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Der Barbier von Rüttenscheid: Selbstversuch im Herrensalon

Foto: Ole-Kristian Heyer
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Einer von Rüttenscheids vielen Friseurläden schlägt aus der Art: Guido Bösherz‘ Herrensalon ist im Stil der zwanziger Jahre eingerichtet. Der Barbier rasiert noch mit Rasiermesser. Autor Christoph Ranft hat einen Selbstversuch gewagt.

„Guido Bösherz Barbier“ – die goldenen Buchstaben leuchten von der großen Schaufensterscheibe. Darunter ein Wappen: Rasiermesser und Schere kreuzen sich vor einem Anker. Ich habe im Vorbeigehen schon oft in den Laden gespäht. Heute gehe ich zum ersten Mal hinein. Drinnen sieht es aus, als wäre vor gut hundert Jahren die Zeit stehen geblieben. An den Wänden gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos, im Raum alte Holzmöbel. Darauf Dosen, Fläschchen, Emaille-Schalen. Dann der Besitzer: dichter Vollbart, Hut und Brille mit schwarzem Rahmen. Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln steht Guido Bösherz über einen Kunden gebeugt und pinselt ihm Schaum ins Gesicht.

Ein alter Radiolautsprecher spielt leise Musik. „Lieder aus den zwanziger bis fünfziger Jahren!“ Bösherz begrüßt mich mit Handschlag. Der Barbier ist auf Monate hin ausgebucht, hat viele Stammkunden, auch aus anderen Städten. Als er im April 2014 seinen Herrensalon eröffnete, hatte er mit einem solchen Ansturm nicht gerechnet. „Auf einmal kamen alle diese Bärte hier herein! Ich dachte: Was ist los, haben die hier irgendwo eine Farm?“

Der Bart bleibt immer dran

Der 46-Jährige hatte schon lange die Idee, einen Herrensalon im Stil der Zwanzigerjahre zu eröffnen, mit Haarschnitt, Bartschnitt und Rasur. „Vor zwei Jahren waren die Kinder aus dem Haus. Also habe ich es gemacht.“ Bösherz kündigte seine Anstellung in Gladbeck und eröffnete seinen eigenen Laden. Rüttenscheid kannte er, weil sein Sohn hier lebt. Er mag den Großstadtcharme des Viertels. Das Hippe und das Edle nebeneinander. Die Herzlichkeit der Leute. Inzwischen wohnt er in einer Wohnung über seinem Salon.

Auch, wenn der Salon eine fantastische Filmkulisse böte: hier ist nichts inszeniert. Die Möbel sind wirklich alt – Bösherz hat sie über die Jahre gesammelt. „Glücklicherweise hatten wir ein großes Wohnzimmer.“ Im Fenster steht ein Motorrad, eine 1955er Triumph – ein Erbstück von seiner Tante. Aber sie ist kein reines Schmuckstück. Sie ist zugelassen, Bösherz fährt damit.

Endlich bin ich an der Reihe. Ich sitze auf dem Frisierstuhl. Muss ich meine Brille ablegen? „Du musst dich entspannen“, sagt Bösherz. „Den Rest mache ich.“ Was ich mir vorstelle, will er dann aber doch wissen. „Das Gesicht glatt rasiert“, sage ich. Aber Bösherz winkt ab. „Nein, das mache ich nicht. Ich schneide doch keinen Bart ab!“ Keine Diskussion. „Aber wir machen ihn schön“, verspricht er. Er nimmt mit den Fingern Maß in meinem Gesicht. Nachdem er die Konturen geschnitten hat, streicht er Wangen und Hals mit Schaum ein. Der Rasierpinsel streichelt die Haut.

Auszeit vom Alltag

Während der Arbeit redet Bösherz über Roastbeef, Politik und Kinofilme und schimpft dabei ebenso viel, wie er lacht. Die tiefenentspannte Atmosphäre im Salon bleibt davon unberührt. Als er fertig ist mit der Rasur, legt er ein warmes, dampfendes Tuch auf mein Gesicht. Ob das der Hautpflege diene? „Das ist wie zurück in den Mutterleib. Das ist pure Entspannung. Und natürlich beruhigt es auch die Haut.“ Seine vielen Kunden kommen auch für eine Auszeit vom Alltag hierher.

Unter dem Tuch ist es warm und dunkel. Geräusche höre ich nur noch gedämpft. Schließlich nimmt Bösherz mir das Tuch vom Gesicht. Schade eigentlich. Er reibt mein Gesicht mit Aftershave ein. Es riecht angenehm. Mir fällt eine Heiligenfigur auf, die auf einem Podest an der Wand thront. „Das ist Maria Magdalena“, erklärt Bösherz, „die Schutzgöttin der Barbiere.“ Zum Abschluss pudert er mein Gesicht mit einem großen Pinsel ab.

Bösherz sagt, er sei angekommen, fühle sich so zu Hause wie noch nie. Bevor er abends nach oben in die Wohnung geht, klopft er mit der flachen Hand die Haarbüschel aus den Hosenaufschlägen. „Wenn ich das in der Wohnung mache, gibt’s Ärger.“

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