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Prof. Dr. Marc Ziegele über Internet-Trolle und Verschwörungstheorien

Iocose: A Crowded Apocalypse | Foto: NRW-Forum
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Nicht weniger als „Die große Weltverschwörung“ behandelt die Ausstellung „Im Zweifel für den Zweifel“ ab September im NRW-Forum. Grund genug, bei einem Experten nachzufragen, wie es um die Demokratie und die Online-Kommunikation bestellt ist. Warum noch nicht alles verloren ist, hat uns Jun.-Prof. Dr. Marc Ziegele im Interview verraten.

Sie sind seit 2018 Junior-Professor für politische Online-Kommunikation in Düsseldorf und Teil der Förderlinie „Digitale Gesellschaft“. Letztere hat das Ziel, die Demokratie zu stärken und zu sichern. Wie ist es denn aktuell um die Demokratie bestellt?
Die Demokratie steht vor einigen Zerreißproben. Nicht nur durch den Aufwärtstrend populistischer Bewegungen, sondern auch dadurch, dass wir in Zeiten großer Unsicherheit leben, in denen ehemals geglaubte Sicherheiten verlorengehen. In denen sich eine Atomkatastrophe in Fukushima hier in der Energiewende niederschlagen kann. Das macht es verführerisch, Parteien entgegenzulaufen, die versprechen, dass alles wieder zurück zur alten Sicherheit kommt. Das wird nicht passieren. Aber auf diese Fragen finden Parteien momentan nur schwierig Antworten. Die Leute sind meinem Gefühl nach auf der Suche nach neuen Identifizierungsmöglichkeiten. Manche finden sie in Ersatzreligionen wie Ernährung oder iPhone. Andere in politischen Extremen.

Wie beurteilen Sie die Diskussionskultur im Internet?
Weniger katastrophal als gemeinhin dargestellt. Sowohl im Mediendiskurs als auch wenn man anekdotisch Kommentare durchliest, neigt man dazu, anzunehmen, dass alles nur aus Hass und Pöbeleien besteht. Aber wenn man sich den Zustand der Diskussionen anguckt – und das machen wir insbesondere mit Inhaltsanalysen, bei denen wir uns eine große Zahl von Kommentaren vornehmen und die nach verschiedenen Kategorien auswerten – sieht man, dass es im Schnitt gar nicht so schlimm ist.

Was bedeutet das konkret?
Wir haben uns 2015 insgesamt 11 000 Kommentare auf zehn verschiedenen Facebook-Nachrichtenseiten angeguckt. Dabei haben wir herausgefunden, dass in immerhin 50 Prozent der Kommentare Argumente verwendet werden, in mehr als einem Drittel werden sogar neue Perspektiven auf den Sachverhalt geboten, der diskutiert wird. Und es gab durchaus mal Humor. Das ist auf der positiven Seite. Auf der negativen Seite haben wir gesehen, dass jeder dritte Kommentar sogenannte Inzivilität enthält.

Was hat es damit auf sich?
Inzivilität ist in der Wissenschaft der breitere Begriff dafür, worunter auch Hass fällt. Aber nicht als einziges. Hass ist ja ein sehr eingeengtes Blickfeld auf das Ganze. Unter Inzivilität fallen die Verwendung von Stereotypen, Beleidigung, Rassismus, Extremismus. Die gehen nicht zwingend immer gleich mit Hass einher, sind aber durchaus Formen der demokratiegefährdenden Kommunikation. Man weiß auch nicht, was passieren würde, wenn die Medien alles durchlassen würden. Sie moderieren und löschen ja zum Teil.

Wer kommentiert eigentlich mit und warum?
Es gibt mehrere Typen, die wir kategorisiert haben. Das eine sind Selbstdarsteller, die den Kommentarbereich als Egobühne sehen, auf der sie ihre Kompetenz oder ihr Wissen, wenn auch nur vermutet, darstellen können. Dann gibt es den – im weitesten Sinne – Wutbürger. Diese Leute sind auch wenig auf Diskussionen ausgerichtet. Sie müssen den Kommentar schreiben, um sich besser zu fühlen. Es gibt Menschen, die nutzen die Kommentarspalten tatsächlich als Diskussionsforum, um ihre Meinung zu validieren oder weiterzuentwickeln. Aber auch, weil sie am Austausch mit anderen interessiert sind. Und dann gibt es noch Menschen, die kleinste Gruppe vielleicht, die an sozialer Integration interessiert sind. Leute kennenzulernen, mit denen man sich austauschen kann. Die Trolle gibt es natürlich auch. Aber hier geht man eigentlich auch von einer sehr kleinen Gruppe aus, die viel Lärm macht. Das ist jetzt losgelöst vom Politischen. Aber klar, auch da sieht man Gruppen. Wir haben die Reconquista Germanica zum Beispiel. Das ist die Bewegung von Rechts, die sich vorgenommen hat, Diskussionen zu unterminieren und bestimmte Meinungen durchzudrücken. Reconquista Internet war die satirische Gegenbewegung von Jan Böhmermann. #ichbinhier ist die größte Bewegung momentan. Und natürlich gibt es auch innerhalb der Parteien Gruppen, die in die Kommentarbereiche gehen und ihre Sachen artikulieren.

Marc Ziegele von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf erforscht die Kommentarspalten basierend auf Kommunikationstheorien von Jürgen Habermas | Foto: Marc Ziegele

Wie beurteilen Sie Gegenbewegungen wie #ichbinhier?
Wir haben eine Kooperation mit #ichbinhier gemacht, die werten wir gerade aus. #ichbinhier ist mit über 40 000 Mitgliedern nicht gerade klein und der Gründer wurde kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Das Vorhaben ist ehrenwert. Ganz aufrichtig ist es insofern nicht, als dass organisierte Gruppenaktivitäten dahinterstehen. Auch bei #ichbinhier verlinken die Mitglieder sich in ihren Kommentaren. Sie liken diese gegenseitig hoch, damit sie prominenter in der Diskussion erscheinen. Für einen guten Zweck, aber es ist natürlich trotzdem eine Beeinflussung der Diskussion. Es gibt auch Leute, die sehr empfindlich auf die Gruppe reagieren und den Hashtag verunglimpfen, #ichwillbier oder dergleichen.

Wieso ist gerade Facebook so betroffen von Hass-Kommentaren?
Witzigerweise haben wir 2015 die Präsenzen von Nachrichtenseiten auf Facebook und die Websites selbst auf ihre Kommentare hin untersucht. Es kam heraus, dass auf Facebook weniger rumgepöbelt wird als in den Kommentarspalten der Websites. Auch ich wäre davon ausgegangen, dass dort mehr Inzivilität zu finden ist. Damals war das nicht der Fall. Es gibt mehrere Gründe, warum Facebook inzivile Kommentare erleichtert. Man ist nur einen Click davon entfernt, seine Meinung rauszuposaunen. Auf anderen Seiten muss man sich erst registrieren. Da ist die Emotion vielleicht schon abgeklungen. Bei Facebook kann man alles raushauen. Man ist in seiner Filter Bubble. Das macht es leichter zu glauben, dass man mit seiner Meinung in der Mehrheit ist. Es ist vielleicht auch leichter, andere anzugreifen. Du hast einen komischen Namen, du magst die CDU – all das, was man über das Profil rausfindet, kann man benutzen, um jemanden anzugreifen. Auf Facebook trifft die ganze Breite der Gesellschaft aufeinander. Da ist eine Art Klassenkampf vorprogrammiert.

Welche Rolle spielen Verschwörungstheorien in der Online-Kommunikation?
In den Kommentarspalten ist eine Verschwörungstheorie sehr populär – die der Lügenpresse. Sie besagt, dass ein Konvolut von Medien und Regierung zusammenarbeiten, um die Bevölkerung systematisch zu beeinflussen. Wir führen jährlich Befragungen dazu durch, wie viele Menschen glauben, dass bestimmte Verschwörungstheorien wahr sind. Dazu gehören auch Chemtrails und die Mondlandung. Teilweise mit erschreckenden Ergebnissen. 17 bis 18 Prozent der Deutschen glauben tatsächlich, dass Flugzeuge mit Chemikalien ausgestattet sind und die Bevölkerung mithilfe von Chemtrails steuern wollen. Das ist interessant, aber auch ein bisschen traurig. Verschwörungstheorien sind eine logische Konsequenz aus der Unsicherheit in der Gesellschaft, weil sie einfache Wahrheiten versprechen. Es gibt immer eine kleine Elite, die sich gegen das einfache Volk verschworen hat und es mit unlauteren Mitteln steuern will. Das ist die Wahrheit, an die man sich klammern kann. Ist auch nicht weit entfernt von populistischen Narrativen. Auch die sind durch Anti-Elitismus und Volkszentrierung gekennzeichnet. Insofern passt das ganz gut zusammen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Vorgehensweise der Medien?
Die Medien tragen meiner Meinung nach eine mehrfache Verantwortung. Sie sind zum einen Brandstifter, durch die Art und Weise, wie Nachrichten aufbereitet werden. Das muss man leider sagen. Der Fokus liegt auf Negativität, Kontroverse und Skandale. Das sind Dinge, die Menschen aufregen und die instrumentell eingesetzt werden, um Klicks und Traffic zu generieren. Bis zu einem gewissen Grad sorgen Medien dafür, dass Menschen sich nicht differenziert mit einem Thema auseinandersetzen, sondern sich empören. Dann geht es ab in den Kommentarbereichen. Zum anderen haben die Medien auch die Verantwortung, das Ganze zu moderieren. Dazu gehört nicht nur, Wortfilter zu erstellen, durch die Kommentare mit bestimmten Worten nicht mehr publiziert werden, sondern auch, Präsenz in den Kommentarspalten zu zeigen. Dass die Medien zeigen: Wir beantworten Fragen, nehmen euch ernst und nehmen euch eure Unsicherheit. Wenn ihr gesittet mit uns reden wollt, sind wir da. Aktiv reinzugehen und zu zeigen, dass sie an den Diskussionen interessiert sind. Aber eben auch in eine bestimmte Richtung. Das findet momentan wenig statt, deshalb sind die Kommentarspalten auch so ein Troll-Spielplatz. Weil die Leute sich nicht ernstgenommen fühlen. Manche Medien versuchen das zwar, die Welt war da Vorreiter, aber das wird noch nicht konsequent durchgesetzt.

Wie könnte generell eine bessere Online-Kommunikationskultur gelingen?
Man wird den Hass nicht ganz wegkriegen, deshalb würde ein bisschen Gelassenheit dem gegenüber schon einmal guttun. Inzivilität hat es in der Gesellschaft immer gegeben. Im Internet kommt sie für alle sichtbar daher und ist vielleicht auch dadurch mehr geworden, dass Menschen aufeinander treffen, die sich auf der Straße niemals miteinander unterhalten hätten. Unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlicher Bildung. Sowas wie Anonymität kann das Ganze noch befeuern, auch wenn ich nicht sagen würde, dass der Hass aufgrund der Anonymität entsteht. Das ist in der Regel nicht so. Man entwickelt sich online nicht plötzlich zu einem völlig anderen Menschen. Weniger Fokus der Medien auf die schlechten Kommentare, sondern auch mal positive Beispiele hervorzuheben wäre eine Maßnahme. Klar, rigoros gegen gesetzeswidrige Kommentare vorgehen. Ich bin kein Freund vom Netzwerkdurchsetzungsgesetz, aber der Ansatz, dass bestimmte Kommentare einfach nicht existieren dürfen, weil sie die Menschenwürde oder andere Grundrechte verletzen, ist unstrittig. Sonst könnten wir auch jede Straftat im echten Leben tolerieren. Wenn man etwas dagegen tun will, kann sich jeder einzelne durch Eingreifen beteiligen. Sei es dadurch, Kommentare zu melden, die strafrechtlich relevant erscheinen, sei es durch Intervention. Oder dadurch, sich in einer Gruppe zu beteiligen, die sich für bessere Kommunikation im Internet einsetzt.

Im Zweifel für den Zweifel 21.9.–18.11. NRW-Forum, Düsseldorf

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