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Schauspielhaus Dortmund: Rainald Grebe begräbt die SPD

Foto: Birgit Hupfeld / Theater Dortmund

Natürlich ist Rainald Grebes Stück „Unsere Herzkammer“ zu 150 Jahren SPD in Dortmund satirisch und böse und schwarzhumorig. Der Kabarettist und Theatermacher ist nicht zimperlich, lässt sein Ensemble aus Schauspielern und Laien die Sozialdemokratie am Ende sogar zu Grabe tragen. Überraschender sind Melancholie und Wehmut, die sich bald als Untertöne in die Geschichte des Niedergangs einer Volkspartei mischen.

Das Bühnenbild von Jürgen Lier sieht aus, als hätte man einen abgeranzten Gewerkschaftsfestsaal mit einer Kirche gekreuzt. Die grandiose Zeremonienmeisterin Anke Zillich steigt in die äußerst kurzweilige Revue ein, indem sie alle Dortmunder Ortsvereine samt Vorsitzender begrüßt. Die skurrilen Orts- und Menschennamen rattern ihr so herrlich komisch von den Lippen wie Evelyn Hamanns englische Serien-Ansage im Loriot-Sketch. Überhaupt ist der Witz dieses Abends oft wunderbar altmodisch. Man spürt, dass der Kölner Rainald Grebe auch die eigene westdeutsche Biografie verarbeitet, eine Zeit, in der die Sozialdemokratie mit Typen wie Willy Brandt und Helmut Schmidt ungemein wichtig war. Um die Wehmut des Abschieds zu bebildern, lässt der gelernte Puppenspieler Grebe menschengroße Tauben auftreten – weil die Taubenzüchter ein großes Zukunftsproblem haben wie die SPD. Und im letzten Drittel spielt der Männergesangsverein „Harmonie“ der Zeche Victoria aus Lünen eine große Rolle. Die ehemaligen Bergleute wirken in ihren Uniformen so deplatziert wie Martin Schulz, der kurz durch die Bühnenluft schwebt.
Das Tollste an Rainald Grebes Abend ist, dass er sein Thema eigentlich verfehlt: Er hält sich nur kurz mit der Dortmunder SPD-Geschichte auf. Bald wird der Abend zu einer Analyse der Problemlage der bundesdeutschen SPD. Grebe bezieht die tollen Bühnenmusiker, Mitglieder des Chors der Dortmunder Tafel und auch die Bergleute mit ein, um ein differenziertes Bild dessen zu zeichnen, was heute Arbeiterschaft ist. Um die habe die SPD sich bitte zu kümmern – statt mit markigen Sprüchen die Mitwirkung an der Demontage der Sozialsysteme zu übertönen.
Unsere Herzkammer: 2.,3. & 29.5. Schauspielhaus, Dortmund

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