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Ausstellung: “Computer Grrrls” bevölkern Dortmunder U

Simone C Niquille, "The Fragility of Life", Video Still, 2017

Das fliegende Schwein der Pink-Floyd-Ausstellung ist nicht die einzige große Aufblasfigur, die gerade im Dortmunder U zu sehen ist. Während im sechsten Stock den alten, weißen Männern des Psychedelic Rock gehuldigt wird, stellt der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) drei Stockwerke drunter eine berechtigte Frage: Warum werden Computertechnik und Digitalisierung eigentlich als Männerdomäne gesehen? Die Ausstellung „Computer Grrrls“ zeigt, dass es auch anders geht – unter anderem mit zwei ungewöhnlichen Aufblasfiguren.

Um an ihr Thema heranzuführen, haben die Kuratorinnen Inke Arns und Marie Lechner viel Recherchearbeit in eine Zeitlinie gesteckt, die den Besuchern auf elf Metern mit über 200 Einträgen die Beziehung von Frauen und Rechenmaschinen bzw. Computertechnik vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart näherbringt. Dort erfahren die Besucher, dass Rechnen am Beginn des 20. Jahrhunderts als weibliche Tätigkeit galt. Frauen berechneten astronomische Daten, knackten den Verschlüsselungscode der Nazis und kalkulierten ballistische Flugbahnen für die Armee. Sie wurden „Bletchleygirls“, „ENIAC girls“ oder „kilo-girls“ genannt. Der erste vollelektronische Computer in den USA wurde von Frauen programmiert. „Mein Lieblingsbild in der Timeline ist das der NASA-Programmiererin Margaret Hamilton vor einem Stapel Papier, der so groß ist wie sie selbst“, sagt HMKV-Leiterin Inke Arns. „Das war ihr Code für die Mondlandung. Wenn ich so ein Bild mal in einem Technik-Lehrbuch gesehen hätte…“

Arns’ Generation wuchs schon in der Annahme auf, dass Informatik ein von Männern dominiertes Geschäft sei. Ab den 1960er-Jahren entwickelte es sich tatsächlich dorthin. Die Einführung des Personal Computer wurde 1985 als reines Männer-Ding beworben. Auch aus dieser Zeit zeigt die Ausstellung historisches Marketing-Material: Den Mann an Bildschirm und Tastatur, die Frau den Haushalt bestellend.

Allein die Auswahl der ausgestellten Werke der Schau „Computer Grrrls“ ist ein starkes Statement: Die 26 Positionen stammen von 22 Frauen und einem Mann. Eingeladen waren nicht nur Künstlerinnen, sondern auch Hackerinnen, Makerinnen und Forscherinnen, die daran arbeiten, Technologie anders zu denken, indem sie etwa genderspezifische Vorurteile in den Bereichen Big Data und Künstliche Intelligenz hinterfragen.

Elisabeth Caravella, „Howto“, 2014 © Le Fresnoy, Studio National

Mit schönen Grüßen nach Silicon Valley

Bei ihrer Beschäftigung mit dem Thema ist zum Beispiel das ironische Video „A Total Jizzfest“ herausgekommen, das die Künstlerin Jennifer Chan den ausschließlich männlichen Gründern des Silicon Valley widmet. Mit kitschiger Musik unterlegt, offenbart sie die Selbstinszenierung der Geeks und Nerds. Die eingangs erwähnten großen Aufblasfiguren stammen von Simone C. Niquille. Für ihre Arbeit „The Fragilityof Life (Die Zerbrechlichkeit des Lebens)“ ist sie an den 3D-Datensatz eines Hillary-Clinton-Doubles gekommen und hat sie an zwei verschiedene Hersteller von Aufblas-Puppen geschickt. Die unterschiedlichen Ergebnisse zeigen, in welch weiter Spanne Maschinen Körperdaten interpretieren können.

In vielen Arbeiten geht es um die Normierung und Optimierung des menschlichen Körpers. Erica Scourti hat für „Body Scan“ zum Beispiel ihre eigenen Körperteile abfotografiert und in Bildersuchen eingegeben. Ein Befund: Wenn es um weibliche Brüste geht, poppen als erstes Verbesserungsvorschläge auf. So haben die ausgestellten 3D-Drucke, Videoinstallationen, Filmtutorials, Skulpturen, Poster, sezierte analoge Rhythmusgeräte, ein Friseursalon und ein Virtual Reality Set, ein Dokumentarfilm, eine stereoskopische 3D-Projektion, Fotografien, Figuren, Zeichnungen und Aquarelle vor allem eins gemein: einen kritischen Blick auf das Feld von Computertechnik und Digitalisierung.

Computer Grrrls: 27.10.–24.2., Hartware MedienKunstVerein, Dortmund

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