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Festivalkritik: Haldern, alte Lady!

Kettcar | Foto: Andreas Hornoff

Das Haldern Pop Festival 2018 in Rees am Niederrhein berührt, überrascht und bringt zum Tanzen – jedes Jahr aufs Neue. Ein Lob auf die Wiederholung.

Der Zauber liegt in der Vertrautheit. Die Gänge im Zeltdorf – immer gleich. Der Kaffee vor den Duschen – jährlich serviert von einem alten Mann mit Papagei. Das Schlangestehen vor dem Spiegelzelt – manchmal so lange, dass man andere Konzerte verpasst. Das Grummeln über die Organisation – warum spielt dieser begehrte Act nicht auf der Hauptbühne? Die Kulisse im Spiegelzelt, wenn man endlich drinnen ist – ach ja, deswegen!

Genauso verlässlich: die besondere Stimmung und die liebevollen Details. „Gehen – sehen – summen – Haldern Pop“ steht auf T-Shirts und Bauzäunen auf dem Weg ins Dorf, wo einige Künstler in der Kirche spielen, kostenlos, für alle. Die irische Musikerin Lisa Hannigan tritt dort am Donnerstag gemeinsam mit dem Instrumentalkollektiv stargaze auf, das für Haldern-Pop-Künstler traditionell einige Songs vorbereitet – andächtige Stille, dann Applaus und Standing Ovations.

Festival-Highlight: Phoebe Bridgers

Auf große Werbepartner hat das Haldern Pop Festival immer verzichtet, niemand nervt mit markeninfizierten Foto-Wänden oder Umsonst-Zigaretten gegen Postadresse. Das Bier auf dem Gelände kostet moderate zwei Pop-Taler (2,80 Euro), zu essen gibt es köstliche Pommes und vegane Falafel.

Dass wir Jahre später sagen werden „Weißt du noch, 2018 auf kleiner Bühne beim Haldern!“ ahnen wir bei Phoebe Bridgers. Die kalifornische Songwriterin, zarte 25 Jahre alt, spielt sich einmal quer durch ihr Debütalbum „Stranger in the Alps“ und verzaubert mit ihrer Stimme und poetischen Texten sogar die etwas zu bierseligen Herren neben uns, die irgendwann merken: Lautes Reden ist hier nicht angesagt.

Ein typisches Haldern-Erlebnis ist der Auftritt der Berliner Indie/Elektro-Band Hope, deren Sound sich in seiner ganzen Schwere über das Publikum im Spiegelzelt legt. Das ist Musik für Liebhaber, poppig, aber so dramatisch, dass man vergisst, dass draußen die Sonne scheint. Das lockere „Vielen lieben Dank!“ und das breite Grinsen von Frontfrau Christine gehen im gelösten Applaus auf.

Vertraut und geliebt: Fink, Villagers, Nils Frahm

Gisbert zu Knyphausen | Foto: Inga Pöting

Kontrastprogramm bietet der tanzbare Crossover-Sound von Public Service Broadcasting, der so viel Spaß macht, dass die Message fast verloren geht – die Band verwendet Einspieler aus alten Informationsfilmen und Propagandamaterial. Dafür kommt pünktlich zum letzten Song ein gewaltiger Regenschauer von hinten, innerhalb von Sekunden sind wir völlig durchnässt. Er bleibt einer der wenigen Schauer des Wochenendes, das bei 25 Grad und Wolken das perfekte Festivalwetter bietet.

Vertraute Namen im Line-up: Fink, Villagers, Gisbert zu Knyphausen und Nils Frahm. Alle schon hier gesehen, alle aufs Neue wunderbar. „Haldern, alte Lady!“, begrüßt am letzten Abend Marcus Wiebusch von Kettcar das Publikum, das seine Band auf Konzerten in dieser Größe nicht bekommt und trotzdem mitreißt, als wären Liebeslieder wie „Rettung“, „48 Stunden“ und „Balu“ in Wirklichkeit fürs Stadion geschrieben.

Besondere Künstler mit kleinem Budget

Auf dem Haldern Pop geht es traditionell etwas geruhsamer zu. | Foto: Inga Pöting

Mancher philosophiert zwischen Dosenbier und Ravioli darüber, ob die großen Tage des Haldern Pops vorbei seien. Künstler wie Daughter, Mumford and Sons, Ben Howard, das waren noch Zeiten! Man kann dagegen halten, dass deren Status als Indie-Helden erst später besiegelt war, vergleichbare Bands gibt es nicht alle Tage.

Jedes Jahr aufs Neue mit dem vergleichsweise kleinen Budget aus gut 6000 verkauften Tickets mehr als 70 Bands und Solo-Künstler zu präsentieren, die berühren, überraschen und zum Tanzen bringen – das ist zwischen durchkommerzialisierten Festivals ein Statement, das man gar nicht genug wertschätzen kann. Inga Pöting

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