Christian Steiffen in Essen: Ein unwahrscheinlich philosophischer Konzertbericht

| Foto: Lukas Vering

Christian Steiffen, der „Arbeiter der Liebe“ unter den deutschen Chansonsängern, beehrte am 21.3. die Essener Weststadthalle mit einem famosen Auftritt. Wir waren vor Ort – und hatten Fragen. Viele Fragen.

Die erste große Frage schon vor dem Konzert: Wer besucht so einen Abend voll leicht pornösem Liedgut mit Christian Steiffen auf der Bühne? Darf man mehr so die alles ironisch anschmunzelnde Deichkind-Front erwarten, die Mallorca-Partysäufer oder den Helene-Fischer-Kegelclub? Beim Blick durch die pickepackevolle Weststadthalle ergibt sich ein seltsamer Querschnitt: Vielleicht ein bisschen von allem, vielleicht auch gar nichts davon. Was ist es, was diesem Publikum an den schlageresken Dorfdiscotunes des Steiffen gefällt? Mancher scheint den Abend als Saufvorlage zu nutzen, andere liegen sich verträumt schunkelnd in den Armen, die meisten lächeln zufrieden.

Und Christian Steiffen? Auch ein Enigma. Die Bühne beherrscht er, als hätte man ihn vor mehr als 40 Jahren direkt darauf geboren. Singen kann er, das zeigt er hier und da zwischen Blödelsongs wie „Sexualverkehr“ oder „Eine Flasche Bier“. Den unterleibbetonten Tanz zu „Champagner und Kaviar“ vollführt er eher etwas behäbig, wie ein dressierter Zirkuslöwe. Die Atmosphäre hat etwas von einem müden Entertainer  auf dem Kreuzfahrtschiff oder Karaokeabend in der Jugendherberge, nein, schlimmer, Karaokeabend im Sitzungssaal irgendeiner Messehalle irgendwo in Braunschweig. Am Ende des Konzerts fliegt ein einzelner weißer Schlüpfer auf die Bühne und macht die Kulisse perfekt. So stellt sich eine weitere Frage, die eigentlich über diesem gesamten Abend hängt: Ist das ein Scherz? Oder bierernst? Vielleicht beides.

Hardy Schwetter, so Steiffens bürgerlicher Name, ist Vollblutmusiker, die Leidenschaft für die Bühne sieht man ihm an. Aber auch die für seine Schlagerpersona? In manchen Momenten hat seine Performance fast etwas Trauriges. Doch diese Augenblicke sind flüchtig und für den Großteil des Publikums nicht ersichtlich. Das feiert den Mann auf der Bühne nämlich ohne Zweifel. „Zugabe“ grölt es aus allen Ecken der Halle schon nach dem ersten Song. Die Fans ziehen das durch, bis es am Ende des Auftrittes dann tatsächliche Zugaben gibt. Und der Steiffen scheint das zu fühlen, er spielt mit den Zuhörern, erzählt, lacht, macht und tut. Alles scheint gut, alles scheint easy, während der Mann da auf der Bühne singt. Vielleicht ist es diese Idylle, diese Einfachheit, dieses Kleinweltliche, was den Konzertbesuchern so gut gefällt. Ja, wirklich, während die große Discokugel zum steilen Hit „Ich fühl mich Disco“ angeht, den Raum mit Silberlichtflecken bemalt und man sich das zweite (oder zehnte) Bier schmecken lässt, da tut die Welt wirklich nicht mehr so weh. Man schwingt die Hüfte mit, wiegt sich im seichten Takt, stimmt in den Fanchor ein und lacht ausgelassen über die nächste versaute Textzeile. Und plötzlich ist es egal, ob man als Deichkind-Ironiker, Malle-Partysäufer oder Helene-Fischer-Fan da ist, weil wir vielleicht alle ein bisschen von alledem sind. Und alle auch ein bisschen Steiffen.

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