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Sascha Bisley: vom Gewalttäter zum Sozialarbeiter

Foto: Inga Pöting

Sascha Bisley war fast noch ein Kind, als er sich gewaltbereiten Gruppen im Ruhrgebiet anschloss. Schlägereien, Waffen und Drogen waren für ihn jahrelang an der Tagesordnung. Als 19-Jähriger tötete er zusammen mit einem Freund unter Alkoholeinfluss einen Obdachlosen – und kam ins Gefängnis.

Heute ist Bisley ein anderer Mensch. Er arbeitet in Dortmund und im Sauerland als Sozialarbeiter und redet offen über seine Vergangenheit. Höhepunkt des Abschlusses mit seinem alten Leben ist die Autobiografie “Zurück aus der Hölle – vom Gewalttäter zum Sozialarbeiter”, die am 6. März im Ullstein Verlag erscheint.

Geschichten erzählen ist für Bisley nichts Neues. Als Blogger und Kurzgeschichtenautor hat er in Dortmund längst lokale Berühmtheit erlangt. Inga Pöting sprach mit dem bodenständigen 42-Jährigen über Früher, Heute und sein erstes Buch.

Dein Buch könnte persönlicher kaum sein. Wieviel Mut hat dich die Veröffentlichung gekostet?
Mut ist das falsche Wort – man braucht ein Maß an Entschlossenheit! Es verlangt mir tatsächlich viel ab, das Buch zu veröffentlichen, eben weil es sehr privat ist. Ich habe es vorher nicht einmal Freunden gezeigt, sondern wollte lieber das fertige Werk abliefern. Für mich ist das Buch Verarbeitung, ich habe mir da etwas von der Seele geschrieben. Es gibt viele Mutmaßungen von alten Bekannten – jeder hat seine eigene Version der Geschichte. Das Buch ist meine Version, und die ist komplett wahrheitsgetreu.

Das Buch heißt “Zurück aus der Hölle” – welche Hölle meinst du?
Nicht das Gefängnis – wenn auch der Knast wie die Hölle für mich war –, sondern das selbstgewählte Etwas von damals, das ich Leben genannt habe. Ich habe mich früher nur mit gequirlter Scheiße beschäftigt, da war gar kein Platz für schöne Dinge. Nach dem Knast habe ich alles, was ich vorher nicht hatte, aufgesogen wie ein Schwamm. Heute bin ich selbst kreativ tätig und lasse mich gerne von anderen inspirieren.

Woher kam der Entschluss, Sozialarbeiter zu werden?
Zuerst habe ich die Gespenster im Keller eingesperrt. Ich dachte, mit dem Tag meiner Entlassung aus dem Gefängnis ist das Kapitel abgeschlossen. In meiner Familie war Verdrängung an der Tagesordnung. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich aus dem Mist, den ich früher gemacht habe, etwas Gutes machen kann. Etwas Gutes tun zu können – das war mir bis dahin noch nicht oft passiert. Das ist Therapie und Abbitte in einem für mich. Nicht, dass ich eine Absolution von irgendjemandem bräuchte – die kann ich mir nur selbst geben. Mit der Arbeit und dem Buch bin ich in eine Richtung gegangen, wo ich mir selbst wieder in die Augen sehen kann.

Du arbeitest viel für Jugendämter.
Das fing im Kleinen an. Die dachten sich wohl: dieser tätowierte Asi hat andere Möglichkeiten, an Leute ranzukommen. Und hatten damit auch ein Stück weit recht. Es ist nicht so, als ob ich jeden knacke, aber wenn ein Jugendlicher schon zwei, drei Sozialarbeiter verschlissen hat, kannst du dem eben nicht mehr kommen mit Gesprächsrunden und Tee. Das ist, wie wenn du einem Blinden von Farben erzählst. Diese Jugendlichen haben sich aufgegeben. Aber wenn die dann sehen, dass ich das auch hinter mir habe, ein Buch geschrieben habe und in demselben Knast arbeite, in dem ich früher selbst gesessen habe – dann merken sie: es ist vielleicht doch nicht ganz zu Ende.

Im Buch erscheint deine Zeit im Knast wie die klassische Läuterung. Ist das Gefängnis für dich eine sinnvolle Einrichtung?
Ich finde diese Entwicklung gar nicht klassisch! Für viele hat der Knast überhaupt keine Wirkung, er ist vielmehr ein Trainingslager, wo neue Straftaten verabredet werden. Bei mir hat die Resozialisierung zwar funktioniert – aber das Gefängnis ist für mich deshalb noch keine sinnvolle Einrichtung. Dafür hasse ich diese Bude viel zu sehr. Ich habe dort viele Seelen zerbrechen sehen, inklusive meine eigene – und ich war nur ein Jahr in Untersuchungshaft! Aber ich bin da drin auch geerdet worden. Draußen dachte ich, ich bin der Härteste überhaupt, drinnen habe ich gemerkt, ich bin eigentlich weich. Ich würde darum eher sagen, dass es eine Möglichkeit war, aus der gewohnten Umgebung rauszukommen und sich neu zu sortieren. Diese Möglichkeit zu nutzen, liegt bei jedem selbst.

Was führt dich heute in Gefängnisse?
Ich arbeite zum Beispiel mit schwer kriminellen Jugendlichen, die mit einem Fuß schon im Knast stehen. Bullys eben, um die 15 Jahre alt, mit wenig Respekt und einer Menge Hass. Die nehme ich dann mit in den Jugendknast und setze sie für maximal eine Stunde in die Zelle, schließe vielleicht auch kurz mal ab. Die kommen da verändert raus! Die rennen draußen als Gangster rum und werden auf einmal ganz klein. Das ist nicht wie “Hinter Gittern” auf RTL. Mich hat das damals total geflasht, ich will das nie wieder erleben.

Du feierst heute sogar zwei Geburtstage.
Den richtigen und das Entlassungsdatum aus dem Gefängnis. In meinem neuen Leben bin ich erst knapp über 20 Jahre alt. Das Datum feiere ich zwar nicht mit Hütchen und Fanfare im Mund, aber es ist doch ein Tag, wo ich auf den Kalender gucke und jedes Mal ein Gefühl der Dankbarkeit habe. Ich bin sehr dankbar für das, was ich jetzt machen kann.

In Dortmund bist du inzwischen fast schon eine Kultfigur.
Der Bekanntheitsgrad kommt wohl vor allem durch mein Blog, die Dortmund Diarys. Zuerst war das nur ein Reiseblog, dann habe ich auch zu Hause weitergemacht. Die Locations, wo ich gelesen habe, wurden immer größer, waren oft ausverkauft. Das hat fast schon so ein Rockstar-Feeling, womit ich selbst nie gerechnet hätte. Liegt wohl irgendwie daran, dass ich polarisiere, aber auch Authentizität mitbringe – man nimmt mir den Scheiß einfach ab.

Hast du keine Angst, durch das Buch vor allem als ehemaliger Gewalttäter berühmt zu werden?
Natürlich habe ich die Befürchtung, dass das alles in eine Richtung geht, die mir nicht gefällt. Ich habe eine narzisstische Ader an mir, präsentiere mich gerne – Bühnenmenschen haben immer einen kleinen Furz im Kopf. Damit trete ich vielleicht Menschen auf die Füße, die sich fragen: wie kann man jemanden, der so schlimme Dinge getan hat, auch noch abfeiern? Ich kann und will nicht jedem gefallen. Aber ich denke, dass der Stoff gut und lesbar ist. Und manchmal sind die, die am lautesten schreien gleichzeitig die, die selbst Leichen im Keller haben und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Es ist eben ungewöhnlich, über diese Themen überhaupt offen zu reden. Das Buch wird eine Menge Fragen aufwerfen. Ich fühle mich in der Pflicht, die dann auch zu kommentieren.

dortmund-diary.de

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