Der schwule Schein: Pierre et Gilles in Brüssel

Pierre et Gilles, For Ever (Stromae), 2014, Private collectio | Foto: © Pierre et Gilles

Die Welt braucht mehr Farbe – das war selten zutreffender, als in den Tagen von neuen Despoten, globalem Terror und der Renaissance der Konservativen. Zum Glück eröffnet das schwule Künstlerduo Pierre et Gilles am 16.2. im Brüsseler Musée d‘Ixelles eine Ausstellung, die mit Farbe, Humor und Glamour um sich wirft und gleichsam die verborgene Zerbrechlichkeit moderner Identitäten einfängt. Dank Thalys-Kooperation ist ein Tagesausflug in die belgische Hauptstadt samt Museumsbesuch gar nicht mal so unerschwinglich. 

Pierre et Gilles, 40 ans - Autoportrait, 2016, Collection particulière © Pierre et Gilles
Pierre et Gilles, Ganymède (Frédéric Lenfant), 2001 (triptyque, part 2), Pinault collection © Pierre et Gilles

Fast ein Jahr ist es her, dass der Terror Belgien ins Herz traf und die Hauptstadt Brüssel erschütterte. Umso wichtiger und schöner ist es, dass die geschichtsträchtige Metropole ihre Weltoffenheit und Buntheit weiter auf der Zunge trägt. Die Ausstellung „Clair-obscur“ (16.2.-14.5.) des französischen, schwulen Künstlerpaars Pierre et Gilles ist dabei eine passende Zelebration von Vielfältigkeit, die eine erstaunliche Analyse der Befindlichkeit der homosexuellen Szene zulässt.

Das Duo vermengt die Disziplinen Fotografie und Malerei, um ihren farbexzessiven Porträts einen surrealen Anstrich zu verleihen. Neben Inszenierungen von Stars wie Madonna, Stromae, Nina Hagen und anderen pflegt das Paar auch eine rege Tradition von übersexualisierten Darstellungen vorwiegend männlicher Körper. Die schmücken sie gerne mit Blumen, Glitter und anderem Kitsch, streuen aber immer wieder Kontraste zur perfektionierten Schönheit, die auf ihre Vergänglichkeit hinweisen.

In diesem Spannungsfeld durchleuchten Pierre et Gilles den so gerne übertriebenen, sexualisierten Kitsch, Pomp und Glamour, der der LGBT-Szene (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) oft als Oberflächlichkeit vorgeworfen wird und offenbaren ihn als einerseits lustvollen Akt der Darstellung und andererseits als Teil einer Maskerade, hinter der sich vielschichtige Identitäten verbergen. Damit illustrieren Pierre et Gilles nicht nur die Doppeldeutigkeit der Szene, sondern dank regelmäßig aufgegriffenen Thematiken wie Religion, Mythologie und populärer Kultur auch die der gesamten westlichen Kulturgeschichte. Die in Blumenmeeren versenkten, makellos glatten Gesichter, denen Tränen über die unwirklich perfekten Wangen laufen, während sich im Hintergrund Industriebaracken empor strecken, sind treffende Darstellungen moderner Identitäten, die ihre Zerbrechlichkeit hinter überschönen Masken verstecken. Und wer all das nicht durchschaut, freut sich einfach über blanke Penisse, Konfetti und Conchita Wurst. 

Mehr Brüsseler Leckerbissen

Brüsseler Art déco Architektur | Foto: Lukas Vering
Villa Empain | Foto: Lukas Vering

Allein für diese besondere Ausstellung ist ein Kurztrip nach Brüssel lohnenswert. Das Musée d’Ixelles liegt dabei im sehenswerten Viertel Ixelles, das zu Spaziergängen durch Straßen voll architektonischer Wunderkisten einlädt. Etliche Art-déco-Bauten reihen sich neben Jugendstil-Gebäude, geometrische Muster und verspielte Details laden zu Instagram-Eskapaden ein. Wer eine Affinität für Architektur und Kunst hegt, dem sei zudem noch ein Besuch der Villa Empain ans Herz gelegt. Was von außen wirkt wie ein Lustbunker des Großen Gatsby, beherbergt im Inneren die Boghossian Stiftung, die die historische Villa zu einer öffentlich zugängigen Kunstspielwiese umgewandelt hat. Zurzeit begeistert hier die Ausstellung „Decor“ (bis 2.4.) mit u.a. bunten Musterfenstern und schwebenden Silberkissen von Andy Warhol. Auch zum Shoppen ist Brüssel eine überraschend gute Adresse, sowohl für die oft gelobte belgische Designerware, als auch für erschwingliche Vintageklamotten. Politik-Fans schaffen an einem Tag auch locker Ausflüge Richtung EU-Parlament. Wer sich für frankophile Küche oder Brüsseler Waffeln begeistert, kann sich in etlichen Restaurants und Bistros verwöhnen und Street-Art-Affine sollten auf die Suche nach Werken des Künstlers Bonom gehen, der als Banksy von Brüssel gehandelt wird.

Hin kommt man per Zug oder Flug, der Trip mit dem Thalys ist aber meist kostengünstiger, dank Startpunkten in Dortmund, Essen, Düsseldorf oder Köln insgesamt viel schneller und in jedem Fall umweltfreundlicher. Zudem bietet ein Ticket für den Hochgeschwindigkeitszug Rabatte für allerlei kulturelle Highlights, unter anderem auch für die Ausstellung von Pierre et Gilles.