Vielfältige Poplandschaft bei Popkultur-Berlin

Julia Lans Nowak & Loke Rahbek mit ihrer Performance “Translator” | Foto: Camille Blake

Wo sonst Städtetouristen kurz innehalten und ihre Smartphones zücken, um mithilfe von Google Maps zum nächsten Zielort zu finden, wurden auf dem Gelände der Kulturbrauerei an drei Tagen  vermehrt Programmpläne ausgefaltet und ans Gesicht gezogen. Denn vom 23. bis 25. August 2017 fand die dritte Ausgabe von Popkultur-Berlin statt.

Immer dann, ob auf dem Hof bei einem Bier oder während eines laufenden Konzerts, wirkten die Besucher mit ihren Programmen wie längst vergessene Kartenleser, die ihren Weg durch die Landschaft des Pop gesucht haben. Wohin als nächstes? Das war sicherlich eine berechtigte und oft gestellte Frage bei dem vielfältigen Programm, das sich sowohl inhaltlich als auch formal durch eine hohe Diversität kennzeichnete: Konzerte, Talks, Commissioned Works, Filme sowie Ausstellungen.

Ein kleiner Abriss:

Zu jenen „Comissioned Works“ gehörte unter anderem der Schwerpunkt „Typewriter-Klangwelten“, der von Musiker und Autor Hendrik Otremba kuratiert wurde und mit Talks, Konzerten und Performances die Schnittstelle von Musik und Literatur erforschen wollte. In diesem Rahmen präsentierten am Donnerstag zunächst Julia Lans Nowak und Loke Rahbek die hybride Performance „Translator“, in der Text, Körper und Sound das menschliche Miteinander ausloteten – während die interagierenden Körper sich auf der Bühne zögerlich näher kamen und sich auch mal gegenseitig zur Last wurden, sorgten der kühle Klang der Stimmen und der elektronische Sound für Kälte und Distanz. Im Anschluss daran intonierte die Musikerin und Dichterin Annika Henderson Texte eines Writing Robots, programmiert von Raoul Sanders, der sich mit ihr auf der Bühne befand. Ein Hauch von Kenneth Goldsmith und „Uncreative Writing“ kam auf. Wurden die maschinell erstellten Texte der Musik und dem klaren Gesang Hendersons angepasst, oder passte sich Henderson dem Writing Robot an? Wenn es die Grenzen noch gab, dann wurden sie durch bedrucktes Papier verdeckt, das Henderson zu Beginn auf der Bühne verteilt hatte.

Faszinierendes Miteinander

Mit den Worten „Enjoy the fog“ beendete Otremba seine Einleitung zu der Performance von Julia Lans Nowak und Loke Rahbek. Worte, die ebenfalls zu dem Auftritt der Grandborthers gepasst hätte, die mit „White Nights – A Theatre of Light“ das Kesselhaus am Freitag einnehmend bespielten. Im Zentrum wie immer ein einzigartig umgebauter Flügel, dem Erol Sarp und Lukas Vogel all die Töne entlocken, die Grundlage für ihren Sound sind. Auch hier fasziniert letztendlich das Miteinander von Mensch, Instrument und Maschine. Dieser Avant-Pop konnte ebenfalls in der Alten Kantine bei ANNA VR beobachtet werden, wo Anna von Raison mit ihrem Soloprojekt elektronischen Pop, R'n'B-Elemente und klassische Musik vereinte.

Ilgen-Nur im Frannz Club | Foto: Roland Owsnitzki

Wie bei der c/o Pop in Köln waren in Berlin die Wahl-Hamburgerin Ilgen-Nur und die Münchner Band Friends of Gas mit Club-Konzerten zu erleben: rau und direkt. Blieb bei Ilgen-Nur im Frannz Club noch etwas Raum, um ihren gewinnenden, lässig-coolen Indie-Rock entspannt zu hören, war dieser bei Friends of Gas am Freitag 'gepackt' voll. Eine hitzige Dichte, die den druckvollen Post-Punk und dem erfreulich-befremdlich gehauchten Gesang von Sängerin Nina Walser mehr als gerecht wurde.

Applaus für Frauenquote

Apropos Frauen: Als Katja Lucker am Mittwoch das Festival eröffnete, wurde ihr Hinweis auf die überdurchschnittlich hohe Frauenquote des Festivals mit großen Applaus kommentiert. Wie bedeutend dieser Akzent weiterhin ist, zeigte sich bei der Präsentation des Netzwerks female:pressure, das untersucht, wie viele Frauen auf Festivals der elektronischen Musikszene beteiligt sind. Als Stephanie Roll und Susanne Kirchmayr alias Electric Indigo die Ergebnisse der dritten FACTS-Studie vorstellten, wurden ausnahmeweise mal Charts und keine KünstlerInnen fotografiert: gelb-grüne Diagramme, die eine wenig überraschende, aber dramatische Aussage transportierten: durchschnittlich 77 Prozent der Festival Acts sind männlich, 6,5 Prozent sogenannte Mixed Acts. Rein weibliche Acts sind mit knapp 16 Prozent vertreten – man stelle sich eine Gesellschaft dieser Art vor. Oder lieber nicht?

Im Anschluss daran diskutierten Marlene Engel (Kuratorin von Hyperreality), Christine Kakaire (Journalistin) und Sky Deep (Produzentin, DJ) die Frage, was getan werden muss, um diesen Missstand zu ändern. Eine Erfolgsformel gab es nicht: Vielmehr geht es um ein Bewusstmachen und Bewusstwerden sowie den Mut zur Veränderung, der in jedem gesellschaftlichen Bereich aufgebracht werden muss, damit das Besondere zur Selbstverständlichkeit wird und in diesem Fall kein Applaus mehr notwendig ist. Stefanie Roenneke

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