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Mehr Toleranz wagen: Kunstprojekt „Schubladen“

Fotos: Meike Hahnraths
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Der erste Eindruck zählt – aber stimmt er auch? Wie sehr man sich täuschen kann, zeigt das Kunstprojekt „Schubladen“ der Fotografin Meike Hahnraths: Sie hat Menschen mit und ohne Behinderung porträtiert und lässt die Betrachter rätseln, wer sich hinter den Bildern verbirgt. Jetzt ist die interaktive Ausstellung in der Citykirche Mönchengladbach zu sehen.

Es geschieht tagtäglich, unbewusst und in Millisekunden – das erste Urteil über einen Menschen ist schnell gefällt. Der Mann im schnittigen Anzug: sicher ein Banker. Die Frau mit biederer Frisur und randloser Brille: eine typische Lehrerin. Jemand im Rollstuhl: behindert. Schablonenhaftes Denken ist bequem, schafft schnelle Orientierung und erleichtert das Leben. Nur wird es in den wenigsten Fällen der Person gerecht, die wir allein aufgrund von Äußerlichkeiten in eine Schublade stecken. Die Mönchengladbacher Fotografin Meike Hahnraths möchte dazu beitragen, diese Denkmuster zu ändern.

Ihr Kunstprojekt „Schubladen“ zeigt Porträtfotos sehr unterschiedlicher Menschen. Die Hälfte von ihnen gilt umgangssprachlich als ‚normal‘, die anderen sind Bewohnerinnen einen Frauenhauses oder Menschen mit einer physischen oder psychischen Einschränkung. Es sind Fotos von Menschen, die Selbstbewusstsein und eine große Würde ausstrahlen. Etwaige Anomalien bleiben unsichtbar. „Niemand ist nur das eine, körperlich oder geistig behindert, gedemütigt oder alt“, sagt Meike Hahnraths. „Egal, welches Schicksal ein Mensch hat, jeder trägt in sich eine Facette von innerer Unversehrtheit und Stärke, ein inneres Strahlen. Das ist es, was ich mit meinen Bildern zeigen möchte.“ Die Identität ihrer Models gibt die Fotografin nicht preis. Stattdessen bittet sie die Besucher um ihre Einschätzung. Jedem Porträt sind vier Kurzbeschreibungen zugeordnet, aber nur eine trifft zu: Restaurantbesitzerin oder Leiterin eines Seniorenheims? Kurator eines Museums oder Arbeiter in einer Behindertenwerkstatt? Yogalehrerin oder Gast in einem Frauenhaus? Das Quiz (auch online) konfrontiert den Betrachter mit seiner vermeintlichen Menschenkenntnis und den Schubladen im Kopf. Eine 1:1-Auflösung gibt es nicht, jedoch die Trefferquote.

Handicap Hirn
Die Künstlerin berichtet von bewegenden Reaktionen, sowohl seitens der Porträtierten als auch des Publikums. Da ist die Mutter, überglücklich ein Bild zu haben, auf dem ihr Sohn selten entspannt aussieht. Der junge Mann, dem sein Styling beim Shooting so gut gefällt, dass er zur Vernissage in einem ähnlichen Outfit erscheint. Der Besucher, der bei keiner Frau ankreuzen mag, dass sie in einem Frauenhaus lebt, um sie nicht ein weiteres Mal zu erniedrigen. Und hin und wieder regt sich jemand auf: Eine Frau fragte erbost, warum die Behinderten denn nicht behindert aussehen. „Dürfen die das nicht?“ – „Doch, natürlich“, war die Antwort. „Aber sie müssen nicht. Behinderung ist nur ein Aspekt von vielen.“
Seit „Schubladen“ erstmals 2016 in Köln zu sehen war, reist die Ausstellung durch das Land. In Kooperation mit dem Bistum Aachen und dem Katholischen Forum wird sie vom 5. September bis 30. Oktober in der Citykirche Mönchengladbach gezeigt, flankiert von einem abwechslungsreichen Begleitprogramm. 176 Menschen hat Meike Hahnraths bislang für das Projekt fotografiert; es wächst beständig weiter. Zudem sind daraus die inklusiven Workshops „Inklusion macht schön“ entstanden: Unter der Anleitung von Profis lernen die Teilnehmer, das Beste aus ihrem Typ zu machen. „Es ist keine Stilberatung“, stellt die Initiatorin klar, „das wäre übergriffig.“ Es geht um Farben, Brille, Frisur, eine nette Gesamterscheinung. Oft bekämen Menschen mit Einschränkungen kaum Schützenhilfe, was ihr Äußeres betrifft. Doch das sei nun mal das Erste, was andere von ihnen wahrnehmen. „Wir möchten zeigen, dass man die Schublade, in die man von Fremden gesteckt wird, aktiv mitgestalten kann.“

Meike Hahnraths sagt, mit dem Schubladen-Projekt habe sie sich selbst das größte Geschenk gemacht. „Ich habe so viele tolle Menschen kennen gelernt.“ Etlichen Besuchern hat die Ausstellung neue Denkanstöße gegeben, das zeigen die zahlreichen Rückmeldungen. Der erste Schritt zu einem vorurteilsfreieren Miteinander besteht darin, sich bewusst zu machen, wie schnell man Menschen in ein Wertesystem packt – und sie dort lässt. „Leute in Schubladen zu stecken, ist überhaupt nicht das Problem“, sagt Meike Hahnraths. „Man darf die Schubladen nur nicht zumachen.“
Meike Hahnraths – Schubladen 5.9.–30.10., Citykirche Alter Markt, Mönchengladbach

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