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Festivalkritik: Haldern Pop 2019

Foto: Inga Pöting

Das 36. Haldern Pop Festival in Rees am Niederrhein überzeugt im August 2019 einmal mehr mit einem spannenden Line-up aus alternativer Popmusik und viel Liebe zum Detail. Durch die Polizeipräsenz auf dem Festival bleibt allerdings ein schaler Nachgeschmack.

Schon am Donnerstagmittag schließen das Dorf und die Gäste Freundschaft. „Nach Haldern?“, fragt eine Frau zwei junge Männer im Zug, die unter dem Gewicht ihrer Rucksäcke schwanken. Wer in Haldern lebt, trägt dieses Wochenende ein bisschen Lokalstolz vor sich her, wer als Gast anreist, staunt über die Freundlichkeit der Niederrheiner. Auf dem Weg zum Festivalgelände begrüßen handgemalte Schilder die Neuankömmlinge, vor Kirche und Jugendzentrum stehen frühe Vögel Schlange. Bäcker, Eisdiele und Pizzeria haben sich auf den Ausnahmezustand vorbereitet und Extravorräte bereitgestellt. Wir fühlen uns zu Hause, noch bevor unsere Zelte stehen.

Foto: Inga Pöting

Los geht’s dann am frühen Abend mit Syml auf der Kirchenbühne: weiche Gitarrenklänge und Kopfstimme zu Sigur-Rós-Melodien. Dann Kontrastprogramm mit der Metalband Kadaver: es scheppert und flimmert von der Mainstage, dass es eine Freude ist. Ein Riesenspaß sind auch Giant Rooks aus Hamm: ein Sound wie aus der Hochzeit des britischen Indierocks, nur mit einer Spur mehr Folk. Ratlos macht uns dagegen die Punkband Gewalt im Spiegelzelt: Ist dieses Geschrei von Schmerz und Scheitern cool oder einfach nur nervig und prätentiös? Eindeutiger ist da Überraschungsgast Faber: mit Bläsern und hervorragendem Haldern-Sound ein fantastisches Live-Erlebnis.

Höhepunkte: Soap&Skin, Father John Misty und Sophie Hunger

Standing Ovations bekommt am Freitag völlig zurecht die Österreicherin Soap&Skin: Das ist große Kunst mit Klavier, stargaze-Chor und einem Selbstbewusstsein, wie man es sich für viele junge Musikerinnen wünscht. Nicht weniger berührt der britische Songwriter Charlie Cunningham auf der Mainstage: Starker Gesang und Flamencogitarre verzaubern die ersten Reihen, während weiter hinten gesellig gesoffen wird. Über alle Zweifel erhaben ist auch Father John Misty, dessen vielschichtiger Popsound für das Festival Symbolcharakter hat. Die Setlist ist eine gelungene Mischung aus geliebten älteren Songs und Tracks vom aktuellen Album „God’s Favorite Costumer“ und die 90 Minuten gehen viel zu schnell vorbei.

Neu ist in diesem Jahr das Niederrheintent, eine weitere kleine Bühne nahe der Mainstage. Hier spielt das deutschsprachige Rock-Duo Gurr, das wir im vergangenen Jahr beim Berliner Lollapalooza Festival eher langweilig fanden. Stimmung und Sound sind diesmal ungleich besser. Mit Sophie Hunger dann wenig später endlich auch eine Frau auf der Mainstage. So ehrlich hat uns dieses Wochenende noch niemand angeschrien, die poetischen Texte und der dichte Sound kommen dabei so beiläufig, als wäre das alles ein Kinderspiel.

Fotowand und Liebe zum Detail

Der dritte Festivaltag ist der schwierigste, uns fehlen die großen Hinhörer – gute Überraschungen bringen jedoch die österreichische Supergroup 5K HD mit einer wilden Mischung aus Prog-Rock, Jazz und Beats und die ukrainischen Rapperinnen von Alyona Alyona. Bedauerlich bleibt die kurzfristige Absage von Songwriterin Julien Baker, wir hoffen auf eine neue Chance beim Festival 2020.

Das Haldern Pop 2019 überzeugt aufs Neue mit viel Liebe zum Detail: Die Palettensofas am Biergarten sind mit den Festivalmottos der vergangenen Jahre verziert und die Bauzäune schmücken großformatige Fotos aus über 30 Jahren Festival. Die Haldern-Pop-Fotowand am Eingang zum Gelände ist so schlicht wie ergreifend und es ist schön zu sehen, dass Haldern-Besucher davor lieber Faxen machen als perfekt zu posen.

Foto: Inga Pöting

Neu: Polizei auf Zeltplatz und Festivalgelände

Einen dicken Wermutstropfen hat das Haldern Pop: Zwischen Band-T-Shirts und Bierbechern bewegten sich in diesem Jahr hellblaue Hemden und Handschellen. Es ist die Polizeipräsenz beim Festival, die am Tag danach am stärksten in Erinnerung bleibt. Die Beamten wirkten bei diesem Festival durch und durch fehl am Platz. Das Haldern Pop war bisher ein friedlicher Freiraum, die Anwesenheit von Polizisten auf dem Gelände hat das Erlebnis gestört.

Nach dem wochenlangen Ringen um eine Polizeiwache auf dem Fusion Festival in Mecklenburg-Vorpommern sind die anlasslosen Streifen auf dem Haldern Pop enttäuschend. Das Team der Fusion hat um seinen Freiraum gekämpft und ihn erhalten. Wir wünschen uns dasselbe für das Haldern Pop 2020.

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