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Interview: AnnenMayKantereit über Album und Verwirrung

Foto: Martin Lamberty

Diese vier Kölner wirken noch immer wie die nette WG-Band. Auch mit ihrem zweiten Album „Schlagschatten“ erschaffen sie Zustandsbeschreibungen zwischen Liebe und Veränderung. Sie stehen fokussiert im Leben und verströmen mit ihren Songs immer noch den unbeschwerten Charme einer Indierock-Kappelle. Im Februar beginnt ihre große Clubtour, im Juli kommen sie als Headliner zum Juicy Beats Festival in Dortmund.

Ob er mit seiner Band mal Angst hat, eine völlig falsche Richtung einzuschlagen? Sänger Henning May verneint das im Interview: „Ich glaube nicht, das man seine Seele verkaufen kann. Es klingt jetzt sehr hochgestochen, aber meine künstlerische Integrität wird es nicht dazu kommen lassen, dass ich irgendwie einen Wahlkampfslogan für eine politische Partei oder so was ähnliches schreiben würde.“ Dennoch weiß der Tocotronic- und Blumfeld-Fan, dass im Leben auch Kompromisse dazu gehören: „Um bestimmte Dinge kommt man nicht rum. Es gibt den Großkonzern Vivendi, die kaufen für Coca Cola Grundstücke in Südafrika und denen gehört auch Universal – die Firma, wo wir unsere Alben veröffentlichen.“ Aber hat er sich deswegen „verkauft“, weil nun ein geringer Prozentsatz seines Band-Einkommens an dieses Label geht? „Ich glaube eher nicht“, antwortet Henning selbstbewusst und ergänzt: „Deine Seele verkaufst du eher, wenn du als Band eine Kolumne für die Bildzeitung schreibst. Oder wenn du ein Konzert für die AfD spielen würdest – dann ist die Seele weg.“

Wir sind weniger Rock’n’Roll als Die Ärzte, dafür viel mehr Tasse Tee.

Ursprünglich haben alle vier Musiker von AnnenMayKantereit mit Straßenmusik angefangen. Hat das heute, wo die Band längst mit großem Tourtross unterwegs ist und oftmals vor einem riesigen Konzertpublikum spielt, noch eine Bedeutung? Henning überlegt kurz und antwortet dann: „Wenn alles den Bach runtergehen sollte, dann kann ich immer sagen: ich war oft genug im Ausland und hab mich da auf die Strasse gestellt und musiziert. Ich hab damit in Bulgarien meine Knete gemacht, genauso wie in Istanbul oder in Los Angeles. Man kann sich überall auf die Straße stellen und Mucke machen, um damit ein bisschen Kohle zu verdienen. Wenn man einmal weiß, wie die Straße funktioniert, dann wird man das auch nicht mehr los – das ist wie Fahrrad fahren.“ Ziemlich rund kommt auch ihr neues Album rüber: „Schlagschatten“ ist manchmal sehr optimistisch, manchmal auch nachdenklich. Henning kommentiert: „Ich hatte auch ein paar Niederlagen zu verarbeiten, der Songwriting-Prozess ist mir nicht immer ganz leicht gefallen.“ Mittlerweile gehören AnnenMayKantereit zum Kanon der Bands, die zu gleichen Teilen aus Rock- und Pop-Bausteinen besteht. Wenn er seine Band zum Beispiel mit den Ärzten vergleicht, probiert Henning das mit einem Augenzwinkern zu beschreiben: „Wir sind weniger Rock’n’Roll als Die Ärzte, dafür viel mehr Tasse Tee.“
Das Jahr 2018 war begleitet von vielen Umbrüchen. Bürgerbewegungen kommen oftmals aus der Mitte der Gesellschaft – und nicht immer von den extremen Rändern. Wie nimmt Henning das große Wirrwarr zwischen Brexit, der Gelbwesten-Protesten in Frankreich und den #wirsindmehr Demonstrationen wahr? Henning antwortet: „Es ist mittlerweile ganz schwierig zu sagen: wofür bin ich, wofür stehe ich, welche Werte habe ich und wie vertrete ich diese Werte… Ich muss sagen, wenn es ein Gefühl gibt, mit dem ich meine Sicht auf das politische Jahr 2018 beschreiben müsste, dann wäre das Verwirrung.“

AnnenMayKantereit: 17.2., Zeche Carl, Essen; 18.2., Gloria, Köln; Juicy Beats: 26.+27.7., Westfalenpark, Dortmund

 

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