Per Anhalter durch die Welt: Unterwegs seit 2011

Seit 2011 auf Reisen: Rochssare Neromand-Soma und Morten Hübbe | Foto: Rochssare Neromand-Soma/Morten Hübbe

Sie sind aufgebrochen, um die Welt mit eigenen Augen zu sehen. „Wir wollen Kulturen, Bräuchen und Menschen begegnen. Wir wollen die Luft ferner Länder riechen, Unbekanntem lauschen und die Fremde auf unserer Zunge schmecken“, sagt Morten Hübbe. Gemeinsam mit seiner Partnerin Rochssare Neromand-Soma hat er sich 2011 vom Alltag verabschiedet, um das Ungewisse ganz bewusst zu erfahren.

Per Anhalter suchten sie sich ihren Weg durch Südamerika. Der Kontinent war für sie ein Sehnsuchtsziel. Bei einem Ausflug nach Kuba während der Semesterferien hatten die Lebensfreude der Menschen und die eindrucksvolle Natur sie begeistert. „Davon wollten wir unbedingt noch mehr erleben“, berichtet Rochssare Neromand-Soma

Geplant war ursprünglich, im Anschluss an die Abschlussarbeit in Literatur und Medienpraxis an der Universität Duisburg-Essen, ein halbes Jahr das Weite zu suchen. „Nach insgesamt 18 Jahren Ausbildung, die wir vornehmlich am Schreibtisch verbracht haben, wollten wir nicht direkt ins Berufsleben einsteigen.“ Aus den sechs Monaten Auszeit sind inzwischen sechs Jahre geworden. Zeit, die sie sich nehmen, um Länder und Kontinente in ihrem Tempo zu erkunden. Denn die Langsamkeit haben sie schnell für sich entdeckt. „Wir wollen die Distanzen spüren und die Weite der Welt sehen, in der wir leben“, betont Morten Hübbe.

An der Grenze Iran-Pakistan | Foto: Rochssare Neromand-Soma/Morten Hübbe

Der Wert der Reise bemisst sich für sie nicht in Sehenswürdigkeiten und Erlebnissen, sondern an Begegnungen und Gesprächen. „Die Menschen in Pakistan haben mich besonders berührt. Überall haben uns Fremde zum Tee eingeladen. Sie wollten sich mit uns unterhalten und zeigen, dass Muslime keine Terroristen sind“, erzählt Rochssare Neromand-Soma.

Nur die Polizei verfolgte die beiden Deutschen misstrauisch. „Sie haben uns immer wieder verhaftet. Die Autoritäten im Land können sich einfach nicht vorstellen, dass jemand als Tourist durch Pakistan reist. Wir wurden sehr oft für Spione gehalten, saßen stundenlang in irgendwelchen Büros fest und mussten immer die gleichen Fragen beantworten“, schildert Morten Hübbe.

Die Neugier treibt sie an, sich immer weiter treiben zu lassen. „Wir planen nicht langfristig. Im Moment wissen wir nicht mehr, als dass wir irgendwann im ersten Halbjahr 2017 Bangladesch erreichen wollen“, sagt Morten Hübbe. Es geht ihnen auch nicht darum, irgendwo anzukommen, unterwegs zu sein, ist das eigentliche Ziel. Nach zwei Jahren in Südamerika haben sie sich nun Asien zugewandt. Nach einem Intermezzo in Deutschland entfernten sie sich via Autostopp und Couchsurfing erneut in ihrem eigenen Tempo von der Heimat.

Heimat als Unveränderliches

Das ist für sie der Ort, an dem sie sich vollkommen auskennen. „Wo wir die Sprache verstehen, Gestik und Mimik deuten können, die Menschen und Gegebenheiten kennen und verinnerlicht haben. Heimat hat etwas Unveränderliches in sich“, beschreibt Rochssare Neromand-Soma. Zuhause fühlt sie sich dagegen auch im eigenen Zelt oder auf der geliehenen Couch. „ Für uns gibt es diesen einen Raum nicht, in dem unser Bett und das Lieblingsbuch im Regal an der Wand steht.“

Teeplantagen in Ella, Sri Lanka | Foto: Rochssare Neromand-Soma/Morten Hübbe

Irgendwann auch wieder sesshaft zu werden und in die Banalität des Alltags einzutauchen, können sich die beiden durchaus vorstellen – wenn der Moment dafür gekommen ist. „Noch fühlen wir uns nicht danach, auf unbestimmte Zeit an einem Ort zu bleiben. Dafür reisen wir viel zu gerne“, sagt Rochssare Neromand-Soma. Gerade sind sie im Süden Indiens angekommen und haben sich in der internationalen Öko-Kommune Auroville für einen Augenblick niedergelassen. Dort wollen sie nach ihrem Buch über das Abenteuer Südamerika an einem weiteren Werk arbeiten.

Über einzelne Etappen und Entdeckungen berichten die Weltenbummler auch im Netz. Mit ihrem Blog nuestra-america.de laden sie jeden ein, sich an ihre Fersen zu heften und sie ein Stück zu begleiten. „Wir erleben die Welt als etwas Wunderbares und möchten diesen Eindruck gerne mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Wenn wir überzeugend berichten können, dass die Erde ein guter Ort ist und wir keine Angst vor dem Unbekannten zu haben brauchen, haben wir Fantastisches erreicht“, sagt Rochssare Neromand-Soma.

Realität ist besser, als ihr Ruf

Diese Erkenntnis zählt für Morten Hübbe zu den entscheidenden Erfahrungen ihrer Reise. „Die Realität ist nicht so, wie wir es oft zu hören bekommen. Ganz gleich, ob in Kolumbien, das unter seinem Drogenmafia-Image leidet, oder Pakistan, das allgemein als Terrorstaat bekannt ist – überall gibt es sehr viel mehr Herzlichkeit und Gastfreundschaft als Hass und Missgunst.“ Die persönlichen Eindrücke aus der Türkei haben sein Bild des Landes komplett verändert. „Die unzähligen antiken Stätten, die fantastische Natur, die extremgastfreundlichen Menschen und das ausgezeichnete Essen haben mich fasziniert. Das hatte ich nicht erwartet.“

Per Anhalter unterwegs zu sein, bringt sie den Menschen nahe. „Wir haben so mehr über ihre Eigenheiten, Bräuche und Kulturen erfahren, als wir jemals in Reiseführern hätten lesen können“, sagt Rochssare Neromand-Soma. Sie sind bereits bei ganz unterschiedlichen Fahrern eingestiegen. „Wir haben in verbeulten und verrosteten Autos gesessen, deren Karosserie lauter klapperte, als der Motor, sind aber auch schon mehrfach im Porsche mitgefahren“, berichtet Morten Hübbe.

Whisky mit den Drogendealern

Nachhaltigen Eindruck haben bei ihm die Drogendealer hinterlassen, die sie in Nordindien bis spät in die Nacht durch die Berge chauffierten. „Später haben sie uns zu sich nach Hause eingeladen, wo wir Whisky tranken und sogar übernachteten. Dass sie uns in Todesangst versetzten, als mit ihren Pistolen scheinbar zum Spaß aus dem fahrenden Auto schossen, haben wir ihnen lieber nicht erzählt.“ Stolz sind die beiden Weltreisenden darauf, einen Weg gefunden zu haben, um umweltschonend unterwegs zu sein. „Die mehr als 50 000 Kilometer in Südamerika und die knapp 35 000 Kilometer bis nach Indien haben wir zurückgelegt, ohne einen Tropfen Benzin zu verbrauchen.“

Als angenehmer Nebeneffekt hält das Trampen die Kosten günstig. Während sie die Tour durch Südamerika durch Ersparnisse und Gelegenheitsjobs finanziert haben, sorgen nun ihre Erlebnisse für ihr Fortkommen. „Mittlerweile verdienen wir etwas mit unserem Blog und auch unser Buch trägt einen Teil bei“, sagt Morten Hübbe. Wenn sie mit ihren Geschichten andere dazu inspirieren können, selbst den Rucksack zu packen und aufzubrechen, wäre es für sie das größte Lob. Wann sie heimkehren, ist ungewiss. Noch fühlen sie sich wohl in der Weite der Welt.

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Buchtipp: Per Anhalter durch Südamerika

„Zwei Jahre, 56 000 Kilometer, ein Kontinent“ ist das Buch „Per Anhalter durch Südamerika“ untertitelt. Man könnte noch ergänzen: Zwei junge Reisesüchtige, 246 Mitfahrgelegenheiten, unzählige Begegnungen. Morton Hübbes und Rochssare Neromand-Somas Reise kreuz und quer über den südamerikanischen Kontinent begann in Essen. [mehr...]