Ein Pony als Lehrer: Reitverein Hubertus

Mit viel Geduld bringen Werner Albry und sein Pony Henry den Kindern das Reiten bei. | Foto: Dominique Schroller

Beim Reitverein Hubertus lernen Kinder ganz spielerisch, Verantwortung zu übernehmen und Regeln zu respektieren. Pony Henry ist ein geduldiger Lehrer und Liebling seiner Schüler.

Mit Begeisterung bürsten Sophie und Lena das schwarze Fell von Pony Henry. Der Wallach lässt die Prozedur gelassen über sich ergehen, scheint sie sogar zu genießen. „Er ist immer so ruhig. Das finde ich toll“, sagt Sophie. „Und ich mag besonders, dass er so ein gutes Herz hat“, ergänzt ihre Schwester. Die beiden Mädchen kommen so oft sie können auf den kleinen Hof des Reit- und Fahrvereins Hubertus im Duisburger Norden. „Wir haben hier sogar schon gelernt, auf dem Pferd zu stehen“, verkünden die beiden Siebenjährigen stolz. „Ihr holt erstmal Eure Helme“, sagt Werner Albry und schaut den Zwillingen lachend hinterher, als sie in die Sattelkammer flitzen.

Der Duisburger scheint sich genauso auf den Reitunterricht zu freuen, wie seine beiden Schülerinnen. „Das mache ich mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand“, sagt der 65-Jährige. Er hätte als Kind selbst gerne reiten gelernt, doch den Eltern fehlte das Geld. „Im benachbarten Reitverein durfte ich ab und zu auf dem Pferd sitzen. Irgendwann hatte ich dann mal ein Pony, von dem ich viel gelernt habe. Es hat nicht immer gemacht, was ich wollte.“

"Ein Weg zu sich selbst"

Im Erwachsenenalter verlor sich zunächst der Kontakt zu den Tieren, doch die Sehnsucht blieb. „Als ich eines Tages mit Herzproblemen im Krankenhaus lag, habe ich mir überlegt, was ich mache, wenn ich gesund wieder heraus komme. Ich habe meine Leidenschaft aus der Kindheit wieder aufgenommen und mir ein Pony gekauft.“ Henry hat inzwischen mit Ids noch einen Kumpel bekommen und die beiden Vierbeiner bringen gemeinsam mit ihrem Chef dem Nachwuchs Haltung bei. „Der Umgang mit dem Pferd ist auch immer ein Weg zu sich selbst. Man muss sich kritisieren lassen und immer versuchen, es besser zu machen“, betont Werner Albry. Er möchte den Kindern und Jugendlichen mehr mitgeben als ein paar Stunden Freizeitvergnügen. „Sie lernen hier ganz spielerisch, Ängste zu überwinden und Verantwortung zu übernehmen. Dabei entwickeln sie ein Verständnis für das Verhalten der Tiere und bekommen einen ganz anderen Bezug zur Natur.“

Sechs Jahre lang kamen die Schüler der Salzmann-Schule während des offenen Ganztags auf die Anlage an der Oberen Sterkrader Straße. Diese Auszeit vom Unterrichts-Alltag hat bei einigen zu einer erstaunlichen Entwicklung geführt. „Wir hatten einen richtigen Rabauken, der sich hier ganz anders verhalten hat. Er hat sich sogar bei seinem Pferd entschuldigt, wenn er glaubte, einen Fehler gemacht zu haben. Ein Mädchen, das nie richtig gesprochen hat, ist richtig aufgetaut und kommt seit vier Jahren regelmäßig zur Reitstunde“, berichtet Werner Albry. Er legt viel Wert darauf, dass die Kinder sich bei den Tieren wohl fühlen und später zufrieden nach Hause gehen. Denn Leistungsdruck gebe es in der Schule schon genug. „Die Hürden in unserer Gesellschaft sind oft so hoch, dass wir sie getrost mal unterschreiten dürfen. Zwar haben wir auch klare Regeln, doch wir machen alles mit Ruhe und Bedacht.“

Ehemaliger Stahlwerksmitarbeiter

Dieses Umfeld schätzt Gerlinde Rinn ganz besonders. „Mit den Kindern ist der Werner Albry spitze. Er lenkt sie auf eine sehr nette Art. Bei ihm hören sie auch – ganz anders als zu Hause“, berichtet die Duisburgerin. Sie begleitet ihre beiden Enkelinnen regelmäßig zum Reiten und ist von dem Konzept überzeugt. „Es ist gut, dass sie hier auch mithelfen müssen, damit sie merken, dass das alles mit viel Arbeit verbunden ist.“ Für den ehemaligen Stahlwerksmitarbeiter Albry ist es ein Anliegen, seine Erfahrungen weiter zu geben und junge Menschen teilhaben zu lassen. „Von dem, was ich selbst im Leben geschenkt bekommen habe, möchte ich etwas zurück geben“, betont der Rentner. Bereits als 17-Jähriger hat er sich im sozialen Brennpunkt engagiert und sich später als Betriebsratsvorsitzender für andere eingesetzt. „Manche sagen, ich sei schon ein komischer Heiliger. Doch das stört mich nicht.“

Als sich 2007 der Reit- und Fahrverein Hubertus neu gründete, gehörte der Duisburger zu den ersten Mitgliedern und krempelte auch die Ärmel hoch. Auf dem verwahrlosten Hof gab es eine Menge zu tun. „Es war ein Aufbau aus dem Nichts. Gerade haben wir erst neue Ställe gebaut, Böden betoniert, Fenster ausgetauscht und Altlasten entsorgt. Denn die Stadt hat uns die Anlage zur langfristigen Nutzung übertragen, also müssen wir sie auch in Ordnung halten.“ Vieles geschieht in Eigenleistung, für größere Investitionen sind die Vereinsmitglieder auf Spendengelder angewiesen. „Wir versuchen, die Kosten schon so gering wie möglich zu halten, doch für das Angebot im offenen Ganztag stehen derzeit beispielsweise keine Mittel zur Verfügung.“

Kein Leben ohne Pferde

Der 65-Jährige möchte das Projekt gerne fortführen – ebenso wie die Angebote für Kita-Gruppen oder Flüchtlingskinder. „Gerade sie erleben bei den Pferden ein Stück Unbeschwertheit. Denn den Tieren sind Sprache und Hautfarbe gleichgültig“ Ein Leben ohne Pferde kann sich Werner Albry nicht mehr vorstellen. „Das ist meine Art der Entschleunigung und ich kann mit ihnen viel bewirken.“ Sophie und Lena können es nicht erwarten, endlich auf Henrys Rücken zu sitzen. Die Schwestern diekutieren lebhaft, wer als zuerst dran ist. Schließlich landet Lena als Erste oben. „Gerade hinsetzen und die Arme zur Seite ausstrecken“, fordert der Reitlehrer und vertrauensvoll lässt das Mädchen die Griffe des Voltigiergurtes los, während Henry gelassenen Schrittes weitermarschiert. Dominique Schroller