Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Weitere Informationen

Lieblingsorte: Rundgang in Rüttenscheid

Foto: IGR

Rüttenscheid ist ein urbanes Viertel, das von kleinen Fachgeschäften, Restaurants in allen Preisklassen und einem umtriebigen Nachtleben geprägt ist. Die Luft im Grugapark hat Kurort-Qualität, das Folkwang-Mueseum ist einer der wichtigsten Orte für moderne Kunst in Deutschland – und doch hat jeder seine ganz eigenen Lieblingsorte. Ein Stadtspaziergang.

Es ist Samstag früh, sehr früh, und wir haben Hunger. Nach einer Kneipentour durch Rüttenscheid stehen wir in der Passage an der Zweigertstraße vor dem Bohei. Um diese Zeit haben sich hier so einige Nachtschwärmer versammelt. Ein paar stehen vor der Bude und trinken Dosenbier, andere rauchen auf, bevor sie noch vor uns im Club verschwinden. Mit knurrendem Mägen klopfen wir bei Jonny’s Esskultur, dem Imbiss nebenan. „Kannste vergessen“, prognostiziert die Begleitung, „die haben schon dicht.“ Doch ein schmaler Mann mit freundlichen Augen macht uns auf. Pommes und vegane Currywurst nach Ladenschluss? Ehrensache. Der Mann, der sich mit „Jonnys Bruder“ vorstellt, macht die Fritteuse noch mal an. Dazu gibt’s einen Schnaps aufs Haus.

Ein paar Stunden später werden am Rüttenscheider Markt die ersten Stände aufgebaut. Mit etwas Glück passt das Timing und man kann nach einer langen Nacht Käse, Wurst und Brötchen abgreifen. Wer schon geschlafen hat, geht später auf den Markt und danach in die Weinbar Le Chat Noir, die samstags italienisches und französisches Frühstück auffährt. Oder in die Zweibar auf der Rü, wie Anwohner die Rüttenscheider Straße nennen, um in Wohnzimmer-Atmo frisch gepressten Saft und Yoghurt mit Früchten zu schnabulieren. Oder zu den Sweet Coffee Pirates, die ihren Kaffee selbst rösten. Die Qual der Wahl gehört zu Rüttenscheid wie die blühenden Kirschbäume im Frühling – alle 180 Gastronomen zu testen, ist eine Lebensaufgabe.

Weder besonders reich noch jung

Foto: IGR

Das Gleiche gilt für einen Einkaufsbummel – man kann unmöglich alle Läden von innen sehen. Denn auf der zweieinhalb Kilometer langen Rü und ihren Nebenstraßen gibt es rund 380 Einzelhändler. 50 davon sind Modegeschäfte, die anderen bieten Geschenke, Schmuck, Schreibwaren, Handwerkskunst, Elektronik und mehr an. Das Besondere: Mehr als 80 Prozent der Läden sind Inhabergeschäfte, nur ein Bruchteil Filialen.

Die Rü ist ein urbaner Ort. Das Rauschen des Verkehrs und die Gespräche derjenigen, die Besorgungen machen oder ausgehen, liegen immer in der Luft. Die Straßenbahnfahrer am Rüttenscheider Stern grüßen sich untereinander mit klingelnder Hupe, bei fast jedem Wetter sitzt ein Akkordeonspieler an der Ecke Martinstraße und belohnt jeden Blickkontakt mit einem breiten Grinsen. Doch Teil der Einkaufsstraße ist auch die Siechenhauskapelle, ein kleines, gelbes Gebäude mit Spitzdach. Man muss nicht religiös sein, um diesen Ruheort zwischen den Geschäften zu lieben. Um den Jahreswechsel steht vor der Kapelle ein vier Meter hoher Weihnachtsbaum.

Auf der Leiter daneben kämpft Rolf Krane gerade mit einer 200 Meter langen Lichterkette. Die Gestaltung des Baumes, die Winterbeleuchtung der Rü und das jährliche Rü-Fest organisiert die Interessengemeinschaft Rüttenscheid (IGR). Anwohner Krane ist Vorsitzender dieses Zusammenschlusses von Anwohnern und Geschäftsleuten, die sich für den Stadtteil stark machen.
Gut eine Stunde später ist der Baumschmuck bezwungen, wir sitzen bei Chai-Tee und O-Saft im Hotel Lorenz. Nach dem Status quo seines Stadtteils gefragt, lehnt Krane sich zurück: „Das Besondere an Rüttenscheid ist die Vielfalt. Es ist in seinen Strukturen organisch gewachsen und das ist gesund so.“ Leerstände seien selten – ein Zustand, von dem andere Stadtteile träumen. Rüttenscheids Image entspreche aber nicht immer den Fakten: „Wir sind weder besonders reich noch jung. Überdurchschnittlich ist der berufstätige, mittlere Bereich.“

Auch die Streitpunkte in Rüttenscheid haben laut Krane verschiedene Seiten: Die Parksituation? Viel besser, als die meisten denken – nur die Parkhäuser müssten mehr genutzt werden. Die uneinheitliche Szene der Gastronomie und Kreativorte? Ein Zeichen für eine reiche Stadtkultur. Denn Rüttenscheid ist mit seinen knapp 30 000 Einwohnern alles andere als ein Nest. „Ich liebe die Urbanität“, sagt Krane. „Im Gegensatz zum Dörflichen, wo alle sich kennen, aber weniger passiert.“ Das geht wohl den meisten Rüttenscheidern so.

Anzeige
Anzeige

Beste Events, Trends und Reportagen für die Rhein-Ruhr-Region