Die Toten Hosen werden Ehrenmitglied bei Fortuna Düsseldorf

Großer Bahnhof

An Tagen wie diesen empfängt uns ein olfaktorisches Ärgernis. Es riecht schwer nach Kanal an der Endhaltestelle der U78 im Düsseldorfer Stadtteil Stockum. Die quadratisch-praktische Esprit Arena glänzt im Sonnenlicht. Jene, die sie mögen, haben ihr den Kosenamen „Schmuckkästchen“ verpasst, andere wünschen sich bis heute den Vorgänger Rheinstadion zurück. Seit 2005 trägt Neu-Bundesligist Fortuna Düsseldorf hier seine Heimspiele aus. Wo an diesem Morgen gähnende Leere herrscht, drängen sich dann Zehntausende Menschen. Die Euphorie ist groß in der Stadt. 15 Jahre glänzte der Verein durch Abwesenheit in der Eliteklasse. Entsprechend dürstet es die Leute nach Gegnern wie Borussia Dortmund, Schalke 04 oder Bayern München. Samstagnachmittag ist das Spiel des Jahres, dann kommt das Team von der Isar mit Superstars der Kategorie Franck Ribéry, Bastian Schweinsteiger und – trotz seiner Patzer gegen die Schweden - Manuel Neuer. Heute aber stehen drei andere Männer im Fokus der zahllosen Objektive. Sie nennen sich Breiti, Andi und Campino und sind Dreifünftel der Toten Hosen.

In Loge 38 des 3-Sterne Hotels Tulip Inn, das direkt in die Arena integriert ist, ist alles vorbereitet. Eine große Anzahl von Häppchen lässt darauf schließen, dass man hier und heute viele Journalisten erwartet. Schließlich soll nicht mehr und nicht weniger verkündet werden, als die Ehrenmitgliedschaft der Toten Hosen bei Fortuna Düsseldorf. Fortuna und Hosen - das sind gleich zwei Themen, die in der NRW-Kapitale gut funktionieren.

Eine halbe Stunde vor Beginn des Termins sind schon viele Männer mit überdimensionalen Objektiven da, um sich Plätze in der ersten Reihe zu sichern. Durch die große Fensterfront der Loge schaut man direkt ins Stadion. Hier wurde am vergangenen Wochenende kein Fußball gespielt, sondern gefeiert – im Rahmen der „Sensation White“. Eigens für die monochrome Sause wurde der Rasen entfernt. Auch jetzt ist ein Großteil des Spielfelds noch ackerbraun. Am rechten Rand werden die ersten Rasenstücke zusammen gepuzzelt. Noch zwei Tage.

„So, geht los“; ruft jemand hektisch. Nicht weniger als sieben Männer nehmen auf dem Podium Platz, jeder bei seinem Namensschildchen. Die Bandmitglieder müssen wie gewohnt ohne Nachnamen auskommen, die Herren Frymuth, Noack, Koster und Hülder haben mehr Glück. Ein Blitzlichtgewitter geht auf die Gruppe nieder, sie verschwinden hinter einer Wand aus Fotografen. „Können wir anfangen?“, fragt nach einigen Minuten Tom Koster, seit Jahr und Tag Pressesprecher von Fortuna Düsseldorf, streng wie eine alternde Oberlehrerin. Wir können. Peter Frymuth ergreift das Wort. Der Vorstandsvorsitzende erinnert an Zeiten, die heute Lichtjahre entfernt scheinen. Anfang der Nuller Jahre fristete der Club ein tristes Dasein in der vierten Liga. Zu den Heimspielen am Flinger Broich kamen nur die wirklich Hartgesottenen. Von der Tribüne aus schaute man auf die benachbarte Müllverbrennung. Ein Rahmen, in dem sich verständlicherweise nur wenige Sponsoren präsentieren wollten. Trotz des ausgeprägten Engagements des damaligen Düsseldorfer Oberbürgermeisters Joachim Erwin gelang es 2001 nicht, einen Trikotsponsor ins Boot zu holen. Die Toten Hosen sprangen kurzerhand ein. Ihr Logo zierte bis 2003 die Brust der Fortuna-Spieler. „Ihnen ist es zu verdanken, dass wir im Trikotverkauf als Oberligist Bundesliga-Werte erzielen konnten“, sagt Frymuth. Nicht die einzige gute Tat der fünf Mannen aus der „Modestadt Düsseldorf“. Schon Ende der achtziger Jahre ermöglichte eine milde Gabe der Hosen die Verpflichtung von Anthony Baffoe. Das verbindet. Bis heute sind Band und Ex-Kicker befreundet. 

Auch für das Zweitliga-Team hatten die Musiker am Abend vor dem skandalträchtigen Relegationsspiel gegen Hertha BSC eine feine Überraschung. Die Mannschaft hatte sich gerade im Raum „Fortuna“ versammelt, als die Band auf der Bildfläche erschien, um das unvermeidliche „An Tagen wie diesen“ sowie „You’ll Never Walk Alone“ darzubringen. Ganz ohne Öffentlichkeit, allein als Geste für die Spieler, wie Peter Frymuth betont: „Das war tief, tief beeindruckend.“

Später erinnert sich Campino an den Abend danach, nach dem unvergesslichen Spiel gegen die Hertha. Überglücklich habe man sich in den Armen gelegen, erklärt der Sänger: „Wir wussten, dass der Kampf am Vorabend losgegangen war.“ Ohnehin ist Campino ein Großmeister des Pathos. Aber selbst rationale Geister haben längst ein strahlendes Lächeln im Gesicht und ein Tränchen im Augenwinkel. Beizeiten brandet spontaner Applaus auf. Die Stimmung irgendwo zwischen Hochzeit und Blutsbrüderschaft. Wir sind Fortuna Düsseldorf. Wir können alles.

Dann ist es ausgerechnet der Zurückhaltendste unter den Rockstars, der die richtigen Worte findet. „Wir nehmen die Ehrenmitgliedschaft stellvertretend für die vielen Leute, die über die Jahre hinter dem Verein gestanden haben“, sagt Breiti, der zuvor gewirkt hatte, als hätte er sich zufällig in Loge 38 verlaufen. „Für die, die auf der Geschäftsstelle gearbeitet haben, für wenig Geld. Für Leute wie meinen Bruder, der Montagabends zum Auswärtsspiel nach Burghausen gefahren ist.“

Der Unterschied zwischen dem eher spröden, bodenständigen Gitarristen und der Rampensau Campino, bandintern nur „der Sänger“ genannt, könnte größer nicht sein. Das macht sich auch bei den Antworten auf die Frage nach der Prognose für das Samstagsspiel bemerkbar. „Alles andere als ein Sieg der Bayern wäre ein Wunder“, konstatiert Breiti. „1:0 für uns“, sagt Campino. Man muss kurz an sein eigenes Auswärtsspiel in München denken, das erst wenige Tage zurückliegt und von dem diverse Ausschnitte auf YouTube kursieren. In einem Wiesn-Festzelt intonierte der Sänger gemeinsam mit einer drallen Dirndl-Frau nebst Kapelle den Song, der längst zur Aufstiegshymne deklariert wurde. 

„Wir sind ein bisschen unter Zeitdruck“, mahnt an dieser Stelle Tom Koster, „bitte die letzten Fragen.“ Die gelten natürlich Uli Hoeneß. Ob man sich denn nach dem Ärger rund um den Anti-Bayern-Song noch mal persönlich getroffen habe, will jemand wissen. Dem ist tatsächlich so, weiß Andi zu berichten. Auf einer Toilette auf dem Kölner Flughafen sei das gewesen. Damals war Hoeneß offenbar in der Domstadt, um den Transfer von Lukas Podolski vorzubereiten. „Hoeneß wird uns lächelnd begegnen“, fügt Campino an, das Ganze sei schließlich längst verjährt.

Dann ist Schluss, zumindest offiziell. Die Herren auf dem Podium verschwinden wieder hinter der Fotografenwand. Vor dem Fenster ist der Rasenstreifen schon merklich breiter geworden. Und auch der Kanalgeruch auf dem Bahnsteig ist verschwunden. Noch zwei Tage.

Die offizielle Verleihung der Ehrenmitgliedschaft erfolgt vor dem Spiel Fortuna Düsseldorf – Bayern München am 20.10. um 15:15 Uhr.