertbad, Oberhausen; 20.5, Gloria-Theater, Köln; 22.5., Zeche Carl, Essen

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