Clubkultur Dortmund: Im Schatten der Discokugel

Im Mad Club | Foto: Dust in the wind

Noch immer hat die Dortmunder Clubkultur mit dem Gefühl eigener Unzulänglichkeit zu kämpfen, dabei gibt es in und außerhalb der Clubs seit 2012 besonders viele spannende Kollaborationen, Loactions und Projekte häufig unbemerkt von der Mainstream-Partykultur.

GEMA-Tarifreform, das Ende des Thier-Partygeländes und unrealistische Party-Deals von Clubetreibern förderten in den vergangenen Jahren statt Clubsterben und Rückzug ins Private viel mehr die Eigeninitiative der Dortmunder Partymacher. Besonders in der House- und Technoszene sowie in den Nischen der als Problemstadtteil gehandelten Nordstadt entstehen fortwährend neue Floors, Bars und Partyreihen.

Am Hafen

Langjährige Szenegastronomien, wie die oft mit dem Hamburger Golden Pudel Club auf St. Pauli verglichene Hafenschänke subrosa oder das sissikingkong, gemacht vom Sisterkingkongs Sänger Dirk Geisler, locken mit Lesungen, Konzerten von Songwritern und Gitarrenbands sowie mit wilden Soul- und Trash-Partyabenden regelmäßig Studenten, Künstler und Barflys in die Mikrokosmen nördlich des Hauptbahnhofs. Das Schiff Herr Walter vom ehemaligen Live-Station-Macher Oliver Buschmann komplettiert mit dem schönsten Sandstrand der Stadt, Clubabenden im Schiffsrumpf mit Sounds von Drum & Bass bis Swing und Dub-Reggae die bewährte Ausgeh-Troika in der Hafengegend. In der Nachbarschaft konnten sich neue Locations etablieren, wie in einer ehemaligen Eckkneipe nebst Partykeller der fast immer notorisch überfüllte Rekorder. Die junge tOnbande-Crew organisiert hier ein abwechslungsreiches Programm zwischen Vinylstammtisch, Sessionreihe des Kalakuta-Kollektivs, Afrofunk, Hip-Hop, Drum & Bass, Trip-Hop und Indie.

Im Norden

Foto: Dust in the Wind

Nur drei Häuser weiter die Gneisenaustraße entlang können Liebhaber von Underground-Gitarrenmusik der Sechziger Jahre nicht nur entsprechende Instrumente, sondern bei Clubabenden auch intime Konzerte in der urigen Lokalität Rockaway Beat erleben. Das Münsterstraßen-Viertel ist für die Partygeher hingegen noch Neuland. Der Nordpol hat hier in einer ehemaligen Bierstube, neben dem Roxy Programmkino und der Jazzkneipe Bass, Heimat für sein politisches und musikalisches Programm bezogen. Diskurs- und feierwütiges Publikum tummelt sich seitdem zu Hip-Hop, Punk, Techno, Illbient, Feminismus, Funk und Filmen im und vor dem Nordpol. An manchen Abenden wirkt dieser Teil der Münsterstraße voller als der Innenstadtbereich. Zwei Fußminuten weiter liegt auf dem ruhelosen Nordmarkt der Salon Fink, der an Wochenenden auch zum Disco-Quader werden kann, wenn Konzerte bei freiem Eintritt, Wunsch-Disco oder das StuntCat-DJ-Duo angesagt sind. Der neu gegründete Verein Maschinerie aus dem Umfeld der Party-Crew „All The Time“ sorgt derzeit mit dem Aufbau eines Zentrums für Underground-Clubkultur und Kunst für das spannendste Projekt in der Nordstadt. Der Standort der ehemaligen Nähmaschinenmanufaktur in der Zimmerstraße musste zwar leider aus verschiedenen Gründen aufgeben und die dort bereits geplanten Clubabende und Ausstellungen erst einmal verschoben werden. Offizielle Gespräche mit der Stadt Dortmund laufen aber, und die Maschinerie plant schon ihren Umzug in die Hafengegend oder in die Nähe der Nordstadt-Verrichtungsboxen.

Innenstadt und Außenbezirke

Wer weniger alternatives Clubleben und mehr Anbindung an musikalisch Bekanntes braucht, der ist mit den Clubbing-Angeboten in der Innenstadt zwischen View und Moog im Dortmunder U und der Achse Nightrooms, Village und dem neuen iRoom gut bedient. Das Cosmotopia in der Großmarktschänke, der Keller, das unverwüstliche Spirit und die wiedereröffnete Suite 023 sind bei Studenten beliebt und featuren Sounds aus Soul, Funk, Reggae, Dancehall, Hip-Hop, Trash, House, Gitarren und Indie und überraschen dabei manchmal auch mit internationalen Bookings. Der weltweit ausgezeichnete Jazz-Club domicil in der Hansastraße bietet neben renommierten Konzerten auch Tanzabende für Salsa- und Worldmusic-Fans, die aus dem ganzen Ruhrgebiet anreisen. Die Reihe „Spin“ kümmert sich hier um das deepe und anspruchsvolle Spektrum des House. Ein Sound, dem sich unweit auch die kultige Location Oma Doris verschrieben hat, mit Geheimtipps aus der weltweiten DJ-Szene an den Plattentellern aufwarten kann und immer ein paar Moves zwischen den Plüsch-Tanzlokal-Tischen wert ist. An den Rand des Innenstadtgürtels rufen das Strobels am Stadion, sowie in den Westfalenpark das Daddy Blatzheim (mit House, imposanter Licht-Deko und gemischter Partymusik) und das gerade eröffnete Durchblick. Im Hoeschpark in Borsigplatznähe tummeln sich Raver zu Techno und House durch die Katakomben der DO-BO Villa (ehemals Mad Club), während in den Vororten Blues und Rock ihr Zuhause im Blue Notez oder Piano gefunden haben und sich junge Talente und Szenebands aus Ska, Indie und Folk gerne im Schauspielhaus bei der Reihe „Small Beast“oder auf der neuen DeusenStage in Nähe des Kanals ausprobieren.

Grauzonen

Foto: Dust in the Wind

Auch wenn Dortmund die größte Clubdichte des Ruhrgebiets hat, so spielen sich viele interessante Nächte unter freiem Himmel oder in Off-Locations ab. Besonders die House- und Technoszene sowie neuerdings auch einige der Reggae-Soundsystems schleppen am Wochenende ihr Equipment an Orte, die meist kurz zuvor via Mundpropaganda oder Social Media Interessierten bekannt gegeben worden sind. Das Selbermachen von Partys und Kunstaktionen oder gleich ganzen Clubs ist auch eine Reaktion auf die Dortmunder Sperrstunde, hohe Sicherheitsauflagen, Sondergenehmigungen und das Nichtraucherschutzgesetz. Party- und Kulturkollektive, wie „All The Time“, „We Love Electronic Music“ und „Kommune 44“, ziehen mittlerweile bis zu 800 Tänzer pro Veranstaltung in die Grauzonen, so dass sich einige der Crews eine feste und amtliche Location suchen müssen. Die Parties der inoffiziellen Kulturmalocher der Nacht gehen zwar weiter, und ein Ende des Dortmunder Summer of Love 2012 scheint nicht in Sicht, doch der Aufbruchgeist verlagert sich. In Räume, wie die der Maschinerie oder in temporäre Clubs. André Rother von „All The Time“ und Maschinerie ist überzeugt: „Die Menschen hier wollen neue Raumkonzepte, mehr Ungezwungenheit, ungewöhnliche Locations und die Vision eines anderen Lebens. Das ist die Zukunft“. Als ein „Nischenprodukt“ sieht Kommune-44-Macher Aleksandar Dimitrijevic die Clubszene in Dortmund, schlägt kritische Töne und spricht von einem „Kampf am Existenzrand“, ergänzt jedoch: „Phasenweise schaffen wir es aber trotzdem, einen Aha-Effekt auszulösen, und wir haben eine starke Community, die uns sehr gut supportet“.

Etabliert, alternativ und DIY

Foto: Lukas Vering

Gerade die alternative Partylandschaft kann dabei auf eine funktionierende Infrastruktur zurückgreifen. Zwischen Veranstaltern und den zahlreichen neuen Ateliers der Nordstadt, dem Kreativviertel Rheinische Straße, Vereinen wie Urbanisten, Raumräuber oder tOnbande, dem Plattenladen und Veranstaltungsort Black Plastic, den Keimzellen von heimischen Trip-Hop, Dubstep und Drum & Bass, diversen Nordstadt-Piraten-TV-Sendungen, dem Szenesprechrohr eldoradio und teilweise auch der etablierten Kultur, wie mit dem Schauspielhaus Dortmund, gibt es viele Kooperationen.

Engagement, Kooperation und Do-it-yourself-Mentalität sieht Oma-Doris-Betreiber Ben Beroldson als eine der Stärken der Dotmunder Clubkultur: „Gegenüber dem Ausgehangebot bin ich positiv gestimmt. Wir werden auf jeden Fall die Fahne musikalischer Subkultur mit Arbeit, Geduld und Teamwork hochhalten“. Die Szeneprotagonisten haben frische Ideen und etablierte Partykultur existiert neben alternativen Ausgehmöglichkeiten. Es bleibt spannend. Manchmal unbemerkt und ohne Spot, aber die Diskokugel Dortmund dreht sich weiter.

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