Kraftwerk: Die Rückkehr der Mensch-Maschine

| Foto: Peter Boettcher

Samstag, der 10. November 2012, wird für viele Musikfreunde auf ewig ein schwarzer Tag bleiben. Der Zugriff auf den Ticketserver war seit 10 Uhr morgens unmöglich, binnen Sekunden erschien die Meldung vom totalen Ausverkauf. Kein Justin, keine Gaga, denen Hunderte hier bereitwillig und gerne mehrfach 55 Euro opferten. Es ist der Preis für einen Abend mit Kraftwerk, der Mensch-Maschine, die in diesem Monat für zehn Konzerte live in ihrer Heimat Düsseldorf auftritt.

Neonlicht, schimmerndes Neonlicht,

und wenn die Nacht anbricht ist diese Stadt aus Licht.

Neonlicht (1978)

Vorbild-Charakter

Es gibt wohl nur wenige Lieder, die Großstadtatmosphäre in ähnlich romantischen Worten eingefangen haben. Am 16. Januar werden diese Textzeilen die Kunstsammlung am Grabbeplatz füllen und nur wenige Glückspilze oder Berufskonsumenten werden andächtig lauschen dürfen. 1978 erschien das dazugehörige Album DIE MENSCH-MASCHINE. Musik, die in ihrer synthetisch anmutenden Reinheit wirkte wie aus einer anderen Welt, der Welt der Zukunft. Damals sah Düsseldorf anders aus, strahlte nachts im Licht der Neonröhren. Heute erhellen LEDs effizient die gefühlte Gesamtbaustelle Düsseldorf. Das Dauerhupen der Autos wird manchmal von Scooters Shouter H. P. Baxxter übertönt. Die Hannoveraner sampelten gerne Klangschnipsel der Urväter Kraftwerk, ebenso Moses Pelham für Sabrina Setlur. Coldplay bedienten sich für „Talk“ bei der Melodie von „Computerliebe“, Depeche Mode einmal bei „Tour De France“. Es scheint kaum einen Hit ohne hörbare Berufung auf Kraftwerk zu geben. Sie sind Vorbilder für viele und die Größe, an der sich Elektronikkünstler messen müssen. Dieser Umstand gibt dem legendären Musikjournalisten Lester Bangs Recht, der die Frage nach der Entwicklungsrichtung der Rockmusik 1975 so beantwortete: „Sie wird von den Deutschen und den Maschinen übernommen.“

Kling-Klang-Musik

Damals waren Kraftwerk auf US-Tour, in der legendären Besetzung aus den beiden Gründungsmitgliedern Ralf Hütter und Florian Schneider-Essleben, Karl Bartos und Wolfgang Flür. Die beiden geschäftstüchtigen Technokraten auf der einen Seite, die angestellten Perkussions-Malocher auf der anderen. Diese Kraftwerk, die der einheimische Streetartist MDCR jüngst am Eingang der Kling-Klang-Studios auf der Düsseldorfer Mintropstraße verewigte, bestehen längst nicht mehr. Flür und Bartos wurden durch Computer ersetzt, machten jeder für sich weiter Musik. Flür gewährte in einer Autobiografie einen Blick in das Innere der Maschine, hinter die Wand aus Unerreichbarkeit, auf die Menschen hinter dem Image der „kühlen Deutschen“. Die Veröffentlichung wollten Hütter und Schneider-Essleben gerichtlich verbieten lassen – und scheiterten. Seit 2009 gehen auch die Unzertrennlichen, die auf dem Cover des dritten Albums noch einträchtig wie Brüder posieren, getrennte Wege. Die Kling-Klang-Studios wurden aus einem Hinterhof nahe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs nach Meerbusch-Osterath verlegt, von wo aus Ralf Hütter mit drei Robotnik-Musikern gelegentlich auf Tournee geht.

Retrospektive in Düsseldorf

Musikalisch beschränkt Kraftwerk sich auf jene Alben seit AUTOBAHN von 1974 mit dem genetischen Code der elektronischen Tanzmusik bis heute. Die 1970 gezündete Bandgeschichte wird reduziert auf das, was unter dem Namen „Der Katalog“ auf Tonträger in feinster digitaler Klangqualität neu aufgelegt wurde. Im April 2012 wurde die achtteilige Retrospektive im New Yorker MoMA inklusive 3D-Video-Installation aufgeführt und der puristische Klang aus der Vergangenheit mithilfe aktueller Projektionstechnik zur Show aufgehübscht. Wenn die Performance nun in Düsseldorf aufgeführt wird, ist „Der Katalog“ bereits in limitierter deutscher Edition im Handel erhältlich. In Ergänzung des Gesamtkunstwerks startet am 11. Januar im landeshauptstädtischen NRW-Forum eine Ausstellung mit Arbeiten des Kölner Fotografen Peter Boettcher, der Kraftwerk seit 1991 begleitet.

Band-Nicht-Band

Wenn am 20. Januar die Konzerte über die Bühne gegangen sind, hat der Spuk ein Ende. Es bleibt die Stille und bei den Zeugen der Inszenierung die Gewissheit, dass es das alles wirklich gegeben hat: Kraftwerk, die Band-Nicht-Band, den Mythos Düsseldorf. 2009 fiel bei einem Konzert in Wolfsburg ein Keyboard aus. Ralf Hütter sprach in der erzwungenen Pause zum Publikum. Es menschelte. Eines Tages wird nur noch die Maschine da sein und niemand, der sie repariert. Aber das ist wohl der Plan.

Es wird immer weitergehen/

Musik als Träger von Ideen.

Musique Non-Stop (1986)

Video:

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