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Das Young’n’Rotten-Ensemble überzeugt mit „Alice“

Foto: Thorsten Schnorrbusch
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Lewis Carrolls Alice, die den Weg ins zauberhafte Wunderland findet, ist wohl eine der bekanntesten Geschichten der Weltliteratur. Hunderte Nacherzählungen und ebenso viele Perspektiven auf den Roman gibt es schon – die vom Young’n’Rotten-Ensemble des Rottstr5Theaters reiht sich nun ein.

„Die sind doch alle verrückt“, schoss es jedem beim Lesen mindestens einmal durch den Kopf, wenn das weiße Kaninchen mit der Taschenuhr herumhoppelt oder der Hutmacher schrille Kopfbedeckungen anpreist. „Alice im Wunderland“ ist ein skurriles Kulturgut, dem man nicht entkommen kann. Die Geschichte bleibt gleich: Alice, ein junges und vom Alltag gelangweiltes Mädchen, folgt einem sprechenden Kaninchen in einen Kaninchenbau und landet auf direktem Wege im Wunderland, wo weder physikalische Gesetze noch Logik zu existieren scheinen. Pflanzen sind mannshoch, Alice winzig klein, Katzen grinsen und Tiere sprechen. Aber Alice‘ sagenhafte Erlebnisse stellen sich als ein fantastischer Traum heraus – oder eben als Wahnvorstellung.

Auf der abgerissenen Bühne der Rottstraße 5 werden die Charaktere der Kindergeschichte kurzerhand zu Patienten einer psychiatrischen Klinik. Das Stück wird in einer Gruppentherapie verpackt, inklusive surrealer Gute-Laune-Musik, Stuhlkreis und Selbsthilfemantra. Strumpfhosen werden zwischenzeitig zu Hasenohren umfunktioniert und es gibt spontane Tanzeinlagen der rauchenden Raupe. Etwas unkonventionell stellen sich die Charaktere in episodenhaften Erzählungen vor.

Foto: Thorsten Schnorrbusch

Diese episodenhaften Einschübe in das Stück lassen die Zuschauer bisweilen verwirrt die Stirn runzeln, was aber auch nur Teil der Interpretation ist. Geschichten über einen Super-Computer, der die Weltherrschaft an sich gerissen hat, oder eine Virtual-Reality-Simulation à la „Mission Impossible“, legen dem Publikum Fäden in die Hand, die sich irgendwo im Verlauf des Stücks verlieren und nicht mehr aufgegriffen werden. Die Hauptgeschichte aber ist überraschend neu. Während man im Glauben gelassen wird, Alice wäre noch immer die Heldin der Story, schleicht sich langsam ein von bisherigen Interpretationen vernachlässigter Charakter leise, still und heimlich in den Vordergrund: Alice‘ Schwester. Diese verarbeitet die merkwürdigen Erzählungen und offensichtlichen Wahnsinn ihrer Schwester Alice, indem sie gedanklich alles und jeden ins Irrenhaus verfrachtet. Das schwesterliche Gezanke lässt einen zum Schluss noch einmal schmunzeln, bevor auch schon der letzte Vorhang fällt – bildlich gesprochen.

Unterm Strich also: Ein wenig verwirrend, ein wenig lustig, ein wenig dramatisch, ein wenig genial – „Alice“ folgt dem Geist des Originals mit einer grandiosen Vorstellung des Young’n’Rotten-Ensembles und lässt den Zuschauer – ganz im Geiste Carrolls – etwas orientierungslos zurück. Die Realität wird ausgestöpselt und es geht hinunter in den Kaninchenbau.

Jana Lotter

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