Initiative Wuppertal 2025: Bahn in der Schwebe

Seilbahn in spe | Foto: tripleorange.de

Ob pünktlich oder nicht: Der neue Döppersberg in Wuppertal wird fertig werden. Gegner hatten im Vorfeld versucht, das Projekt zu stoppen – ohne Erfolg. Seit einiger Zeit nun rumort es erneut in der Bevölkerung. Stein des Anstoßes diesmal ist eine geplante Seilbahn, die das Tal mit den Südhöhen verbinden soll. „Hurra!“, schreien die einen. „Braucht Wuppertal das?“, fragen die anderen und meinen deutlich: Nein!

Initiative Wuppertal 2025. Damit fing alles an. Die entwickelten Strategien zur Zukunftsfähigkeit der Stadt – mit den Beteiligten Stadtverwaltung, Stadtsparkasse, Bergische Universität und Wuppertaler Stadtwerke – mündeten in ein Programm, das 13 Schlüsselprojekte umfasst. Diese klingen zumindest nicht nach Hexenwerk, sind mehr (Fahrradstadt Wuppertal) oder weniger (Qualitätsoffensive Innenstadt) kühn gedacht – bis auf eines, das völlig aus dem Rahmen fällt: Eine Kabinenseilbahn zum Campus der Bergischen Universität und darüber hinaus. „Wenn gerade in den frühen Morgenstunden viele der 20 000 Studenten und der 2000 Schüler auf die Südhöhen streben, zeigt sich, dass der ÖPNV hier an seine Grenzen stößt“, heißt es völlig pragmatisch auf der Website seilbahn2025.de.

„Lösung ohne Problem“

Mit Pragmatismus ist es bei diesem Thema aber nicht getan. Vielmehr geht es hochemotional zu. Die Bahn wäre „ein attraktives, kostengünstiges und umweltfreundliches Verkehrssystem für unsere Stadt“. So prangt es auf der Website von pro-seilbahn-wuppertal.de. Verantwortlich für den Inhalt auf dieser Seite ist Axel Sindram vom gleichnamigen Verein Pro Seilbahn Wuppertal e.V. Er ist sich sicher: „Es wird eine Seilbahn in Wuppertal und zahlreichen anderen deutschen und europäischen Städten geben. Angesichts des dringend erforderlichen ÖPNV-Ausbaus bei gleichzeitig steigenden Kosten und immer längeren Verfahrensdauern für herkömmliche Stadtbahnprojekte werden die kostengünstig zu erstellenden, leistungsfähigen Seilbahnen immer öfter als geeignete Lösung angesehen werden.“ Wie könnte es anders sein, dass andere das komplett anders sehen. „Man hat mit der Seilbahn eine Lösung parat, ohne wirklich ein Problem zu haben“, formuliert es Antonino Zeidler vom e.V. Seilbahnfreies Wuppertal. „Die Anbindung nach Cronenberg ist mit den City-Expressen heute hervorragend. Eine Seilbahn würde diese gute Lösung substituieren und zwar mit höheren Betriebskosten, längeren Reisezeiten und deutlich geringerer Erschließung der Anwohnerquartiere“, beurteilt er die Pläne und ergänzt: „Eine Seilbahn macht nur dort Sinn, wo man alternativlos ist oder die Alternativen deutlich schlechter in der Betrachtung abschneiden.

Cronenberg ist kein Bergdorf, welches 200 Tage im Jahr eingeschneit und unerreichbar ist.“ Das stimmt mal zunächst. Einige weitere der aufgeführten Argumente können aber nicht so richtig überzeugen: Wuppertal kann keine weiteren Großbaustellen verkraften. Hahnerberg darf kein P+R-Parkplatz für das FOC werden (für den neuen Döppersberg ist ein Factory Outlet Center geplant, Anm. d. Red.). Wir verteidigen die Privatsphäre der betroffenen Anlieger. Aha. Letzteres dürfte wohl sehr entscheidend für die angestrebte Verhinderung sein. Und es ist sicher auch ein schwerwiegendes Argument, obwohl Antonino Zeidler das anders sieht: „Die eingeschränkte Privatsphäre für Anwohner ist bei dieser Projektidee noch das kleinste Problem. Viel dramatischer sind die drastischen Einschnitte in den ÖPNV und die katastrophale Umweltbilanz der Seilbahn.“

Die Stadt „erschweben“

Was halten die Befürworter von solchen Sorgen? Axel Sindram: „Eine Beeinträchtigung der Privatsphäre durch unerwünschte Einsichtnahme kann durch selbst abdunkelnde Fensterscheiben – wie zum Beispiel in Brest – vermieden werden. Das Problem ist also technisch lösbar.“ Und der konventionelle ÖPNV? „Das verkehrliche Hauptargument ist die drohende Ausdünnung des Busnetzes. Auch aus unserer Sicht darf es zu keinen Verschlechterungen für die Nahverkehrsnutzer in der Südstadt kommen, die nicht von der Seilbahn profitieren. Der bisherige Bedienungsstandard ist also mit den bestehenden Buslinien oder durch neue flexible Bedienungsformen mindestens aufrecht zu erhalten.“ Man muss sich das mögliche Bild immer wieder mal vor Augen führen. Seilbahn 2025 wirbt: „Die Bahn könnte den Döppersberg im Zentrum Elberfelds mit dem Campus der Uni und dem Schulzentrum auf dem Hahnerberg verbinden. Damit würde nicht nur die Verkehrssituation in Wuppertal nachhaltig verbessert und die Umwelt entlastet – auch unseren Besuchern würde sich eine weitere und nicht weniger außergewöhnliche Möglichkeit bieten, unsere Stadt zu ‚erschweben‘.“

Verhärtete Fronten

„Die Wuppertaler Seilbahn würde nur dann Sinn bezogen auf Umweltbilanz und ÖPNV machen, wenn sie ausschließlich zu den Spitzenbelastungszeiten betrieben werden würde“, hält Antonino Zeidler dagegen, „also von morgens 7.30 Uhr bis 9 Uhr und nachmittags zwischen 15 und 17 Uhr. In der übrigen Zeit müsste sie abgeschaltet werden.“ Mit den unterschiedlichen Ansichten in Sachen Kosten-Nutzen-Verhältnis ist natürlich auch die Politik beschäftigt. Im Stadtrat wird man im Februar beschließen, ob ein Planfeststellungsverfahren durchgeführt werden soll; im Herbst wurde bereits ein positives Bürgergutachen vorgelegt. „Gekoppelt ist der praktische Nutzen für die Wuppertaler und ihre Gäste mit einem einmaligen Fahrerlebnis“, betont man bei Pro Seilbahn. „Nahezu geräuschlos, abgasfrei und mit atemberaubender Fernsicht.“ Antonino Zeidler blickt allerdings anders in die Zukunft: „In Wuppertal wird niemals eine Seilbahn in den Regelbetrieb gehen, davon bin ich felsenfest überzeugt. Allerspätestens mit den Klagen der betroffenen Anwohner dürfte das Projekt endgültig sterben. Der Gedanke, ein europäisches Gericht würde einer Enteignung zum Überflug von 35-Personen-Gondeln ca. 10 Meter über Häuser und Gärten hinweg zustimmen, ist einfach zu grotesk.“ Axel Sindram zeigt sich ganz realistisch: „Eine einvernehmliche Lösung mit allen Betroffenen wäre wünschenswert, ist aber eher unwahrscheinlich. Wir rechnen in jedem Fall auch mit Klagen.“ Gibt es demnach nachvollziehbare Argumente der Gegner, und wenn ja: Wie geht man damit um? „Ein möglicher Wertverlust von Grundstücken entlang der Seilbahntrasse ist zwar bisher nicht nachgewiesen“, so Axel Sindram, „dennoch sollte für einige Häuser an der Cläre-Blaeser-Straße und am Lavaterweg, die in geringer Höhe überquert werden, ein Komplett-Erwerb angeboten werden. Für die sonstigen überquerten Grundstücke sind Wegerechts-Entschädigungen zu zahlen. Für deren Höhe wären nunmehr auch konkrete Vorschläge zu erarbeiten.“

Die Fronten sind verhärtet. Die Gegner beklagen vor allem auch zu wenig Transparenz seitens der Planer. Zum coolibri-Redaktionsschluss am 6.12. merkte Antonino Zeidler an: „Zur Zeit herrscht ein Informationsstand vom Projektbeginn im Mai 2015. Seitdem wurden so gut wie keine neuen Zahlen, Daten oder Fakten veröffentlicht.“

„Eben das sollen die noch ausstehenden Gutachten bewerten: Machbarkeit und Finanzierbarkeit des Projekts“, so Pro-Seilbahn-Sprecher Axel Sindram. „Wir hoffen, dass der Stadtrat dann in diesem Sinne entscheidet.“