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Kulturbunker Waltrop: Selbermachen, wenn sonst nix geht

Foto: Sebastian Mielke

In Waltrop will ein ambitionierter Verein einen Luftschutzbunker zur gemeinnützigen Kulturstätte umbauen. Es sollen Musikproberäume entstehen, Workshops angeboten und Jugendkultur geschaffen werden. Lukas Vering traf Gründer Jan Mörchen zum Gespräch über Kernsanierung in Eigenregie, Expeditionen in den Bürokratie-Dschungel und die Motivation zum Selbermachen, wenn sonst nix geht.

Im Bunker ist es kühl. In den Ecken liegt Bauschutt, Staub bedeckt den Boden, an der niedrigen Decke verläuft ein Lüftungsschacht, wie die Wirbelsäule eines gigantischen Tieres. Schwere Eisentüren erinnern an Zeiten, in denen man sich hier vor Krieg und Bomben versteckte. Hier und da erkennt man die Spuren von Neuaufbau, die Wunden in der Gebäudehülle, wo Wände eingerissen wurden, oder vergoldete Rohre an den renovierten Sanitäranlagen. Das Licht geht per Bewegungsmelder an. An diesem Ort will der 26-jährige Student und Musiker Jan Mörchen einen Raum für Musik schaffen. „Es sollen neun Proberäume entstehen, dazu Gemeinschaftsräume, in denen Workshops von, mit und für Musiker stattfinden können.
Das Angebot richtet sich vor allem an Jugendliche, die Räume können zum Selbstkostenpreis und zu gewissen Zeiten sogar gratis genutzt werden. In zwei Räumen wollen wir sogar das ganze Equipment stellen, für den Nachwuchs, der noch nichts Eigenes zur Hand hat“, erläutert Mörchen die Pläne. „Dafür müssen wir jetzt das ganze Haus fit machen. Von der Lüftungsanlage bis zur Elektronik. Wir sind schon lange dran, aber im kommenden Jahr soll es endlich fertig sein.“ Dafür arbeitet Mörchen in jeder freien Sekunde im Bunker, Hilfe bekommt er von den Vereinsmitgliedern.
Finanziert wird das Projekt komplett durch eigene Mittel, Spenden und durch die Einnahmen der etlichen Benefizkonzerte, die Mörchen für den Kulturbunker in umliegenden Jugendzentren organisiert. 30 Meter Stahlträger, 3300 Meter Dachlatten, 10 000 Schrauben und etliches anderes Material wurde vom Spendengeld schon angeschafft, vieles gebraucht und über ebay. „Natürlich sind wir dauerhaft pleite, aber es geht doch irgendwie immer weiter.“

„Wenn es mir nur ums Musik machen ginge, hätte ich mir einfach irgendwo einen Proberaum gemietet“, erklärt Mörchen, der zusammen mit Freunden, Musikern und Mitgliedern des extra gegründeten Vereins schon seit März 2014 am Projekt Kulturbunker Waltrop werkelt.
Einige Monate zuvor befand sich Mörchen auf Proberaumsuche für seine Band, der Stammraum in Datteln wurde gerade geschlossen, die nächste Option befand sich im 50 Kilometer entfernten Hagen. Keine besonders guten Konditionen für eine junge Band. Zeit, die Sache selber in die Hand zu nehmen, befand Mörchen. Der leerstehende Luftschutzbunker, nur einen Steinwurf vom Jugendcafé Yahoo und der verschlafenen Innenstadt Waltrops entfernt, wirkte in Jan Mörchens Augen plötzlich nicht mehr wie eine verfallene Ruine, sondern wie eine Möglichkeit.
Wenig später schon stand er mit dem Besitzer, einem Essener Bauunternehmer, im Bunker und verhandelte. „Wenn, dann musst du aber den ganzen Bunker nehmen“, hieß es. Vereinsgründung, Spendensammeln, Leute zusammentrommeln und Loslegen waren die Antwort. Seitdem läuft die Kernsanierung. Wände einreißen, Geldnöte und rohe Zimmer zu tauglichen Proberäumen umwandeln – das sind nicht die einzigen Hürden, die es zu überwinden gilt. Denn wer in Deutschland bauen will, bekommt es mit einer ganzen Lawine von Vorschriften und Auflagen zu tun. Die fangen bei Brand- und Lärmschutzauflagen an und enden mit Parkplatzlimitierungen. „Wir mussten sogar den Bauschutt, den wir hinterm Gebäude zu einer Sichtmauer für die untersten Wohnungen der Nachbarn umfunktioniert haben, auf Asbest prüfen.“

Nun könnte man glauben, dass ein gemeinnützig organisiertes Projekt von und für junge Menschen mit Rückenwind der Lokalpolitik voran getrieben wird. Weil man froh ist, das sich etwas bewegt. Waltrop aber ist eine Stadt, in dessen Zentrum Kopfsteinpflaster die durchfahrenden Autos bremst – die Lokalpolitik ist aus ähnlichem Material geschaffen. „Die Stadt bietet uns keinen Support. Mehr als immer neue Auflagen kommt aus der Richtung leider nicht.“
Ähnliches gilt für einige der Nachbarn des Kulturbunkers, die mehr Ressentiments als Euphorie für das Projekt hegen. „Man hat Angst vor Lärm und pöbelnden Jugendlichen. Dabei steht schon fest, dass aufgrund der Parkplatzsituation nur neun Proberäume entstehen, damit nicht zu viele Autos unserer Besucher die Nachbarschaft vollparken. Außerdem wurden unsere Öffnungszeiten auf 15 bis 21.30 Uhr beschränkt – damit nach 22 Uhr keine Autotür mehr laut zufällt.“ Ganz normaler Bürokratiewahnsinn also. „Das ist normal in Deutschland. Ist halt Gesetz“, sagt Jan Mörchen mit beeindruckender Gelassenheit. „Und auch Skeptiker dürften bald bemerken, dass, wenn junge Leute zwei, drei Jahre an so ’nem Ding bauen, das keine Chaoten sein können, die nur einen Ort zum Saufen wollen.“

Gegen die Skepsis am Projekt kennt Mörchen ein gutes Mittel. „Einladen, zeigen, miteinander sprechen. Wir haben zum Tag der offenen Tür geladen und viele Nachbarn, vor allem viele der älteren Anwohner, zeigten sich begeistert und haben sich gefreut, dass hier endlich mal was passiert.“Dass etwas passiert, hat Waltrop dringend nötig, findet der Proberaumbauer. „Es tut sich schon was, es findet viel statt und es gibt Möglichkeiten für Bands, zu spielen. Nur gibt es keine Orte, wo diese Bands entstehen könnten. Eine Stadt braucht so etwas wie offene Proberäume, damit sich so etwas wie Szene bilden kann.“
Ein nobles Bestreben, das Jan Mörchen und der Verein Kulturbunker Waltrop verfolgen. Und auch, wenn man sich für die Verwirklichung des Projektes die Hände schmutzig machen und sich durch einen Bürokratiedschungel schlagen muss, ist es seiner Meinung nach die Sache wert. „Das sind jetzt drei Jahre Arbeit. Wenn in 20 Jahren hier immer noch Bands Musik machen, bin ich glücklich. Es ist ja so: Die meisten Leute, für die wir das hier machen, kennen wir noch gar nicht. Aber auch die haben eine Chance verdient mit ihrer Band. Nicht irgendwo, sondern hier in Waltrop! Und vielleicht ist eine davon ja auch irgendwann meine Lieblingsband. Dann kann ich sagen: Die haben bei uns geprobt!“

Alle Infos zu Spenden, Benefiz-Veranstaltungen, Vereinsmitgliedschaft usw. auf kulturbunker-waltrop.de

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