Fans und Stimmung gehören zum Fußball wie Bratwurst und Pils

Helmut-Rahn-Tribüne im Stadion Essen | Foto: jawattdenn.de / Michael Gohl

Stadion-Dreiklang: Bier, Bratwurst, Fußball

Totenstille, nur die Schreierei auf dem Platz war zu hören. Mit der Aktion „12:12 – Ohne Stimme, keine Stimmung“ haben Fans vor der Winterpause deutschlandweit ihren Unmut gegen das neue Sicherheitskonzept des Ligaverbandes zum Ausdruck gebracht. Und gleichzeitig ihre Macht demonstriert.

Sie haben gezeigt: Ohne Fan-Action macht der Stadionbesuch keine Laune, die Anfeuerungsrufe nach 12 Minuten und 12 Sekunden Schweigen waren eine orgiastische Befreiung.

Tani Capitain sprach mit dem Geschäftsführer von Rot-Weiss Essen, Dr. Michael Welling, über die Proteste und die Verhältnisse bei RWE. Welling übernahm den Verein in der fünften Liga, führte ihn aus der Insolvenz in solides finanzielles Fahrwasser und spielt mit einer jungen Mannschaft im neuen Stadion Essen eine gute Rolle in der Regionalliga.

Was ist für Sie die Essenz des Massen-Phänomens Fußballkultur?

Nicht nur das, was auf dem Platz passiert. Für viele ist der Stadionbesuch ein Ritual: Rauskommen, Freunde sehen, zusammen Bier trinken und Dönekes erzählen. Das Stadion ist ein besonderer Ort. Diese Identität von Fußball als Fan-Phänomen darf nicht verloren gehen. Wir mögen weder amerikanische noch die aktuellen englischen Verhältnisse. Hier in Essen wollen wir auch im neuen Stadion Oldschool-Fußball bieten: Rotzig, wild und ehrlich – dafür steht RWE.

RWE-Chef Michael Welling

Ohne die Gesänge der Fans boten selbst Bundesliga-Spiele eine Stimmung wie auf dem Ascheplatz um die Ecke. Auch beim Klassiker Essen gegen Oberhausen blieb es erstaunlich ruhig.

Man hörte jedes Kommando auf dem Platz, obwohl fast 11 000 Zuschauer auf den Rängen waren. Die Atmosphäre war sehr skurril, wie bei einem Geisterspiel. Fans und Stimmung gehören zum Fußball wie Bratwurst und Pils.

Nicht alle Zuschauer haben die Aktion unterstützt. In manchen Stadien wurde die Aktion boykottiert, insbesondere nach dem 12.12. kam es zu einer Spaltung der Fans.

12:12 sollte ja auf das Datum der Entscheidung zum neuen Sicherheitskonzept am 12. Dezember 2012 aufmerksam machen. Das war eine gute, friedliche und massive Aktion aller Fan-Gruppierungen. Maßgeblich gestaltet von den Ultras, aber nicht nur. Die Gegenbewegungen gab es vereinsspezifisch. Vor allem muss man die Anlässe und die Beweggründe differenzieren: In Gelsenkirchen haben die Hugos der Aktion – scheinbar bewusst – mit dem Abbrennen von Pyrotechnik einen Bärendienst erwiesen. In Dortmund wurden nach dem 12. Dezember die unterschiedlichen Sichtweisen deutlich, wie es nach der DFL-Entscheidung weiter gehen soll. Wichtig ist: Es gibt nie einfach nur „die Fans“ oder „die Ultras“.

Wie können Sie, wie kann der Verein, Einfluss nehmen auf das Verhalten der eigenen Anhänger?

Gegenfrage: Wer ist denn der Verein? Das sind doch nicht die wenigen Leute in der Geschäftsstelle. Das sind die Mitglieder – und die Zuschauer. Wir haben mittlerweile fast 4 200 Mitglieder und wollen drittstärkste Kraft im Ruhrgebiet werden. Wir pflegen einen intensiven Austausch mit allen Fans, haben eine Fan- und Förder-Abteilung, die mit den verschiedenen Gruppen im steten Kontakt steht und die Bedürfnisse und Fragen der Fankultur wahrnimmt.

Jeder Verein ist ein soziales Gebilde mit sozialer Verantwortung und Bestandteil der Stadtgesellschaft. Wir sind regelmäßig mit den Spielern in Schulen, bei sozialen Trägern oder bei Stadtteilfesten. Gebündelt werden unsere Aktivitäten unter dem Dach unseres eigens dafür gegründeten Vereins „Essener Chancen“.

Sie sind Anfang vierzig und in den 80er Jahren als St.-Pauli-Fan groß geworden. Wie hat sich die Fankultur Ihrer Meinung nach seit dieser Zeit verändert?

Früher ging es grobschlächtiger zu. Es gab eine intensive Hooligan-Bewegung, die auf Gewalt aus war. Heute haben die organisierten Fans zuallererst die Unterstützung ihres Vereins im Fokus. Der Verband, die Vereine und Fan-Initiativen haben hart gearbeitet. Rot-Weiss Essen war berühmt und berüchtigt. Hier gibt es mittlerweile seit 15 Jahren das AWO-Fanprojekt mit tollen Sozialarbeitern, die den Anhängern und dem Verein nahe stehen. So ist die radikale Gruppe kleiner geworden.

Hier in Essen haben die Fans zudem durch den Niedergang mit Insolvenz und 5. Liga begriffen: Wir müssen unterstützen, alles andere bringt nichts. 8 000 Zuschauer gegen den SC Wiedenbrück oder die zweite Mannschaft von Duisburg verleiten mich zu der Aussage: Hier sind alle Besucher Hardcore-Fans!

essener-chancen.de und rot-weiss-essen.de

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