Bergisches Kulturgut Apfel

| Foto: Mara Hess

Eigentlich wurden Streuobstwiesen schon längst vom industriellen Obstplantagenbau verdrängt. Zur Selbstversorgung sind sie mittlerweile überflüssig, den perfekt gereiften Apfel gibt’s im Supermarkt nebenan. Doch Wuppertal beweist, dass die naturbelassenen Wiesen immer noch ein fester Bestandteil der bergischen Kulturlandschaft sind. Mit dem Erhalt der langen Tradition bewahrt die Stadt eine besondere Artenvielfalt. Seit 2000 setzt sich die Stadt für die Bewirtung privater Obstwiesen ein und betreibt drei städtische Obstwiesen sowie vier Partnerschaftswiesen.

„Wir müssen aufpassen, wo wir hintreten. Die Schafe waren erst vor ein paar Tagen hier.“ Karin Blume läuft mit gesenktem Blick auf die Weide mit Obstbäumen. Als sie den ersten Baum erreicht bleibt sie kurz stehen. Daneben steht ein Schild: „Partnerschaftsobstwiese der Stadt Wuppertal.“ Über einen kleinen Hügel am Rand der Stadt erstreckt sich die Wiese Lichtscheid. In großen Abständen stehen hier Apfel-, Birnen-, Pflaumen-, Kirsch- und Walnussbäume. Alle von der Stadt gepflanzt und von den einzelnen Baumpaten bei Zeit abgeerntet.

Karin Blume hat viele Infos rund um Streuobstwiesen. | Foto: Mara Hess

Andere Ansprüche an Obst

Karin Blume arbeitet für den Umweltschutz der Stadt Wuppertal. Da Streuobstwiesen für den Naturschutz eine große Rolle spielen liegt, ihr viel an deren Erhalt. Traditionelle Obstwiesen wie früher gebe es heute kaum noch. „Die Ansprüche ans Obst haben sich verändert“, erklärt sie. Lange Transporte dürfen kein Problem sein, der Ertrag muss gesichert und Geschmack sowie Aussehen makellos sein. Die moderne Obstzüchtung ermöglicht das, doch die genetische Vielfalt leidet darunter. Karin Blume greift nach einem Apfel, dreht ihn und deutet auf einen dunklen Fleck. „Da ist ein Apfelwickler drin“, ein Biss und die Raupe kommt zum Vorschein. Auf einer Obstplantage eine Katastrophe, hier ein Zeichen dafür, das keine Chemie verwendet wird.

„Hier wird nur auf natürliche Weise gedüngt“, erklärt sie und steuert auf den nächsten Obstbaum zu. Dabei ist sie stets bemüht nicht auf die Schafsköttel zu treten, die wie kleine Fallen über die ganze Wiese verteilt liegen. Bei Bedarf wird zur Nachbeweidung eine Herde Schafe hergetrieben, die für einen nährstoffreichen Boden sorgt und mit ihrem Getrampel die Wühlmäuse vertreibt. Die restliche Pflege, wie den Schnitt der Bäume und das Mähen der Wiese, übernimmt ein Landwirt für die Stadt.

Artenreicher Lebensraum

Nach ungefähr zehn Metern steht Karin Blume an einer Roten Sternrenette. Dieser große Abstand liegt zwischen allen Bäumen und ist Grund dafür, dass Streuobstwiesen zu den artenreichsten Lebensräumen zählen. Im Geäst der Baumkronen nisten unter anderem Rotkelchen, Stegler und Grünspechte. Zwischen den Grashalmen kreucht und fleucht jegliches Insekt. Auch eine Ringelnatter ist Karin Blume hier schon begegnet.

Foto: Mara Hess

Die Vielfalt der Tierarten, die sich hier findet, spiegelt sich auch in der Sortenvielfalt der Pflanzen wider. Die Rote Sternrenette unter der Karin Blume steht ist nur eine von ungefähr 1000 Apfelsorten, die es um das 19. Jahrhundert in Deutschland gab. Durch die moderne Obstzüchtung wurden viele von ihnen verdrängt. Um dem entgegenzuwirken werden auf den Streuobstwiesen der Stadt ausschließlich alte Sorten gepflanzt. „Die Geschmacksvielfalt, die diese Sorten bieten, ist deutlich größer als im üblichen Handel“, erzählt Blume. Außerdem seien viele der alten Sorten sogar für Apfelallergiker verträglich, da sie bestimmte Stoffe nicht enthalten.

Obstbaumschnittkurse

Genügend Gründe die alten Sorten weiter zu fördern, findet Blume: „Es wäre schön, wenn wir die Artenvielfalt noch erhöhen könnten und dabei unterstützt würden.“ Bevor sie Lichtscheid verlässt schweift ihr Blick noch einmal über Wiese. Für weitere Bäume ist kein Platz mehr, die Patenschaften in ganz Wuppertal sind schon vergeben. Private Streuobstwiesenbestizer unterstützt die Stadt dennoch gerne. Beratend und begleitend stehen Karin Blume und ihre Kollegen Interessierten zur Seite, stellen Informationsmaterial über Sorten und Bezugsquellen zur Verfügung und bieten zweimal jährlich Obstbaumschnittkurse an. „Wir bieten Hilfe jeglicher Art.“ Mit diesen Worten macht Karin Blume sich wieder auf den Weg in ihr Büro der Stadt. Mara Hess

Weitere Infos per Mail: untere-naturschutzbehörde@stadt.wuppertal.de