Bochum Total: Balanceakt im Bermudadreieck

Gute Stimmung an der Hauptbühne | Foto: Ricardo Nunes

An der Straßenecke ein kühles Dosenbier zischen, mit Freunden auf dem Bürgersteig picknicken, im Konfettiregen ein paar Lieblingsbands abfeiern, zwischendurch zum Verschnaufen in einer Kneipe einkehren und schließlich bei der Aftershowparty die Nacht durchtanzen. Bochum Total verwandelt das Bermudadreieck am ersten Juliwochenende in eine pulsierende Partyzone, die neben lieb gewonnenen Traditionen immer ein paar Überraschungen bereithält.

Bochum Total ist längst ein Selbstläufer. Das mag daran liegen, dass es von Anfang an mehr war als ein Stadtfest. „Bochum Total ist klar ausgerichtet auf Rock und Pop und hat Festivalcharakter. Sonst würden Bands dieser Größenordnung auch nicht kommen“, sagt Festivalsprecher Björn Büttner. Beim Booking setzt das Orga-Team nicht nur auf bekannte Namen, sondern auch auf „Bands, die gerade auf dem Sprung sind, groß zu werden“. Viele Gruppen, die vor Jahren im Bermudadreieck auf der Bühne standen, seien später durchgestartet. Kaum einer kann sich an alle erinnern, so Büttner: „Ich höre oft: ‚Im Leben nicht, die waren doch nicht bei Bochum Total!‘“

Bei der diesjährigen dreißigsten Ausgabe des Festivals – großes Dreißigjähriges wird nächstes Jahr gefeiert – wollen Büttner und sein Team sich deshalb „einen kleinen Spaß erlauben“ und an die vielen Konzerte und Bands erinnern, die das Umsonst-und-Draußen-Fest im Laufe der Jahre ins Bermudadreieck geholt hat. Unter dem Motto „Kumpels in Concert“ präsentiert die Bochumer Zeche am Samstagabend auf der Ringbühne eine Coverband, die Songs von Bands der vergangenen 29 Ausgaben Bochum Total spielt. Aber keine Sorge, es handelt sich nicht um eine x-beliebige Partyband: „Die Musiker werden absolute Profis und exorbitant gut sein“, verspricht Büttner. Zwischen den Songs wird ein Moderator die eine oder andere Anekdote aus der Bochum-Total-Historie erzählen.

Der jährliche Balanceakt

Susanne Blech ganz nah; Foto: Ricardo Nunes

Daneben kommen die Originale aber nicht zu kurz. Mit Susanne Blech, Jami Faulkner und Rantanplan stehen drei junge musikalische Phänomene auf dem Programm, die schon 2014 die Bermuda-Massen begeistert haben. Genauso alt wie das Festival selbst dagegen sind The Toasters (USA) und Boppin‘ B (DE), die mit Ska und Rockabilly zum Tanz bitten. „Das Programm ist absolut sommerkompatibel – es sind viele Bands dabei, die einfach Spaß machen“, fasst Büttner zusammen. Als Beispiel für die vielen Geheimtipps, die das Festival neben den Etablierten bereithält, nennt er die schottische Alternative-Rockband Twin Atlantic: „Die füllen in ihrer Heimat schon ganze Hallen, sind in Deutschland aber noch kein Begriff.“ Eine viel gefeierte deutsche Newcomer-Band spielt dagegen auf der coolibri-Bühne: die Punk-Pop-Band Adam Angst.

Die „Mutter aller Innenstadtfestivals“, wie Bochum Total von seinen Machern gern genannt wird, wird wieder zwischen 650 000 und 750 000 Besucher anziehen. „Das ist in dieser Form europaweit einzigartig.“ Bei aller Euphorie über den Zuspruch der Fans hat eine solche Größenordnung auch ihre Nachteile: Gegen Abend wird es erfahrungsgemäß ganz schön eng. Wegen der hohen Besucherzahl ist das Line-Up jedes Jahr aufs Neue ein Balanceakt. „Bands wie Die Ärzte oder die Toten Hosen könnten wir nie buchen. Da hätte man so eine hohe Konzentration auf eine einzige Bühne, dass man das Ganze nicht mehr abwickeln kann.“ Auch wenn die Besucher manchmal gerne noch größere Bands sehen würden: Die Sicherheit und damit die Möglichkeit, im halbwegs entspannten Rahmen Konzerte genießen zu können, gehen für die Organisatoren vor. „Da ist die Vernunft der beste Ratgeber.“ Das gilt auch für das von vielen Besuchern ungeliebte Glasverbot: „Das hat die Atmosphäre noch einmal erheblich verbessert.“

Spannende Gegenpole

Entspannter Gegenpol zu den großen Bühnen ist seit Jahren die Trailer-Wortschatz-Bühne. Hier laufen Lesungen und Comedy, dieses Jahr unter anderem mit dem Fußball-Literaten Ben Redelings und – nachdem sein Auftritt im vergangenen Jahr voll ins Wasser fiel – noch einmal „Lehrerkind“ Bastian Bielendorfer. Auch die Off-Stage-Konzerte in den umliegenden Kneipen und die coolibri-Bühne im Riff sind für Büttner eine „große Bereicherung“ des  Bochum-Total-Programms. Am Donnerstagabend wird wie jedes Jahr das Finale des Campus RuhrComer Festivals auf der coolibri-Bühne ausgetragen, zum Abschluss spielen die Vorjahressieger The Life Tonight. An der Sparkassen-Bühne am KAP steigt Donnerstag, Freitag und Samstag ab 21 Uhr eine Kopfhörerparty. Noch mehr Extra-Programm gibt’s unter anderem im Intershop, Tucholsky, Zacher und Mandragora.

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