Kampf ums Ei: Besuch bei den Assindia Cardinals

Körperkontakt gehört beim Football zum Spiel. | Foto: Sascha Schneider

Die Assindia Cardinals laufen in der zweiten Football-Bundesliga auf. Ein eigenes Trainingsgelände haben sie nicht.

Der Superbowl ist in den USA ein Massenspektakel. Das Duell um die nationale Footballmeisterschaft erzielt höchste Einschaltquoten, Rekord-Werbeeinnahmen und verspricht Spitzengewinne. Es ist das Sportereignis des Jahres. Den German Bowl kennen dagegen nur echte Fans, Football fristet hierzulande eher ein Schattendasein. „Um Trainingszeiten müssen wir immer kämpfen“, sagt Yves Thissen, Chefcoach der Assindia Cardinals aus Essen. Das Traditionsteam, das zu den ältesten in Deutschland zählt, behauptet sich in der zweiten Bundesliga. Bei den wöchentlichen Einheiten zu Taktik und Technik müssen die Spieler improvisieren.

„Wir sollen einen Kunstrasen-Platz mit unseren Markierungen bekommen, doch noch ist nicht klar wann und wo“, berichtet Yves Thissen. Vorerst macht er seine Jungs weiter auf einem Fußballfeld fit. Angriff und Abwehr liefern sich dort packende Auseinandersetzung. Immer wieder prallen Körper und Helme aufeinander. „Bei diesem Sport darf man nicht zimperlich sein“, sagt Yannick Baumgärtner. Der 26 Jahre alte Nationalspieler verfolgt das Geschehen von der Außenlinie aus. Er hat sich bei den World Games verletzt. „Das war trotzdem ein einmaliges Erlebnis“, betont der Essener. Gemeinsam mit dem deutschen Team besiegte er in Breslau die Amerikaner und kehrte mit der Silbermedaille zurück.

Yves Thissen | Foto: Sascha Schneider

Vier Nationalspieler

„Das ist schon ziemlich sensationell“, lobt auch Yves Thissen anerkennend. Er ist sichtlich stolz auf seine vier Nationalspieler. Für Yannick Baumgärtner setzt dieser Erfolg Energie frei, um noch mehr zu erreichen. Im nächsten Jahr möchte der Wide Receiver unbedingt bei den Europameisterschaften vor heimischem Publikum dabei sein. Dafür trainiert er täglich, bezeichnet sich selbst als Arbeitstier. „Ich will mich jeden Tag verbessern.“ Das Training bei den Cardinals liefert ihm dazu die entsprechenden Anreize. „Hier sind viele Jungs, die das Spiel genauso lieben wie ich.“ Diese Leidenschaft fordert Coach Yves Thissen immer wieder ein. „Die Spieler müssen vor allem Herz haben“, betont der 41-Jährige. Wer vor Körperkontakt nicht zurückschrecke, bringe eine gute Voraussetzung mit.

„Man muss ein bisschen bekloppt sein, um mit 25 Meter Anlauf in den anderen hineinzurennen. Doch das Kräftemessen mit dem Gegner und die Konfrontation mit den eigenen Grenzen macht für mich die Faszination beim Football aus.“ Genau das hat der Bochumer gesucht, als er selbst vor 26 Jahren Ball gegen Ellipse eintauschte. „Im Fernsehen hatte ich das Spiel der Dallas Cowboy gegen die Houston Oilers verfolgt. Als zwei Tage später ein großer Kerl Zettel an das Jugendheim in Weitmar klebte, mit denen er Spieler suchte, war ich sofort dabei“, erinnert sich Yves Thissen. Gemeinsam mit seinen Assistenten versucht er nun ein Team zu formen, das nicht als Truppe von Einzelkämpfern, sondern im Kollektiv funktioniert. „Es geht darum, dass alle in eine Richtung laufen und dabei Respekt vor dem Mitspieler und dem Gegner haben.“

"Kombination aus Physis und Psyche"

Das begeistert Lasse Meyer besonders an seinem Sport. „Es ist die perfekte Kombination aus Physis und Psyche“, sagt der 20-Jährige. Er stammt aus Schleswig-Holstein und studiert an der Ruhr-Uni Geschichte und Philosophie. Sein ehemaliger Coach hat ihn zu den Cardinals vermittelt. „Hier habe ich viele sehr talentierte Kollegen und einen wirklich guten Trainer.“ Yves Thissen vertraut auf gute deutsche Spieler, vorwiegend aus der Region. „In der vergangenen Saison waren wir die einzige Mannschaft in der Liga, die ohne US-Jungs gestartet ist.“ Anfragen bekommt er genug. Mindestens zehn Spieler aus den Staaten melden sich jede Woche bei ihm und wollen in Essen spielen. „Sie verdienen bei uns nicht das große Geld. Wir kümmern uns um Unterkunft und Verpflegung, manchmal auch ein Auto.“ Dennoch sei die deutsche Liga mit 38 000 Mitgliedern aufgrund ihrer Größe für die Amerikaner interessant.

Dünn besetzte Positionen

„Deutschland ist der beste Ort in Europa, um Football zu spielen – das habe ich gehört und deshalb bin ich hier“, sagt Tanner Melson. Der 25-Jährige aus Kalifornien verstärkt die Essener zusammen mit einem Landsmann und einem Neuseeländer auf den dünn besetzten Positionen. „Sie sind bei uns keine Stars, sondern müssen sich einfügen“, betont Yves Thissen. Er fordert von ihnen den gleichen Einsatz. Für Tanner Melson ist das selbstverständlich, Football ist sein Leben. „Mit acht Monaten war ich bei meinem ersten Spiel. Seit ich meinen Vater habe spielen sehen, wollte ich so sein wie er.“ Für ihn ist es nur schwer zu verstehen, dass seine deutschen Kollegen erst nach der Arbeit zum Training kommen. „Bei uns ist Football ein Job, hier ist es Freizeit. In den USA würde jeder sofort seinen Beruf aufgeben, um Teil des Spiels zu sein.“ Er weiß nicht genau, was er von Deutschland erwartet hat, doch er fühlt sich wohl bei den Cardinals. „Im Team sind einige gute Jungs, das Essen ist überraschend gut und ich bin ein Fans des Bieres“, sagt er mit breitem Grinsen. Auch wenn die Bundesliga vom Glanz eines Super Bowl Lichtjahre entfernt scheint, verfolgen die Cardinals ein Ziel: Sie wollen die Klasse halten und im nächsten Jahr wieder angreifen. „Irgendwann mal den German Bowl zu gewinnen, das wäre ein Traum“, sagt Lasse Meyer nach einem langen Trainingsabend, wirft sich die Sporttasche über die Schulter und verlässt den Platz. Dominique Schroller


Die Assindia Cardinals gründeten sich 1983. Derzeit hat der Verein 540 Mitglieder. Die erste Mannschaft tritt im Elfer-Tackle-Football in der zweiten Bundesliga an. In den unteren Ligen sammelt der Nachwuchs von der U10 bis zur U19 im Neuner-Football Erfahrungen.