Horseshoe Festival: So macht man ein Festival

| Fotos: Mareike Graepel

Ein Rockfestival für die ganze Familie auf die Beine zustellen, ist kein Kinderspiel. Vom Booking der Bands über das Catering bis hin zum Design der Plakate, Website und Flyer und den Kontakten zu Ämtern und Sponsoren: Tag und Nacht hat ein Dattelner (fast) nichts anderes im Kopf- und zieht mit viel Verständnis von Frau und Kindern ein Drei-Tages-Event hoch, das in der Region seines gleichen sucht. Klein, aber fein soll das HorseShoeFestival - kurz HSF - werden, sagt Christoph „Stoffel“ Dördelmann. Mareike Graepel (Text und Fotos) hat ihn getroffen – auf dem Feld, auf dem das Festival stattfinden wird. Noch wächst hier das Gras still vor sich hin, am Rand des Feldes stapeln sich die Heuballen. Von Hufeisen keine Spur, aber das wird sich noch klären…

Christoph "Stoffel" Dördelmann

Wie Marek Lieberberg sieht er nicht aus, der Mann mit dem schwarzen Shirt, der grauen – für Frühling noch ziemlich warmen – Flanellwinterjacke und der dunklen Strickmütze. Eher wie ein Gast. Das liegt daran, dass Christoph „Stoffel“ Dördelmann tatsächlich eher Fan ist und kein Festivalmanager, kein Businesstyp, sondern aus Leidenschaft handelt.„Mir fehlte in meiner Stadt,in meiner Region, ein Festival,das gute Rockmusik für die ganze Familie anbietet“,sagt er und guckt über die große Wiese, die zwischen Datteln und Olfen liegt, und die von zwei Seiten von hohen Bäumen eingefasst wird. Es ist ziemlich windig heute und die noch jungen, frischgrünen Blätter in den Baumkronen rascheln eifrig. Mitte Juli wird hier die Musik das Rascheln übertönen - aber die Baumwipfel werden sich scheinbar im Takt hin- und her wiegen.„Wir organisieren das HorseShoeFestival nicht aus kommerziellen Gründen. Wir verdienen als Verein da nichts dran. Im Gegenteil– wir spenden aus dem Erlös noch einiges an den Dattelner Frühstarter e.V., die Organisation, die Frühgeborenen und ihren Familien hilft, die Lebensqualität zu verbessern.“Ein Motto,das in gewisser Weise auch für ein Kulturangebot für junge Familien und Rockfans allen Alters gilt, ein Wochenende mit der Familie zusammen das sommerliche Leben mit guter Musik genießen,eine romantische Vorstellung,die hier wahr wird – aber warum macht man sowas,warum so viel Arbeit daherein stecken? Und wer ist eigentlich „wir“?

Hüpfburg statt Stage-Diving

The Fog Joggers | Foto: Veranstalter

„Warum macht man sowas?“ Stoffel Dördelmann lacht. „Weil ich denke, dass unsere Region so ein Festival braucht und es bislang keines gab.“ Bislang heißt: Bis zum letzten Jahr. An dem Wochenende, an dem bei den großen Festivals wie Rock am Ring das Wetter zu Absage der Events führte, fand das erste HorseShoeFestival statt. Hier,auf genau dieser Wiese. „Das war wie eine Generalprobe für das Festival in diesem Jahr“, sagt der Vater von drei Kindern -das jüngste kam kurz nach dem ersten HSF zur Welt. „In vielen Stunden habe ich nachts beim Herumtragen des Babys über das erste Festival nachgedacht – wie es gelaufen ist und wie es beim nächsten Mal laufen kann und sollte.“

Obwohl es das Wetter tatsächlich besser mit dem HSF meinte als mit Rock am Ring, waren viele Leute vorsichtig und blieben zuhause.Nach dem Festival ist vordem Festival – das war schnellklar, nachdem der letzte Verstärkerabgebaut, die letzte Schraube des Bühnen gerüste sein gepackt war und das Feld an der Lehmhegge im Sommer 2016 mit Unterstützung des Landwirtes Josef Miske wieder seiner ursprünglichen Aufgabe überlassen werden konnte. Drei Tage hatten viele der Musikfans eine kleine Sensation dort erlebt: So stimmig wie das HorseShoe-Festival kommt wohl keins der Festivals in der gleichen Kategorie daher. Und vor allem: Die Zielgruppe – Musikfans,vorwiegend die um die40, die mittlerweile ihre Wochenendenmit ihrer Familie verbringen möchten, aber auch ältere und jüngere – war begeistert, denn auch die kleinen Gäste waren glücklich.Keine Exzesse, keine zu wilden Partys – Hüpfburg statt Stage-Diving und vegetarisches Essen statt billiger Burger. Das organisatorische Konzept ging auf. Die Atmosphäre stimmte.„Am Montag nach dem ersten HorseShoeFestival war klar: Das muss es wieder geben.“Das Feedback der Gäste und Künstler war „unglaublich“, sagt Dördelmann.„Mich haben so viele Leute angesprochen, die die Stimmung,das Gelände und das Line-Up so toll fanden – dahabe ich beschlossen, das musst du wieder machen.“Natürlich nicht alleine: Zusammen mit einem Team von etwa zehn Leuten, die jeden Handgriff ehrenamtlich machen,zieht Dördelmann in die zweite Runde. „Ich bin mit Haut und Haaren dabei,aber ich bin froh, dass ich das nicht allein stemmen muss.“

Bibi & Tina und die To-Do-Listen fürs Rockfestival

Es braucht ein gehöriges Netzwerk, das gepflegt werden will, um ein Festival auf die Beine zu stellen. Hinzukommt, dass die Bands gebucht werden müssen: „Die Kommunikation läuft viel über Facebook.“Auch die Plakate wollen gedruckt werden, die Flyer, Banner und Tickets ebenso. „Ohne die Hilfe der anderen wäre ich aufgeschmissen“, sagt der Festival-Gründer. „Das Grafikdesign,die Logos, die Webseite,die logistische Planung,die Kontakte zu Ämtern und Medien – das würde ich niemals allein schaffen.“ Es gibt keinen Tag, an dem „Stoffel“nicht ans HorseShoeFestival denkt. „Oft, wenn ich die Kinder ins Bett bringe und die noch eine Runde ‚Bibi &Tina‘ hören, wandern meine Gedanken schon wieder zum Festival, schreibe im Kopf To-Do-Listen und überlege, woran wir noch unbedingt denken müssen.“ Die Ideen sprudeln nur so aus ihm heraus, er will etwas Neues schaffen, eine Veranstaltung mit eigenem Flair etablieren.

Die Lage ist schon mal perfekt: Genau zwischen Datteln und Olfen, leicht mit Auto, Bus und Rad zu erreichen und weit genug weg von Wohnhäusern, damit es auch ruhig lauter werden kann.Fest stehen auch bereits die meisten Bands, das Programm nimmt täglich mehr Form an. Auch, dass es wiedergute Verpflegung geben soll –neben den Klassikern wie Pommes und Bratwurst im Brötchen wird es alternative Küche von CousCous bis Falafel geben und neben Bier und Cola auch Cocktails, alkoholfreie und welche mit Alkohol.Für die Kinder gibt es Spielbereiche, eben die besagte Hüpfburg und ein Unterhaltungsprogramm passend zum Namen des Festivals samt Streichelzoo – hier ist man richtig in der Natur. Ein Wochenende auf dem Bauernhof mit Rockmusik für Mama und Papa – eine ungewöhnliche Mischung, die ankommt. Moment mal, warum eigentlich„HorseShoeFestival“? Es ist weit und breit kein einziges Hufeisen (engl. „horseshoe“) zu sehen…? „Das Feld hier gehört zu einem Reiterhof, mein Schwiegervater hat dort sein Pferd ‚Doc‘ stehen. So kam der Kontakt zustande. "Außerdem bringen Hufeisen bekanntlich Glück. „Passt also gut, fanden wir.“

Sponsoren sind immer willkommen

Neben der vollen Stelle bei einem Dattelner Steinmetz und den Aufgaben als Vater eine Wochenend-Veranstaltung wie diese auf die Beine zu stellen – eine Mammutaufgabe? Der Mann, der zwar groß und kräftig auf dem Feld steht, mit beiden Beinen fest auf dem Boden, nickt sanft.„Ja, Privatleben, Job und Festivalorganisation– da gibt es keine Trennung mehr. Eigentlich geht das gar nicht nebenbei.“ Aber es muss gehen. Auch, wenn das mehr als nur hin und wieder schwierigst. „Oft gibt es Momente der Frustration“, erklärt er und lehnt sich an den Heuballen-Stapel am Rande des Felds. „Dann weiß ich genau, was man alles besser machen könnte, wenn der Tag mehr als 24 Stunden und man mehr Zeit zur Verfügung hätte.“Und mehr Geld. Viel läuft über Sponsoren, die die Qualität des HorseShoeFestivals erkannt haben und die Zusammenarbeit mit „Stoffel“ Dördelmann schätzen.

„Wir sind über jeden froh,der das Festival unterstützen möchte“, macht Dördelmann klar, dass Sponsoren immer willkommen sind.„Wir bieten auf jeden Sponsoren individuell abgestimmte Werbemöglichkeiten an –auf den Plakaten, auf großen Bannern und auf den Flyer.“Berichtet wird über das Festival in den Zeitungen der Region, bei den Lokalsendern und „in persona“: „Wir haben einen Infostand auf dem Dattelner Mai am 21. Mai und beim Olfener Frühling am 7. Mai.“ In Kneipen und Jugendzentren wie dem Yahoo in Waltrop und dem JOE’s in Oer-Erkenschwick finden Warm-Up-Konzerte einiger Bands statt, die scheiß machen wollen auf das Wochenende Mitte Juli. Ein Film-Team wird das komplette Event in bewegten Bilder festhalten, Go-Pro-Kameras, Drohnenaufnahmen und klassische Aufnahmen inklusive. „Jeder Sponsor hat die Möglichkeit, sich selbst einzubringen– wo gibt es das denn sonst?“

Rock on!

Ebenfalls ungewöhnlich -„gewöhnlich“ gibt es als Kategorie beim HorseShoeFestival nicht – bemerkenswert ist die Zusammenarbeit mit der Stadt Olfen. Auf deren Stadtgebiet liegt das Grundstück,auf dem das Festival stattfindet. „Vom ersten Moment anhaben die mich unterstützt –vom Bürgermeister bis zum Ordnungsamt“, ist Stoffel Dördelmann begeistert. „Obes um die Straßenführung, die Infrastruktur oder um Genehmigungen ging, das war alles von Anfang an kein Thema.“Und die Idee, in diesem Jahr auch einen Campingplatz einzurichten, um das Gefühl eines „echten“ Festivals zu vollenden und vor allem auch Familien die Möglichkeit zu geben, drei Tage am Stück vor Ort zu sein, wer hatte die? Olfens Bürgermeister Wilhelm Sendermann.„Aber auch die Zusammenarbeit mit der Stadt Datteln läuft super.“Dördelmann schaut sich noch einmal um: „Dort wird die Bühne in diesem Jahr stehen,ein befreundeter Tontechniker hat mir gesagt, da fällt der Ton besser über die Wiese.“Bevor es für den Vater, Organisator,Manager und PR-Expertenwieder zur Familie geht, schlendert er über den Hof des „Gastgebers“ und Landwirts Miske. Im Hofladen herrscht entspannte Ruhe.Sorge, dass hier zwischen Eiern, Marmelade und Fleischwaren Horden von Rockfans einfallen könnten,hat man hier nicht. Mitarbeiterin Tanja Look ist sich sicher:„Das wird toll – und wir haben das ganze Wochenende geöffnet.“ Als sie sich zur Seite dreht, um Stoffel Dördelmann zu zeigen, wo er seine Werbeflyern fürs Festival auslegen kann, sieht man auf ihrem Unterarm ein Tattoo in Form eines Notenschlüssels. Rock on. Mareike Graepel

Konzertreviews

Musik | Konzert | Essen

Dagewesen: Lee Fields & The Expressions in der Zeche Carl in Essen

Normalerweise ist das Gemecker groß, wenn ein Künstler nach einer guten [mehr...]
Musik | Konzert | Bochum

Fotostrecke: Die Pet Shop Boys im RuhrCongress

Bescheiden geben sich die Pet Shop Boys nicht. Unter dem schmucken Namen [mehr...]
Konzert | Bochum

BoTo: So war es 2017 auf der coolibri-Stage@Riff

Drei fette Tage coolibri-Stage@Riff haben uns und euch herrliche Momente, [mehr...]
Musik | Konzert | Düsseldorf

Konzertkritik: Against Me im Düsseldorfer zakk

Ein Mittwochabend, das zakk und Against me, ein Abend in den Farben der [mehr...]
Musik | Konzert | Köln

Fotostrecke: The 1975 in Köln

Groß sind sie geworden. Die jungen Briten von The 1975 haben mal als [mehr...]