Abschluss: Nach der Maschine

| Foto: Iris Edinger

EINS Die Heimkehr der Elektropioniere in ihre Heimatstadt Düsseldorf wurde eingeläutet mit einer Pressemeldung. Wenige Tage später begann der virtuelle Run auf die Tickets. Viele Musikenthusiasten blieben auf der Strecke, Interessierten bleibt das Kraftwerk-Symposium am 11. Januar in der Kunstsammlung. Prof. Dirk Matejovski und andere hochkarätige Akademiker beschreiben und erklären aus ihrer Sicht den Prozess der Selbstkanonisierung und die souveräne Selbststeuerung der Bandlegende. Altfans melden sich spontan zu Wort, berichten von Schulfesten mit Kraftwerk als Live-Band, alte Weggefährten stellen klar, dass die nichts mit amerikanischen Bands zu tun hatten, auch wenn „Fah’n, fah’n, fah’n“ irgendwie nach den Beach Boys klingt. Das Publikum ist historische Quelle. Der Elfenbeinturm trägt zur Verklärung bei. Kurz bevor das Thema Kraftwerk droht, die Bildungsordnung in der Landeshauptstadt vollständig auf den Kopf zu stellen, schließt Prof. Matejovski diese bemerkenswerte Veranstaltung, die Schule machen sollte.

ZWEI „Diese museale Huldigungshysterie beginnt langsam etwas zu nerven“, schreibt ein Künstlerfreund. „Nicht mal für interessierte Studenten der elektronischen Musik gibt es Zugang zu den Konzerten“, meint er, „und das von einer Band die seit 29 Jahren nichts mehr gemacht hat, das ich mir freiwillig zweimal angehört hätte und bei der noch weniger Originalmitglieder spielen als bei Smokie.“ Seine harschen Worte gelten Kraftwerk. Nicht verwunderlich für einen, dessen Projekte den kleinsten gemeinsamen Nenner haben, wundervolle Musik aus dem Hier und Jetzt zu sein.

DREI Noch am ersten Konzertabend tauchen Fotos vom Liveauftritt auf. Sie zeigen Ralf Hütter, das letzte Gründungsmitglied, von ganz nah. Kein Roboter, eher ein Zen-Mönch über den Reglern. Konzentriert. Präsent. Menschlich. Angeblich sind im regulären Verkauf wieder Tickets aufgetaucht.

VIER Auch im „Popmusikalischen Quartett“ am Sonntag geht es um Kraftwerk und der Altersdurchschnitt des Publikums im Kleinen Haus des Schauspielhauses ist sichtlich höher als im aktuellen Studiengang Medienwissenschaften. Ex-Kraftwerker und NEU!-Gründungsmitglied Michael Rother ist zu Gast und hat seine Generation versammelt. Der tiefenentspannte Held beantwortet geduldig die Fragen des Moderators Philipp Holstein, der seine Plattensammlung mitgebracht hat und zu Bestform aufläuft, als es um die frühen Krautrocktage von Kraftwerk geht. „Wir haben einfach Musik gemacht“, meint Rother zur Entstehung von NEU! und seiner Arbeit mit dem verstorbenen Klaus Dinger. Das Publikum sucht die Nähe zum Helden, fragt nach der Combo Spirits of Sound, in der auch Kraftwerk-Schlagzeuger Wolfgang Flür und der Elektronikmusiker Wolfgang Riechmann spielten. Es ist wie ein Klassentreffen, man nennt sich beim Vornamen und manche Frage beginnt mit einem verlegenen „Weißt Du noch…“. Es sind auch jene da, die bereits im Fahrwasser der Punk-Ausstellung „Zurück zum Beton“ auf Prominenz hofften und sich in der Szene wieder zu Wort melden. Wo, wenn nicht hier? Es geht nicht um die von Simon Reynolds beschworene Retromania. Es ist nur Nostalgie.

FÜNF Ein Besuch der Fotoausstellung im NRW-Forum mit Fotografien von Peter Boettcher, der die Band seit Jahren begleitet. Die Bilder sind technisch hochwertig, die Motive erinnern an die Fotopostkarten, mit denen der entlaufene Gartenzwerg aus dem Film „Die wunderbare Welt der Amelie“ ein Lebenszeichen von sich gibt: Die Dummys der Band in Turin, Tokyo und anderswo. Das war’s.

SECHS Am 16. Januar das ersehnte Konzert. DIE MENSCH-MASCHINE. Auf dem Berichterstattenden lastet die Verzweiflung der Kraftwerkfans und Kulturenthusiasten, die mit ihm tauschen wollen, weil für sie die Kunstsammlung an diesem Abend verschlossen bleibt wie für einen Atheisten das Konklave zur Papstwahl. Es riecht nach dem befürchteten Prosecco-Event. Kraftwerk bewegt: Viele Besucher sieht man sonst nie auf Konzerten in dieser Stadt. Sehen und gesehen werden. Transhumane Hipster mit 3D-Brillen und Spaßvögel in roten Hemden und schwarzen Krawatten sind da, aber auch alte Szenehaudegen, ohne die Popkultur in dieser Stadt undenkbar gewesen wäre. Der Vorhang fällt und die Band entpuppt sich als Reisegruppe à la James Bond: Sie ist immer schon da. MENSCH-MASCHINE ist das heutige Album des Katalogs und ertönt im Shuffle-Modus: Ein beschleunigter, bassdurchzogener Mash-up aus Kraftwerk Baujahr 1978, „Born Slippy“ von Underworld und den Jugendsünden der Chemical Brothers. Ja, so klangen sie damals, die 90er Jahre! Ralf Hütter und seine drei Mitstreiter posieren vor LED-Pulten und sehen in ihren engen Suits aus wie Komparsen aus „Tron Legacy“, die 3D-Animationen hingegen haben das Zeitliche längst gesegnet. Dem Album folgt ein langes Best-of-Kraftwerk. „Gute Nacht“ spricht Ralf Hütter irgendwann, verlässt die Kanzel, verneigt sich und tritt von der Bühne ab. Der Letzte macht die Tür zu

SIEBEN Der Weg führt viele an diesem Abend in den Salon des Amateurs. „Und dann klang etwas, das wie Kraftwerk klang, aber nicht Kraftwerk war“, ist Motto der Nacht. „Man kann auch mit echter Scheißmusik glücklich werden“, meint der Musikjournalist Jürgen Teipel in seinem Vortrag nur wenige Stunden später am selben Ort. Die Glücklichen sind die Anderen. Hinter den großartigen DJs hängt ein Poster mit Karl, Ralf, Florian und Wolfgang inmitten einer beschaulichen Gartenkulisse. Heute Abend würden sie hier sitzen. Da, wo das Schöne hingebungsvoll gepflegt und weiter an der Zukunft geschraubt wird.

ACHT Die Kraftwerk-Werkschau ist vorbei. Zwei Wochen lang haben das Phänomen und der Mythos die Heimatstadt und ihre Bewohner bewegt und auf Trab gehalten. Manchen gefiel es, anderen weniger, viele erlebten Glücksmomente. Kann Musik mehr erreichen?

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