Kraftwerk wissenschaftlich

Jochen Hörisch | Foto: D. Bechtel, Copyright: Jochen Hörisch

Erstes Kraftwerk-Symposium in Düsseldorf

Nur wenigen Musikern wird die Ehre zuteil, in einem Museum spielen zu dürfen. Wenn dort jedoch gleich acht Abende anstehen und die Kunststätte zum Schauplatz einer wissenschaftlichen Tagung über diese Musiker wird, ist mit Fug und Recht von einer „Mythenmaschine“ die Rede.

Das erste Symposium zur Gruppe Kraftwerk mit dem folgerichtigen Titel „Kraftwerk – Die Mythenmaschine“ fand -wie die sekundenschnell ausverkauften Konzerte vermuten ließen- regen Anklang. Am Freitagmorgen im Trinkaus Auditorium des Düsseldorfer K20 beschäftigten sich hochkarätige Köpfe mit dem Musik-Mythos. Dirk Matejovski, Professor am Institut für Kultur und Medien und an diesem Tag Initiator, Moderator und Referent, nahm pünktlich mit einem Coffee-to-Go-Becher Platz. Siebeneinhalb Minuten später („Genau zwischen dem akademischen Viertel und der Präzision Kraftwerks“) begann die künstlerische Direktorin der Kunstsammlung NRW, Marion Ackermann, ihre einleitenden Worte. Nach anderthalb Jahren der Vorbereitung sei die Freude enorm. Freudig sprachen auch die folgenden Redner, Kulturdezernent Hans-Georg Lohe, Professor Bruno Bleckmann und Matejovski selbst, Grußworte zur Veranstaltung.

Mythos der Popkultur

Die blauen Sitze füllen sich nach und nach. Musikinteressierte, Wissenschaftler und Studenten hören andächtig zu, während Matejovski vorträgt. „Arbeit am Mythos Kraftwerk: Zur Produktionsästhetik eines intermedialen Konzepts“ lautet der Titel, und für alle Nicht-Medien- und Kulturwissenschaftler folgt sogleich die Erklärung des Begriffs „Mythos“: Kulturanthropologisch handelt es sich hierbei um eine Ursprungserzählung oder ein Urphänomen. Auf Kraftwerk bezogen führt der Medienwissenschaftler die „Mythen des Alltags“ von Roland Barthes an. Von Kraftwerk als „Mythos der Popkultur“ ist die Rede, die vier Männer („vielleicht sind es ja auch Puppen“) sind inzwischen Teil des kulturellen Gedächtnisses. Die Inszenierung Kraftwerks als Mensch-Maschine ist durchdacht, Details zu Privatem hält Matejovski für undenkbar: „Popgöttern soll nicht ihre Sterblichkeit nachgewiesen werden.“

Die sichtbare Verbindung der Formation zur Kunst und das Verlassen der konventionellen Musikrichtung um 1975, des „Krautrock“, fallen an diesem Tag nicht nur einmal. Jochen Hörisch, Professor für neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim, geht derweil philologisch vor und stellt die Bandnamen „Rolling Stones“ und „Beatles“ dem von Kraftwerk gegenüber. Heraus kommen Naturverweise auf der einen Seite und die Technik auf der anderen. Stoisch und humorvoll wiederholt Hörisch Textzeilen bis zu sieben Mal. Während er erklärt, dass das Subjekt bei Kraftwerk nicht ganz verschwunden ist und „Das Model“ als Beispiel nennt, klingelt in einer der vorderen Reihen ein Handy. Ein ergrauter Herr und eine ebenfalls ältere Dame nesteln an ihrer Tasche herum, bringen das Gerät schließlich zum Schweigen. Die menschliche Stimme, so Hörisch, sei bei Kraftwerk nur noch Begleitmedium.

Tür an Tür mit Kraftwerk

Das Handy wird an diesem Tag noch öfter klingeln. Während Elena Ungeheuer definiert, welche Bedeutung Kraftwerk in der Geschichte elektroakustischer Musik haben. Während Thomas Hecken die Gruppe auf erfrischend kritische Art mit neuen Pop-Kriterien beschreibt. Und während Matthias Mühling eine hochinteressante, jedoch leider technisch etwas hinkende Powerpoint-Präsentation zur Verbindung der Musiker mit den bildenden Künsten vorträgt. Erst zum Round Table schweigt das Telefon der beiden Herrschaften. Dabei hätten sie auch dort etwas zu sagen gehabt: In der Pause erzählen sie einem Herren, dass sie auf der Berger Allee einst Tür an Tür mit Kraftwerk gelebt haben.

Nach achtstündigen Ausführungen und zum Teil hitzigen Diskussionen zwischen Lukas Croon, Thomas Meinecke, Philipp Holstein, Hans Meyer, Dirk Matejovski und einem „schwarzen Schaf“ aus dem Auditorium, welches dem Werk Kraftwerks so gar keine Tradition abgewinnen kann, verabschiedet der Round Table die Zuhörer. Die müssen allerdings die Notausgänge nutzen. Die normalen Wege sind für die Roboter reserviert.

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