"Grütze" gewinnt: Borussia gegen Borussia

Full House im Borussia-Park | Fotos: Nadine Beneke

8. Spieltag: Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund

Grüne und gelbe Männer und Frauen übersäen am Samstagnachmittag das niederrheinische Stadtbild. Der Mönchengladbacher Hauptbahnhof fungiert als Treffpunkt für Gladbacher und Dortmunder Borussia-Fans. Während in der S-Bahn noch vorab analysiert („Heute wird’s spannend“), zurückgeblickt („Mit Reus hat das System gut funktioniert“) und zwischendurch inne („Man muss abwarten“) gehalten wird, verkünden Fans beider Lager: „Es gibt nur eine Borussia.“

Die Autorin ist am heutigen Tag das erste Mal in einer fußballerischen Doppelfunktion im Einsatz. Auf der einen Seite wird sie alsbald die Pressetribüne betreten. Andererseits sitzt sie im Auto des grün bekappten Mannes, mit dem sie wöchentlich darum Kicktipp spielt, wer die Spülmaschine ausräumen muss. Es gilt: Die „grüne Borussia“ gewinnt heute. Nicht nur der Spülmaschine wegen!

Schreiben zur Entspannung

Der geheime Gang

Kurz nach halb vier geht es los: Auf der Pressetribüne im Block 22 A tippen, schreiben und beobachten fast ausschließlich männliche Journalisten. Die Autorin lässt sich nieder und saugt die Stimmung auf. Das Notizblöckchen liegt bereit, die Gladbacher Hymne ertönt: „Ja wir schwören Stein und Bein auf die Elf vom Niederrhein.“ Nur nicht die Seriosität verlieren. Mitsingen geht auch innerlich. Das Stadion an der Hennes-Weisweiler-Allee bebt schließlich von ganz allein.  Mit 54 010 Zuschauern ist jeder Platz belegt. Die Nordkurve lässt ein schallendes „BVB-Hurensöhne“ verlauten. Patrick Herrmann und Tony Jantschke hüpfen nachdrücklich auf dem Rasen herum. Die Fohlen sind in Stimmung. Kurz nach Anpfiff wird klar: Der BVB ebenfalls. Die Fangesänge sind nun wieder auf harmlosem Niveau, bald darauf verstummen die Gladbacher. Die Anspannung ist deutlich spürbar. Reus, Lewandowski und Hummels hechten im Sauseschritt Richtung Tor und versuchen den Mann in Türkis aus der Facon zu bringen. Die Vizemeister umkreisen die Gladbacher Abwehr technisch brillant - und scheitern stets an Marc-André ter Stegen. Der Torwart verhält sich zu Borussia Dortmund wie Drei Wetter Taft zum Windstoß in die Fönfrisur. Er hält. Gott sei Dank, ertönt die innere Stimme der Autorin. Äußerlich schreibt sie ganz neutral mit. Je größer die Chance der Dortmunder, desto vehementer die Notizen. Bis eine Kollegin auf den leeren Platz nebenan deutet. Die Freude über weibliche Verstärkung lässt jäh nach, als klar wird: Die Kollegin ist vom anderen Fan-Ufer! Das Geschreibsel gipfelt inzwischen bis ins Ekstatische. Schließlich können auch murrende Geräusche nicht mehr unterdrückt werden. Irgendwie hangelt sich Gladbach durch die erste Halbzeit. Die Erleichterung ist groß, die Frau neben der Autorin erwidert das entgegengebrachte freudig-irre Lachen nicht.

Jens Lehmann

Halbzeit

Beim Gang in den Flur vernimmt die Autorin Wortfetzen von ebenso pseudo-neutralen Schreiberlingen. „Verrücktes Spiel“ heißt es, „Gott sei Dank“ sagen manche, „unfassbar“ finden andere das Gesehene. Im Aufzug fragt eine ältere, elegante Dame, ob jemand wisse, wo der „Jünter-Club“ sei. Für die Kleinen. Niemand weiß Abhilfe. Kurz darauf schaut Jens Lehmann mit einem Mikrofon in der Hand in das überfüllte Beförderungsmittel. Ein holländischer Kollege bemerkt: „Ah, der Lehmann.“ Die Aufzugtür schließt.

 

Im Presseraum im Untergeschoss wird Kaffee gereicht. Kameras stehen für die Konferenz nach dem Spiel bereit. Wieder viele seriös aussehende Kollegen. Die Autorin lächelt sich zu einem Latte Macchiato und verschwindet wieder an den Ort des Geschehens: Block 22 A.

Des einen Freud...

"Roooooel (Brouwers)!"

Tatsächlich sitzt die BVB-Kollegin schon parat. Ihr Gesicht ist versteinert. Die zwei Herren aus der hinteren Reihe lächeln freundlich. Sie waren „Gott sei Dank“-Sager.

Inzwischen hat sich die Sonne aus den grauen Wolken gekämpft. Auf dem Spielfeld geht es heiß her. Lewandowski ist gewillt zu treffen. Ter Stegen hält auch bei Sonnenschein. In der 54. Minute verletzt sich Alvaro Dominguez nach einem Zusammenstoß an der Schulter, so dass dieser mit einer Trage vom Spielfeld getragen werden muss. Auch Sven „Manni“ Bender hat es bereits mit einer Verletzung erwischt. Laute, langgezogene „Roel“-Rufe leiten die Einwechslung des Gladbacher Abwehr-Helden Roel Brouwers ein. Vielleicht ein Wendepunkt? Die zwei journalistischen Fans und die Autorin trauen ihren Augen nicht: Hummels hindert Havard Nordtveit an einer klaren Torchance, sieht rot und Weidenfeller blickt Kruse am Elfmeterpunkt entgegen. Dieser versetzt den Borussia-Park in Ekstase: 1:0. Damit nicht genug, scheitert Reus’ Gegenschlag und wird von Arango und Raffael zu einem überraschenden 2:0  in der 86. Minute verwandelt. „Tor für die Borussia“ schallt beinahe hämisch durchs Stadion. Die BVB-Kollegin hat sich wutentbrannt vom Sitz erhoben, in Richtung Pressekonferenz. Um ein Haar verliert die Autorin das Notizbüchlein, als sie beide Hände in die Luft reißt: „Jaaaaaa!“ Die Männer im Nacken schmunzeln und jubeln ebenfalls.

Paparazza

Xhaka, Du schaffst es!

Nach dem Spiel darf die Schreiberin die so genannte „Mixed Zone“ betreten. Ein weiterer unparteiischer Kollege sieht Lucien Favre auf dem Bildschirm und murrt: „Jetzt lässt sich der Favre auch noch für die Grütze feiern.“ Da erscheinen einige der Gladbacher Spieler. Die Zwei-Meter-Männer stehen zwar in der ersten Reihe, haben aber die Rechnung ohne die Mini-Kamera der Autorin gemacht. Fantum und Journalismus gehen Hand in Hand. Klick! Martin Stranzl, Luuk de Jong und „Rooooel“ kommen ins Visier, Granit Xhaka hat sich etwas abseits positioniert. Der Mittelfeldspieler gibt zu: „Heute hat Dortmund das Spiel gemacht.“ – „Du warst trotzdem toll“, möchte die Autorin einwerfen. Stattdessen kommentiert sie mit aufmunterndem Blick und – Klick! Da kommt auch schon ein Sicherheitsbeauftragter: „Bitte machen Sie hier keine Fotos.“ Das Herz rutscht in die Hose: „Ja, Pardon.“ Nun erscheint der Lieblingsspieler im Gang zu den Umkleiden. Max Kruse gibt sich eloquent: „Es war durchaus im Bereich des Möglichen, dass wir das Spiel drehen.“ Es folgen die üblichen Fragen nach der Heim- und Auswärtsspiel-Bilanz. Die Autorin platziert sich inzwischen in der ersten Reihe des Presseraumes. Die heimliche Foto-Aktion ist noch nicht vorbei.

Selbstüberwindung dank grün bekapptem Mann

Pressekonferenz im Anschluss

Jürgen Klopp, Pressesprecher Markus Aretz und Lucien Favre erscheinen. Die Aufregung kennt keine Grenzen. Überall im Raum verteilen sich professionell wirkende Menschen mit Kamera, Fotoapparat oder Schreibblock. Klopp gratuliert Favre zu diesem „verrückten Spiel“. Hitz-Klopp gibt sich selbstkritisch. Er spricht von einem „Anteil an der Niederlage“, davon dass Dortmund Gladbach durch die suboptimale Chancenverwertung „am Leben gehalten“ habe. Klick! „Es fühlt sich sehr bescheiden an“, gibt er zu. Bescheiden fühlt sich auch der besonnene Favre: „Es war ein Wunder, nach der ersten Halbzeit mit einem 0:0 in die Kabine zu kommen.“ Insgesamt sei er „tief enttäuscht“. Auf eine spitze Einzelkritik-Frage des Boulevard-Kollegen nimmt er seine Mannschaft jedoch sofort in Schutz. „Wir müssen ein besseres Tempo spielen, und das ist eine Kritik an mich.“ Klick! Das Handy der Autorin lässt einen Dreiklang verlauten. Betroffen schaut sie in ihre Handtasche. Der grün bekappte Mann schreibt: „Du bist live auf der Leinwand!!! Frag was!“ Nach kurzer Schnappatmung fragt die Autorin den grün bekappten Mann, was sie denn fragen solle. Das sei doch schon alles aufregend genug. Nach einem weiteren kurzen Dreiklang und bösen Blicken der Professionellen erblickt sie „Frag was der Dominguez hat!“ Gesagt, getan. Inzwischen hat sich die Konferenz dem Ende zugeneigt, Aretz sagt: „Hier gibt es keine weiteren Fragen, oder?“ Die Autorin winkt wortlos und sieht im nächsten Moment ein Mikrofon vor Ihrer Nase hin und her schwingen. Einem kurzen Räusperer folgt: „Herr Favre, wissen Sie schon etwas über den Zustand von Alvaro Dominguez?“ Herr Favre weiß leider nichts, Markus Aretz ist über eine „Fraktur“ informiert. Wie in Trance steht die Autorin auf und bewegt sich in Richtung Ausgang. Die zwei Borussia-Journalisten sagen fröhlich „Tschüss“, draußen wartet der grün bekappte Mann. Was für ein verrücktes Spiel!