Clubkultur Bochum: Macht was ihr wollt

Party in der Rotunde

Nostalgie war schon immer ein wichtiger Faktor im Clubleben, musikalisch und als Antrieb der Legendenbildung. In Bochum ist man es langsam leid, an die glorreichen alten Tage zu denken und möchte sich wieder dem Neuem zuwenden, doch das fordert den Aktivisten und Partygängern viel Motivation und Energie ab. Kein Grund zur Trübsal, denn es ist hier viel besser als mancher glaubt dank ein paar spannender Clubs, Bars und Musik-Malocher.

Vorbei sind die Zeiten, als maßgebliche Impulse der Clubmusik-Entwicklung im Pott aus dem Logo kamen, Clubmacher von Vivienne Westwood in maßgeschneiderten Zwirn eingehüllt wurden und sich internationale Stars der Clubszene im Planet den Tonarm wöchentlich in die Hand gaben. Dabei hat die Universitätsstadt mit den cooleren Studiengängen als die benachbarte schwarz-gelbe City noch immer ein großes Potential an jungen Ausgehwilligen und mit dem Institut für populäre Musik um Hans Nieswandt und Kollegen Diedrich Diederichsen, Ange Engelke und Christoph Jacke die Finger am Diskurs-Diskotizer. Zeit, durch die Gassen zu ziehen.

Die moderne Variante von Deep House bestimmt den Klang der Nacht. Während sich die eine Seite der Clubber darüber freut, dass elektronische Clubmusik wieder im Mainstream angekommen ist und junge Bochumer Künstler, wie Megatief, Kiiroy und Klangbausteine, eine Karriere starten, ist die andere Seite eher skeptisch und sucht sich alternative Veranstaltungsorte. Vor allem für Freunde von speziellen Musikstilen, wie Afrofunk, Disco, Brazil, Drum & Bass und dystopischem Techno und Artverwandtem, ist Bochum dabei eine gute Adresse.

Abseits der ausgetretenen Pfade

Guy Dermosessian Foto: Tobias Koth

So organisiert das Kalakuta Soul System Parties in Locations abseits ausgetretener Pfade; in Kellern, Kegelbahnen, Kratern des Urbanen. Dort gibt es in unregelmäßigen Abständen die Reihe Funkloch mit Residents und internationalen Stars der aufgeschlossenen Vinyl-DJ-Kultur zu erleben. Sadar Bahar, Al Kent, John Morales, Rahaan, Gerd Janson und Mike Huckaby waren schon da und spielten alles zwischen Disco, Afrobeat, gutem House und Soul. Ralf Odermann (ehemals Planet und Logo) weist der Funkloch-Reihe eine Ausnahmestellung in Bochum zu: „Das ist das einzige Projekt, das mit echter Kenne namhafte DJs bucht“. Guy Dermosessian ist antreibender Teil der leidenschaftlichen Partyreihe und hat mit Kalakuta Soul an wechselnden Orten auch das gleichnamige DJ-Kollektiv mit dabei, lädt im Sommer zum Soul Picnic auf die Schmechtingswiese und ist nebenbei in der Schnittstelle zur Kunst mit dem Rundlauf Bochum und dem Detroit-Projekt unterwegs. Aus Mangel an Locations hat sich das Kollektiv mit dem Verein um die Bar Goldkante kurzgeschlossen und veranstaltet dort ab und zu DJ-Abende, bei denen die gemütliche Location zum Mini-Club wird.

Alternativen

Nur zwei Minuten entfernt befindet sich die Rotunde, die aktuell allerdings leider geschlossen ist. Ob es nochmal mit frischer Genehmigung weiter geht, ist bis jetzt noch nicht bekannt. Wünschenswert wäre es, denn hier befand sich die führende Bochumer Location für alternative Clubmusik. Der alte Katholikentagsbahnhof bietet Platz für Clubnächte, Konzerte und Ausstellungen. Mit „bassfalter“ ist dort eine der führenden Drum-&-Bass-Reihen im Ruhrgebiet zu Gast, „Exit Strategy“ taucht die Wartehallen regelmäßig in tiefen Underground-Techno, während „Goldene Zeiten“ Hip-Hop abseits der Hauptstrecke präsentiert und „Donner & Doria“ Techno, House und Bassmusik auf drei Floors abfahrtbereit macht.

In der Rotunde

Freunde des untergrundigen Techno kommen zudem im Projekt X (ehemals Stargate) in der Citypassage auf ihre Kosten, wenn dort die Clubabende „Static“ und „Vertigo“ die geraden Beats aus Berlin, Detroit und Chicago importieren. „Static hat mich sehr positiv überrascht. Plötzlich ist da ein Techno-Club, bei dem sehr junge DJs ausschließlich Vinyl auflegen, mit einer Funktion-One-Anlage und einer ganz ordentlichen Menge Stammpublikum“, betont Ralf Odermann. Vereinzelt gibt es auch Techno-Abende in der Trompete, die im Keller des Apartment 45 ansonsten eine gute Anlaufstelle für Indie und Alternative Rock ist, und der besten Studentenkneipe in Uni-Nähe, dem Hardys. Kollektive, wie die Spontan Open Air, Techno ist Liebe ist Ekstase ist Freiheit, Extrawirsch und Subkultur Bochum setzen konsequent das Motto ihrer Namensgebung an alternativen Partyorten um. Teilweise hat es den Anschein, als wären in Bochum zur Zeit die meisten der angesagten halblegalen Parties anzutreffen. „Aber Off-Parties in originellen Locations haben es schwer, weil das Ordnungsamt aufmerksam darüber wacht, dass Parties ausschließlich im Steuern zahlenden Bermuda-Sperrgürtel stattfinden“, weiß Tobias Koth (Goldkante). Sein DJ-Kollege Chesney ergänzt: „Eine vernünftige und unterstützende Zusammenarbeit mit der Stadt wäre dabei von Vorteil.“

Mittendrin

Wer es weniger untergroundig mag, der kommt im klassischen Sachs bei gut gestylten Menschen, hohem Flirtfaktor und Cocktails in House- und R&B-Begleitung auf seine Kosten. Der Encore Club zielt auf ein ähnliches Klientel und lockt mit Getränke-Angeboten und Flatrates an den Südring. Das Apartment 45 punktet mit seiner Penthouse-Lage und bietet einen Mix auf Charts, House und R&B. An der Kortumstraße freut sich im Untergrund ein Studentenpublikum über Eurodance und Trashparties oder treibende Gitarrenmusik, während das Riff weiterhin auf ein breites Musikspektrum und ein gemischtes, junges Party-Publikum setzt. Wem es in der Innenstadt noch zu studentisch ist, der findet vielleicht in der Großraumdisko Prater an der Dorstener Straße oder bei den Sudhaus-Parties im Tauffenbach sein Glück.

In der Havanna Bar

Abseits von elektronischer Tanzmusik oder Anbietern gemischter Musik tanzt man in der Zeche traditionell auf Rockmusik, während es etwas außerhalb in der Matrix mit Metal und Gothic – oder seit neuestem auch mit Dubstep, Hip-Hop, Drum & Bass und Bassmusik – hart zur Sache geht. Der Bahnhof Langendreer ist seit Jahrzehnten für seine Global-Sounds-Reihen (Globalibre) sowie seine Schwulen- und Lesbenparties beliebt und ist bei Live-Bookings eine sichere Bank. Noch eine Spur alternativer in den Bereich Worldmusic hinein wagt man sich in der Kunstwerkstatt am Hellweg. Ein Geheimtipp ist die Havanna Bar, wenn jeden ersten und dritten Freitag im Monat die Tische für einen Salsa- und Merengue-Floor zur Seite geräumt werden.

Im Umkreis ist der kleine Club Räuber & Rebellen direkt am Hbf Recklinghausen mit seiner unmittelbaren Nähe des DJs zu den Tänzern eine Entdeckung wert. Im anthroposophischen Witten empfiehlt sich seit Jahren die Werk*Stadt mit einer wilden Programmmischung aus 80ern, Ambient, Drone, Dubstep und Ü30. In Herne trifft man in den Flottmann Hallen und der Künstlerzeche nicht nur auf Kleinkunst, sondern ab und zu auch auf interessante Party- und Festivalformate.

Fehlende Risikobereitschaft

Es stellt sich die Frage, was die heutige Bochumer Clubkultur ausmacht. Häufig hört man, gerade von erfahrenen Szene-Beobachtern, dass der Mut der Ökonomie unterliegen würde, was wohl nicht nur auf Bochum zutreffen könnte. „Es gibt kaum Interesse beim Publikum der speziellen Dramaturgie eines Abends und eines DJs folgen zu wollen. Stattdessen regiert ein Sparkurs. ,Wie 6 Euro und nur zwei DJs?‘ – das ist ein oft gehörter Satz an der Kasse, vorzugsweise geäußert von Leuten in 140-Euro-Sneakern. So muss der Job bei Residents hängen bleiben, die umsonst oder für Getränke spielen. Einflüsse von DJs außerhalb Bochums bleiben draußen“, geht Tobias Koth der Booking-Politik auf den Grund. Auch für Ralf Odermann sieht die derzeitige Clubkultur Bochums geprägt durch fehlende Einsatzbereitschaft: „Die Clubs machen sich kaum noch die Mühe, sich selbst um Bookings zu kümmern. Stattdessen arbeiten sie in der Regel komplett mit Fremdveranstaltern, die sich dazu noch um die Werbung kümmern müssen. Kaum ein Bochumer scheint noch ,seinen‘ Club zu haben, in den er jedes Wochenende geht.“ Tobias Koth ergänzt: „Natürlich ist nicht alles schwarz. An manchen Abenden in der Goldkante merke ich, wie die Leute spontan auf neue Musik reagieren. Und es gibt ab und an kleine Parties mit klasse Musik versteckt in irgendeinem Keller. Von Seiten des Publikums könnte man was aufbauen, allerdings will von Seiten der Veranstalter aus ökonomischen Gründen kaum jemand was riskieren.“ Unlängst hingen auf einer Disco-Party an Bochumer Bunkerwänden Zettel mit der Aufschrift „Macht was ihr wollt, auch gut“. Das zu machen, was man will, dass tut jeder Clubkultur gut. Und Bochum ist dabei weiterhin auf einem spannenden Weg.

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