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Den Anschluss verpasst: Porno aus dem Pott

Foto: Fabian Paffendorf
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Als Liebe, Sex und Zärtlichkeiten auch kommerziell in Deutschland das Laufen lernten, waren es findige Akteure aus der Region, die die Gunst der Stunde nutzten, um das Ruhrgebiet auch als Wirtschaftsstandort für Pornografie & Co. bundesweit bekannt zu machen. In Zeiten von Tinder, ständiger Verfügbarkeit von Porno-Clips im Netz und der abnehmenden Nachfrage nach physischen Datenträgern hat die heimische Industrie aber den Anschluss verpasst. Ein Blick auf die Porno-Pioniere aus dem Pott – und was aus ihnen wurde.

Kohlenpott ist Montanindustrie, Currywurst-Pommes-Mayo, Horst Schimanski, Fußball, Büdchen und Adolf Winkelmann. Man ist Metropole Ruhr. Von Hagen bis Oberhausen, von Essen bis Dortmund – da hält man sie hoch, die Industriekultur. Aber sich damit werbewirksam zu kleiden, dass man vor gar nicht mal so langer Zeit Innovationsballungsraum der Sexindustrie war, fällt hingegen schwer. Sorgt doch allein das Wörtchen Porno bei so manchem für verlegenes Gekicher und rote Ohren. Dabei hat der Erotik-Markt in Deutschland und insbesondere dem Ruhrgebiet Geschichte. In Form der Ausläufer der 68er-Bewegung fordert die Neue Linke in West-Deutschland die sexuelle Befreiung. Etwas keuscher, aber ebenso nachhaltig kommt der erste Aufklärungsfilm von Oswalt Kolle daher, der im selben Jahr in die Lichtspielhäuser wandert.

In Dänemark passiert derweil etwas, was auch das Leben in deutschen Schlafzimmern verändern wird: Die Produktion und der Handel von Pornografie in Wort (1968) und Bild (1969) wird freigegeben. Der Deutsche schielt interessiert zum unzüchtigen Nachbarn rüber, denn im Land der Dichter und Denker sieht der Gesetzgeber (noch) hohe Geld- und sogar Gefängnisstrafen für diejenigen vor, die Erotika herstellen, verbreiten oder zugänglich machen (Paragraph 184 StGB). Skandinavische Pornografie beschäftigt jetzt auch deutsche Zollfahnder. Tonnenweise werden frivole Hefte und Super-8-Filmchen nach Deutschland geschmuggelt und unter den Ladentheken verkauft. Die Justiz ächzt unter der Last von Verfahren gegen Porno-Schmuggler. Derweil erfasst die Sex-Welle auch die Kinos der BRD. Der Schulmädchen-Report (1970) und seine zwölf Fortsetzungen werden zur erfolgreichsten deutschen Kinoproduktion aller Zeiten. In den Streifen und deren Epigonen (z.B. Krankenschwestern-Report, Hausfrauen-Report oder Tanzstunden-Report) verzichtet man (noch) auf explizite Nahaufnahmen des Aktes.

In Essen betreibt derweil Horst F. Peter einen Buchladen. Und weil der merkt, wie viel Geld sich mit der „Bückware“ aus Skandinavien machen lässt, importiert er „Weekend Sex“, eine frivole Postille für Erotik-Kontakt. Mit dem Chefredakteur des Heftes produziert Peter 1972 eine deutsche Version namens „Happy Weekend“. Für den Druck der heißen Ware ist der Kölner Gerd Wasmund zuständig. Wasmund und Peter lernen den italienischen Juristen Alberto Ferro kennen. Der schmuggelte einige Zeit Sexmagazine nach Italien und dreht jetzt unter dem Pseudonym Lasse Braun in Dänemark Hardcore-Pornos auf Super-8-Film. Horst F. Peter und Gerd Wasmund zeigen sich stark beeindruckt von der stilvoll fotografierten Pornografie im Bewegtbild und dem potenziellen Markt dafür.

1972 kommt auch der Journalist Michael Schey während einer Reportage für den Spiegel in Kontakt mit der Pornobranche. Der gebürtige Essener, der bei Otto Steiner an der Folkwang-Hochschule Fotografie studierte, geht Mitte der 70er Jahre nach München, arbeitet als Standfotograf im Porno-Bereich. 1973 zeichnet sich bereits ab, dass der Paragraph 184 in seiner bisherigen Form in nächster Zeit fallen wird. Der Jurist Siegfried Bartylla, Geschäftsführer des Dortmunder Filmverleihs Bauer-KG, bereitet seine Firma längst darauf vor. Deren wirtschaftliches Glück liegt nämlich in den USA. Dort laufen Pornos mittlerweile in normalen Kinos und erreichen das breite Publikum. Möglich machte es der Streifen „Deep Throat“ (1972), der den Porn-Chic begründete. Siegfried Bartyllas Firma kauft die Filmrechte an „Deep Throat“ und vielen weiteren US-Pornos ein. Synchronisiert will die Bauer KG die Schmuddelfilme in die deutschen Kinos bringen.

Foto: Fabian Paffendorf

Von Schmugglern zu Großunternehmern

Im Januar 1975 ist es soweit: Die Neufassung des Paragraphen 184 tritt in Kraft. Das Essener Magazin „Happy Weekend“ darf offiziell gehandelt werden, „einfache“ Pornografie ist erlaubt. Um aber ein schlagartiges Ausbreiten von Pornokinos zu verhindern, hat der Gesetzgeber festgelegt, dass Pornofilme zwar Erwachsenen gezeigt werden dürfen, doch das Eintritts-Entgelt nicht mehrheitlich für die Vorführung erhoben werden darf. Das heißt, sofern der überwiegende Teil des Eintrittspreises sich eben rein rechnerisch auf ein oder zwei Getränke, eine Schachtel Pralinen oder sonstiges bezog, konnte das Kino den Film zeigen. Genau hier setzte Siegfried Bartyllas Geschäftsmodell an. Wer seine „PAM“ getauften Filmprogramme spielen wollte, der musste eine Franchise-Lizenz erwerben. „PAM“-Kinos wurden als Schankbetriebe angemeldet . Das Dortmunder-Franchise war ein Hit – schon bald gab es 100 „PAM“-Kinos in der BRD. Mit Lizenztiteln und Eigenproduktionen ging jetzt ebenfalls Gerd Wasmund an den Start, der sich ab sofort Mike Hunter nannte und Lasse Brauns Filme weltweit vermarktete. Horst F. Peter steigt ebenfalls in den Filmmarkt ein, baut die Unternehmensgruppe Silwa Filmvertrieb AG auf und expandiert immer weiter. Videorama GmbH, die Elfra Filmproduktions- und Verlagsgesellschaft, PUAKA Video Production GmbH, Profima, das SVK-Video-Kopierwerk, die Silwa Filmvertrieb GmbH und E.A.T. Medien sind die Essener Firmen, die sich unter seinem Dach über die Jahre bündeln.

Den Höhepunkt erreicht der deutsche Pornofilm 1984 mit der 12 Millionen D-Mark teuren Historien-„Adaption“ „Katharina und die wilden Hengste“. Einem 180-Minuten Epos mit der Castrop-Rauxelerin Uschi Karnat in der Hauptrolle. Danach ist die goldene Ära der Porno-Kinos vorbei, ab jetzt wird direkt für die Regale der Videotheken produziert. Siegfried Bartylla zieht sich aus der Branche zurück. Michael Schey macht hingegen unter dem Namen Harry S. Morgan jetzt Karriere als Regisseur und Produzent bei Horst F. Peters Videorama GmbH. Voll auf den Videomarkt spezialisiert ist auch das 1988 in Essen von Walter Molitor gegründete Unternehmen MTC, unter dessem Dach die Firmen Magmafilm und Tabu gebündelt sind.

Und heute? Siegfried Bartylla tötete sich und seine Familie im April 1994, Michael Schey starb 2011 eines natürlichen Todes. Uschi Karnat wirkt heute als Statistin in TV-Serien mit. Magmafilm wurde 2000 von der Schweizer Mascotte Film AG aufgekauft.

Und Horst F. Peters Firmenimperium steckt seit 2016 in der Insolvenz. Porno aus dem Pott hat die notwendige Kehrtwende im Internetzeitalter verpennt, wie der Berliner Film- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger darlegt: „Die Branche war unfähig, sich ins Internetgeschäft zu verlagern. Man hielt stur an den alten Vertriebskanälen fest und verpasste den Anschluss“. Doch nicht nur der Markt, sondern auch die Beziehung der Gesellschaft zur Pornografie habe sich gewandelt. Einen erneuten Porno-Boom, der frivole Heftchen und Filme in den 70ern in die Mitte der Gesellschaft brachte, wird die Industrie in absehbarer Zeit nicht sehen. Obschon Porno im Netz jederzeit verfügbar ist, hat er sein anrüchiges Image zurückerhalten. „Ursächlich ist dafür auch ein spürbarer Rechtsruck in der Gesellschaft, der die Anarchie alles Sinnlichen ausgrenzt. Alles, was aus dem Rahmen fällt, wird durch eine konservative Rezeption wieder an den Rand gedrängt – so wie in den 50ern und 60ern“, sagt Marcus Stiglegger.

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