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Conchita im Interview: „Das Leben ist kein Ponyhof“

Conchita alias Tom Neuwirth | Foto: André Karsai
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Im Oktober erscheint Conchitas zweite CD, „From Vienna with Love“ – eine Hommage an die Diven des Showgeschäfts. Doch Tom Neuwirths Alter Ego ist mehr als nur eine schillernde Kunstfigur. Gäbe es eine Conchita-Religion, Interviewerin Nadine Beneke würde eintreten. Der tiefenentspannte Sänger hat nicht nur eine Menge erlebt, er hat auch Lösungen für ein besseres Miteinander parat. Ein Gespräch über die Entstehung von Conchita, die Vorzüge der Ignoranz und unbegrenzte Möglichkeiten.

In beinahe jedem Interview, das ich mit dir gelesen habe, fragen dich die Interviewer, ob sie mit Tom oder Conchita sprechen. Wie empfindest du diese Frage? Und welche Rolle spielt das eigentlich für dich? 

Ich finde die Frage berechtigt. Weil ich auch merke, dass sich bei mir da einiges getan hat. Ich merke, dass ich es unnatürlich finden würde, würde man mich mit ‚sie‘ ansprechen. Im Zuge dessen habe ich aber auch gemerkt, dass mir meine Gender Identity tatsächlich wichtiger ist, als ich dachte. Ich war früher sehr streng damit, Menschen zu sagen: ‚Ich bin eine Sängerin und möchte mit weiblichen Attributen in Verbindung gebracht werden‘. Weil ich ernst genommen werden wollte. Ich denke, es ist sehr leicht, einen Drag Act nicht ernst zu nehmen oder als Witz abzustempeln. Und das wollte ich auf keinen Fall. Mittlerweile ist es okay, wenn man Conchita sagt. Ich verstehe es, aber es fühlt sich nicht mehr so an. Somit bin ich auch gefangen in diesem Konstrukt des Schubladendenkens.

Du hast mal scherzhaft gesagt, Conchita sei entstanden, weil du keine Lust hattest, dich zu rasieren. Ist das wahr?

Das stimmt. Ich seh’ aus wie zwölf, wenn ich rasiert bin. Und das gefällt mir nicht. Das war damals eher ein Gag. Ich hab einen Visagisten gesehen aus Amerika, Matthu Anderson, der hat immer Drag gemacht mit Bart. Ich bin damals über diese Fotos gestolpert und fand, das sah toll aus. Irgendwann stand eine Party an und ich stand im Bad und dachte mir, ich geh im Fummel weg. Und habe es einfach ausprobiert. Aus reiner Faulheit heraus.

Wie reagieren die Leute auf dich und deine Erscheinung?

Auf meinem Instagram-Account ist kaum etwas Negatives zu finden. Ich habe natürlich vereinzelt immer wieder etwas drin, das mich im schlechtesten Fall zum Kopfschütteln bringt, aber mich nicht wirklich emotional berührt. Meistens kostet es mich auch ein Lächeln, weil ich es lustig finde, wenn Menschen so bemüht darum sind, einem zu sagen, wie sehr sie einen nicht mögen. Das ist so unlogisch. Wieso sollte ich mich denn mit etwas beschäftigen, das ich nicht mag? Ich finde, eine gesunde Portion Ignoranz schadet nicht. Wenn mich was nicht interessiert, dann interessiert es mich nicht. Vielleicht manchmal auch unhöflich, aber das hält jeder aus.

Im 18. und 19. Jahrhundert waren in den USA die Freak Shows verbreitet, unter anderem mit der Figur der bärtigen Lady. Wie freaky darf man denn heutzutage sein?

Pffft! Jeder wie er will. Da gibt es doch keine Regeln. Aussehen, solche Oberflächlichkeiten, da kann doch jeder machen, wie er will. Mit Oberflächlichkeiten kann man niemandem wehtun. Ich denke das Grundkonstrukt der Menschenrechte ist einfach einzuhalten. Da, wo ich jemand anderen in seiner Freiheit einschränke, ist meine Freiheit zu Ende. Und ich glaube, mit solchen banalen Dingen wie dem Aussehen kann man sich weit aus dem Fenster lehnen, bis man jemandem körperlich wehtut.

Viele Leute stören sich ja aktuell an so einigem…

Natürlich. Aber auch das verstehe ich nicht. Dieser Hass, der da gelebt wird. Es ist mir emotional nicht zu begreifen. Ich habe dafür keine Referenz in meiner Erziehung oder in meiner Lebensgeschichte. Ich habe kein Werkzeug, auf das ich zurückgreifen könnte, dass ich dieses Verhalten im Ansatz verstehen könnte. Da sind Menschen, die hetzen gegen Hautfarben und sexuelle Orientierungen und ich denke mir, Leute, eigentlich ist es euch doch scheißegal. Was hat das für euch für einen Mehrwert, ob ihr andere raushetzt oder Hass versprüht? Seid doch alle ignorant und konzentriert euch auf euer eigenes Leben. Viele nehmen sich zu wichtig. Ich denk mir: Sit down, Daddy, nobody asked you. Natürlich nimmt das hier in Deutschland Dimensionen an, die fernab von dem sind, was mit Humor zu beantworten ist, aber es ist mir nicht zu verstehen. Natürlich ist es wichtig, dagegen aufzustehen und etwas zu sagen. Ich für mich tu mich schwer damit, gegen etwas zu sein. Ich sag mir eher: Geht zur Wahl. Wir leben in einer Demokratie. That’s how it is. Natürlich kann man sagen, man kann nicht warten, bis die Demokratie es richtet, aber wir leben in einer Demokratie. Sollen wir jetzt die Anarchie ausrufen? Ist das der Plan? Das ist das, worauf ich plädiere. Denn zuhause zu sitzen und zu denken, die Menschen können doch nicht so dumm sein und dann nicht wählen zu gehen, ist fahrlässig.

Die einzigen, die uns aufhalten können, sind wir selbst.

Als du den ESC gewonnen hast, hast du gesagt „We are unstoppable“ und benutzt den Hashtag #theunstoppables. Wie ist der Stand der Dinge?

Ja, ich lebe das. Ich finde, die einzigen, die uns aufhalten können, sind immer wir selbst. Vieles, was uns zurückhält, hält uns in unserem Kopf zurück. Die Stimme, die einem sagt, man ist nicht gut genug. Somit ist es eine tägliche Herausforderung, die Stimme beiseite zu schieben und zu sagen: Done is better than perfect. Das ist ein Credo, das ich mir immer wieder mantrahaft vorbete. Denn wenn man vor Angst nichts tut, dann kommt auch nichts raus. Angst ist einfach destruktiv.

Was sind deine Strategien, um keine Angst zu haben?

Nach dem Songcontest habe ich die ersten Jahre damit verbracht, diesen Charakter (Conchita, Anm. d. Red.) zu schleifen und zu formen. Und so einen minimalen Bruchteil meiner Persönlichkeit auf die Bühne zu stellen, um eben ernstgenommen zu werden. Im Laufe der Zeit bin ich darauf gekommen, dass wenn ich mich selbst so filtere und limitiere, dann tut mir das nicht gut. Weil ich immer noch eine Seite von mir verstecke und nicht akzeptiere. Ich habe irgendwann gemerkt, ich wache auf und bin grundlos unglücklich. Da bin ich einfach nicht mehr rausgekommen. Ich habe mir professionelle Hilfe geholt, viele Bücher gelesen und mit meinen Freunden und meiner Familie gesprochen. Das waren zwei Jahre anstrengende Arbeit. Herauszufinden, wer ich bin und was ich möchte. Was ich kann und was nicht. All diese Dinge, die man so durchlebt. Und bin zu dem Punkt gekommen, dass ich reichen muss. Ich habe angefangen, zu meditieren. Ich dachte nie, dass das irgendetwas für mich sein wird. Mich hat das immer so gestresst. Denk nicht an einen rosa Elefanten. Das ist so bescheuert. Dann habe ich geführte Meditation für mich entdeckt. Wenn die nette Dame in meinem Kopfhörer mir einfach nur sagt, wie lange ich einzuatmen habe, wie lange ich die Luft anzuhalten und auszuatmen habe – das kann ich. Anweisungen befolgen kann ich super. Ich liebe es. Es hat wirklich etwas verändert. Ich bin viel gelöster in vielerlei Hinsicht und reg mich nicht mehr über jeden Scheiß auf. Wenn jemand etwas sagt, nehme ich das für bare Münze. Ich habe aufgehört, mir für andere den Kopf zu zerbrechen. Und es sollen auch alle anderen aufhören, sich für mich den Kopf zu zerbrechen.

Hast du manchmal das Gefühl, dich mehr anstrengen zu müssen als andere?

Ich für mich, ja. Es gibt Business-Situationen, in denen man merkt, dass meine Person rein marketingtechnisch nicht gut zu verkaufen ist für eine breite Masse. Das ist nun mal die Geschäftswelt. Früher habe ich immer gedacht: Muss ich jetzt noch mehr machen, um das zu kriegen, was andere kriegen? Und dann kommt der Neid ins Spiel. Dieses Gefühl habe ich mir untersagt. Ich hasse es zu jammern. Und ich hasse Menschen, die jammern. Hass ist ein starkes Wort, aber da steigt mir die Weißglut auf. Ich war davor auch nicht gefeit. Aber ich habe zum Glück Menschen um mich, die mich darauf aufmerksam machen. First-World-Problems. Jeder bekommt das, was er bekommen soll. Wir entscheiden ja alle tatsächlich selbst, wie unser Leben aussieht. Ich komme aus einem 3000-Seelen-Dorf, meine Eltern waren nicht reich. Ich hatte keinen privilegierten Status und habe die Schule gemacht wie alle anderen auch. Aber meine Persönlichkeit hat mich zum Licht getrieben. I’m sorry, vor mir braucht man keine Ausreden suchen. Es ist scheiß hart, aber man kann alles. Das Leben ist kein Ponyhof.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Dass die Menschen aufwachen. Dass jeder die Chance bekommt, sein Leben so zu gestalten, wie er oder sie das möchte. Dann gibt es auch keinen Hass und keinen Neid. Das ist natürlich eine Miss-Universe-Antwort, aber es gibt schon Lösungen dafür. Ohne jetzt hier zu politisch zu werden: Ich finde, ein Grundeinkommen für jeden Menschen auf diesem Planeten würde wahnsinnig viel beitragen. Wenn die Grundbedürfnisse der Menschheit gestillt sind, zu essen, zu trinken und ein Zuhause zu haben, dann wären viele Probleme gelöst. Wenn alle Menschen das machen, was sie gerne tun, wäre das ziemlich geil hier. Es gibt ja immer das Argument, dass gewisse Jobs niemand machen würde. Aber ich wage die Behauptung, dass es für alle Jobs Menschen gibt, die es interessiert. Ich lebe auch meinen Traum und auch in meinem Universum gibt es Dinge, die mache ich gern und weniger gern. Weniger gern ist total gut mitzunehmen, wenn der Rest einfach toll ist. Und ich glaub, das wäre ein Konzept, das funktionieren könnte. Ob das jemals in die Tat umgesetzt wird bei den Menschen, die den Planeten kontrollieren – I don’t know.

Nachtrag (16.10.): Der Veranstalter hat bekannt gegeben, dass die Konzerte von Conchita & Band am 12. und 13. November in Köln und auch am 11.11. in Oberhausen leider nicht stattfinden können. Karten können dort zurück gegeben werden, wo sie gekauft wurden, und die Eintrittsgelder werden erstattet. Hier das Statement dazu von Conchita:

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