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Flingern-Süd: Streit um die bunte Kiefernstraße

Foto: Christof Wolff

Gerne wird die Kiefernstraße in Düsseldorf samt ihren Bewohnern als Gallisches Dorf bezeichnet. Nun macht sie dem Ruf einmal mehr alle Ehre und wehrt sich mit Gesprächen und einer Petition gegen die Überlegung, Mikroapartments in der geschichtsträchtigen Straße zu bauen. Wir sprachen mit Bewohnern und dem Geschäftsführer des verantwortlichen Bauprojektentwicklers Cube Real Estate.

Die Kiefernstraße wurde in den 80er Jahren wegen Hausbesetzungen bekannt, die schließlich zu festen Mietverträgen zu sozialverträglichen Konditionen geführt haben. Auch heute noch ist die Kiefernstraße neben der Königsallee eine der bekanntesten Straßen Düsseldorfs. Cube Real Estate hat nun das Gelände der ehemaligen Kfz-Werkstatt an der Erkrather Straße/Kiefernstraße gekauft. Die endgültigen Pläne stehen laut des Geschäftsführers Tilman Gartmeier noch nicht fest. „Die derzeitigen Überlegungen richten sich nach den Möglichkeiten, die durch den Bebauungsplan vorgegeben sind.“ Zu diesen Überlegungen gehören für Cube Real Estate 140 Studentenwohnungen sowohl mit Einzelapartments als auch mit Wohngemeinschaften sowie ein Hotel mit etwa 280 Zimmern und eine Kita.

Das Projektentwicklungsunternehmen begründet die Pläne damit, dass es sich bei Flingern um einen sehr bunten und lebendigen Stadtteil handele, der durch eine Mischung aus Wohnen, Gewerbe und Gastronomie sowie neuer und alter Bebauung seinen eigenen Charme erhält. Gerade hier passen darum laut Cube Real Estate Hotel, Studentenwohnungen und Kita gut ins Bild. Bisher werden allerdings noch verschiedene Nutzungsformen überprüft.

Autonome Gemeinschaft

Die Anwohner der Kiefernstraße („die Kiefern“) haben andere Ansichten ihre Wohngegend betreffend. Für sie zeichnet sich die Gemeinschaft rund um die Kiefernstraße insbesondere dadurch aus, dass sie sehr autonom ist. Änderungen an den Gebäuden werden demokratisch entschieden und wenn Probleme auftreten, wird nicht sofort der Hausmeister gerufen, sondern man kümmert sich erst einmal selbst. „Ich gehöre noch zu den ersten Bewohnern der Kiefernstraße“, erklärt Kaspar Michels, ein ehemaliger Anwohner. Die Kiefernstraße ist ein Lebensentwurf, den nicht jeder machen würde. Es herrscht dort eine sehr hohe Sozialkompetenz. Es handelt sich um ein schwieriges Umfeld.

In der Kiefernstraße leben Menschen aus knapp 45 verschiedenen Nationen im Einklang, weil sie miteinander kommunizieren. Der gegenseitige Respekt ist sehr hoch. Davon könnte die Stadt mehr gebrauchen und sich eine Scheibe abschneiden. Das macht es so furchtbar, dass man in diese Arbeiterstadtteile Mikroapartments und ein Hotel setzt.

Bei Flingern handelt es sich um ein altes Arbeiterviertel, in dem vor allem Arbeiterfamilien leben, so die Kiefern. Sie ist eine der buntesten Straßen Düsseldorfs und allerlei Graffiti- und Street-Art-Künstler haben sich hier verewigt. Für die Kiefern würde ein Hotel die Urbanität des Viertels sprengen. Die geplanten Mikroapartments sind darüber hinaus sehr teuer. Leute, die sich ein solches Apartment leisten können, seien besser in anderen Stadtteilen aufgehoben, erklärt Maike Vogt, die seit etwa 2 ½ Jahren an der Kiefernstraße lebt. „Mikroapartments stehen für isoliertes und völlig überteuertes Wohnen. Dieses Projekt ist der genaue Gegenentwurf zur Kiefernstraße.“, sagt Kaspar. „Ein Hotel ist nicht die Stadtentwicklung, die Flingern braucht. Es gibt hier immer weniger Identifikations- und Ankerpunkte für die Geschichte der Stadt zu finden. Es geht nicht mehr um die Identität des Stadtteils oder, was die Menschen hier brauchen. Es geht nur noch um die maximale ökonomische Verwertung, statt um die Bereitstellung von Wohnraum. Dabei ist es gerade wichtig, dass wir unsere Kultur verteidigen, damit unsere Geschichte gewürdigt werden kann. Düsseldorf ist heute eine Großstadt wegen der Arbeiter in Flingern.“ Aus diesem Grund, sagen die Kiefern, muss weiterhin gewährleistet werden, dass auch Arbeiterfamilien in Düsseldorf Wohnraum finden.

Priorität: bezahlbarer Wohnraum

In einem gemeinsamen Brainstorming sind die Anwohner zu dem Schluss gekommen, dass gerade bezahlbarer Wohnraum eine Priorität für den geplanten Bau sein sollte. Insbesondere Wohnungen für wenig Geld, in denen Familien leben können, oder auch barrierefreie Wohnmöglichkeiten sind den Kiefern wichtig. „Wenn man vielleicht noch soziale Einrichtungen mit einplanen könnte, wäre das ein zusätzlicher Bonus“, erklärt Maike „zum Beispiel Einrichtungen für Obdachlose oder Geflüchtete. Kitas oder Sozialwohnungen wären auch Möglichkeiten.“

Die Überlegung, zusätzlich zu Mikroapartments und Hotel eine Kita zu bauen, hat Cube Real Estate aufgegriffen. „Cube Real Estate möchte mit seinen Plänen das Areal rund um die Kiefernstraße weiterentwickeln“, erklärt Tilman Gartmeier. Es gehe dem Unternehmen vor allem darum, eine Lösung zu finden, mit der alle leben können und die langfristig zu einer positiven Entwicklung von Flingern beiträgt. Deshalb stelle der Austausch mit den Anwohnerinnen und Anwohnern der Kiefernstraße sowie anderen an dem Projekt direkt Beteiligten eine Bereicherung für das Unternehmen dar. Der Kontakt entstand durch die Beharrlichkeit der Anwohner, die in einer Unterschriftenaktion inzwischen über 3000 Gleichgesinnte finden konnten.

Auch die Bezirksvertretung hat inzwischen eingelenkt und einen Antrag auf soziales Wohnen gestellt. „Die Politiker sind rechtlich und politisch natürlich eingeschränkt, aber es wäre eine gute Gelegenheit für sie, zu zeigen, dass sie Bürgerwünsche ernst nehmen und diesen entgegenkommen“, so Maike. Das erste Gespräch, das zwischen dem Unternehmen und den Anwohnern stattgefunden hat, sehen beide Seiten als gelungen an. Cube Real Estate empfand das Gespräch als angenehm und konstruktiv. Der Austausch soll von Seiten des Projektunternehmens aus aufrechterhalten werden. Auch die Kiefern bewerten das Gespräch positiv. Es sei eine gute Möglichkeit gewesen, um sich kennenzulernen und Wünsche auszutauschen. „Wir haben uns als externe Berater angeboten und könnten so, falls Cube Real Estate den Vorschlag annimmt, zu einem Sprachrohr für das Viertel werden“, berichtet Maike.

kiefern.org

Beitrag: Pia Böhme 

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