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Oper von Wagner
Oper & Klassik
„Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner stellt sein persönliches Opus magnum dar, an dem er 27 Jahren lang hat tüfteln müssen. Für ungläubige Blicke sorgt nach wie vor die Aufführungsdauer von 16 Stunden, die die Tetralogie auch bei der viertägigen Aufführung in Essen für sich beansprucht.
In einer Revolutionsschrift apostrophierte der für eine kurze Zeit politisch entflammte Wagner den eigenen freien Willen als das einzige höchste Gesetz. Der spätere „Ring“ und darin insbesondere dessen erster Tag, „Die Walküre“, glich einem ins Kolossalische geratenen Dementi dieser Aussage. Absolut nichts scheint hier frei. Wagner zeigt dies unmißverständlich gleich in der anfänglichen Sturmszene. Es ist Abend. Das Unwetter lässt nach. Ein Flüchtender, vor Anstrengung halb tot, will ein inmitten der Waldeinsamkeit gelegenes Haus betreten, zögert jedoch für einen bedeutsamen Augenblick, den Riegel noch in der Hand. Das Ende dieses Zögerns setzt die nun starr folgende Unabwendbarkeit der Geschehnisse in Gang. Die Schwellensymbolik, von Wagner längst beständig verwandt, introduziert hier den Übergang in eine Ausweglosigkeit, worin Liebes- und Todessehnsucht sich so verschränken wie kaum je zuvor in einem anderen Werk der Musiktheatergeschichte. Sein Höhepunkt mag weniger im so berühmten wie mißbrauchten „Walkürenritt” gesehen werden als in der unendlich bewegenden „Todesverkündigung”, die Siegmund das Angebot seiner Halbschwester Brünnhilde auf die Ewigkeit im Heldenhimmel abschlagen lässt, wenn nicht auch für seine Zwillingsschwester Sieglinde die Pforte für jenes transzendente Reich offen steht. Sinnliche Liebe als Versöhnungsverneinung: das ist in der gesamten Tetralogie einzigartig und recht eigentlich das Zentrum des 1870 gegen Wagners ausdrücklichen Willen uraufgeführten Werkes. Die väterliche Macht von Wotan wird hier so fragil, dass auch der Gott selbst aus seinen Verstrickungen kaum mehr zu retten ist. Den Sohn lässt er ermorden, eine schwangere Tochter will er gleich selbst umbringen. Die andere mit Erda gezeugte Tochter gedenkt er dem erstbesten Dahergelaufenen anzubieten. Die eigene Ehe ward seit den Vertragsbrüchen des Vorabends längst zerrüttet. Der Gott scheint – „nur eines will ich noch …“ – längst am Ende. Der „Ring“ gerät hier – allemal in der Nachbarschaft von Flaubert, Hebbel und Ibsen – vollends zum Familiendesaster.