Hilfe mit Know-how: Igelfreunde Ruhrgebiet

| Foto: NABU/Andreas Bobanac

Winter is coming. Mit Beginn der kalten Jahreszeit kuscheln wir uns in dicke Pullover, verbrennen uns an zu heißem Tee und verlassen unsere Betten nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Auch die heimische Tierwelt sucht sich Schlafplätze, allen voran der Herbstsäuger schlechthin: der Igel. Doch was, wenn das stachlige Kugeltier nicht einschläft, zu früh aufwacht oder nichts mehr zum Fressen findet? Gut, dass es Igelexperten gibt! Wie den Verein Igelfreunde Ruhrgebiet.

Gibt es bei so manch einem von uns noch einen Hobbyraum, ein Sport- oder Bastelzimmer, nutzt Jennifer Krieck ihr Nähzimmer mittlerweile als Igelkrankenstube. Im wenige Quadratmeter großen Raum schlummern acht Igel vor sich hin, bequem in Handtücher in Kisten gebettet. „Jetzt im Herbst kümmern wir uns vor allem um Jungtiere, die ihre Eltern verloren haben“, erklärt die Mülheimerin. „Igelbabies brauchen Nähe, wenn keiner mit ihnen kuschelt, machen wir das eben.“ Fühlt sich der Igel sicher, legt er sogar seine Stacheln an und kann gestreichelt werden. Vom Kaktus zum Farn sozusagen. Richtig zahm werden Igel jedoch nicht, meint Jennifer Krieck, sie gewöhnen sich lediglich an bestimmte Menschen, Unbekannten bleiben sie stets misstrauisch gegenüber.

Sechs Pflegestellen

Doch wie ist aus der Bürokauffrau eigentlich eine Igelmami geworden? „Im letzten Herbst habe ich einen zu kleinen Igel gefunden“, erzählt Krieck, „und wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte.“ Immer tiefer sei sie daraufhin in Igeltipps, -tricks und –pflege eingetaucht. Einen Monat später wohnte schon der erste Pflegeigel in ihrer Mülheimer Wohnung. Und das Igelfieber stieg und stieg. „Im Februar haben Uwe und Andrea Klabuhn und ich dann die Igelfreunde Ruhrgebiet gegründet“, berichtet sie stolz. „Mittlerweile haben wir 26 Mitglieder und sechs Pflegestellen im Ruhrgebiet.“ An die sollte man sich tunlichst wenden, wenn einem ein kranker oder zu kleiner Nachträuber über den Weg läuft. Igel stehen unter Naturschutz und dürfen daher nur von kundigen Händen gepflegt werden, die wissen, was sie tun. Das Internet sei da meist keine große Hilfe, bedauert Jennifer Krieck, stehe da doch oft Widersprüchliches: bitte mit Milch füttern – auf keinen Fall Laktose; ganz viel Obst – lieber nichts Süßes. „Katzenfutter ist für Igel das beste“, klärt die Expertin auf, „Milch und Obst sind tabu.“ Einzig der Homepage www.pro-igel.de könne man vertrauen, dort seien die korrekten Hilfemaßnahmen aufgeführt. Doch wie erkennt man, ob ein Tier überhaupt Hilfe braucht? „Prinzipiell sind Wunden oder eben die Größe ausschlaggebend“, so Krieck, „aber auch der Fundort ist entscheidend.“ Trifft man am Tage auf den Insektenfresser, sei das immer ein schlechtes Zeichen, denn Igel sind nachtaktiv und sollten dem Biorhythmus des Hamsters, Fuchses oder Vampirs folgen. Ist der hilfsbedürftige Igel dann im Haus, gilt es, Erste Hilfe anzuwenden: Unterkühlte Igel als allerstes wärmen, Außenparasiten an Mund, Nase oder Wunden mit einer Pinzette entfernt, dann ab zum Tierarzt oder zur Igelstation. Eine falsche Behandlung kann fatal sein. „Oft kriegen wir die Igel zu spät und dann nur noch zum Sterben“, ärgert sich Jennifer Krieck.

Ein guter Wunsch für den Weg

Meistens können die Säugetiere nach einer Erholungszeit aber wieder ins Freie entlassen werden. Ist der Igel noch sehr jung, findet er sich jedoch ohne Vorbereitung draußen nicht zurecht. In einer Jagdbox bereitet Jennifer Krieck ihre Gäste auf das wilde Leben als Fleischfresser vor. „Die Igel müssen erstmal jagen lernen“, erzählt sie, „zu Anfang können sie vielleicht einen von zehn Grashüpfern fangen, die ihnen vor der Nase herumhüpfen.“ So wie die kleine Gini. „Sie musste ich mit der Flasche aufziehen“, erinnert sich Krieck mit Blick auf das wenige Zentimeter große Geschöpf, „mit Katzenaufzuchtmilch und viel Gekuschel ist sie so groß geworden.“ Gini ist übrigens altisländisch und heißt übersetzt „Die Bedeutende“. „Ich bin ein Fan des Nordischen“, lacht Jennifer Krieck, „und ich gebe meinen Schützlingen mit den Namen gerne einen guten Wunsch mit auf den Weg. Gerade kleine und schwache Tiere bekommen von mir kräftige Namen.“ In der Lerchenstraße war sogar schonmal ein Thor zuhause, bevor er auf Insektenjagd in die Wildnis entlassen wurde. Julia Hubernagel