Zeltfestival Ruhr: Das Festival ist der Star

Das Zeltfestival | Foto: Lutz Leitmann

Unheilig, Casper, Tim Bendzko – für Stars, die landauf, landab die großen Arenen ausverkaufen, ist Bochum wieder auf der Landkarte aufgetaucht. Mit ihrem großen Tour-Tross gehen sie vor Anker beim Zeltfestival Ruhr am Kemnader See. Das Festival selbst hat sich in sechs Jahren fest in der Region etabliert: „Es für viele Leute Bestandteil des Jahresplans“, sagt Veranstalter Heri Reipöler.

Die Macher: Gralla (v.), Reipöler (l.) und Rüger | Foto: Ingo Otto

Zusammen mit Björn Gralla und Lukas Rüger hat der Geschäftsführer der Musik-Agentur Radar das Zeltfestival 2008 aus der Taufe gehoben. Im Radar-Hauptquartier an der Bochumer Brückstraße steht ein originalgetreues Modell der Zeltstadt am Kemnader See, und der Besucher kann sehen: Der Platz auf dem Areal nahe der Autobahn-Abfahrt Witten-Heven ist voll ausgeschöpft. „Die 17-tägige Veranstaltung wird natürlich weiter perfektioniert“, sagt Heri Reipöler, „aber wir haben ein praktikables Modell entwickelt und mit 5 000 Besuchern im größten Zelt die Grenze erreicht, innerhalb der noch ein intimer Rahmen gegeben ist.“

Auf dieser größten Bühne im Sparkassen-Zelt tritt dieses Jahr Der Graf mit Unheilig auf. Normalerweise verkauft er Arenen mit über 10 000 Plätzen aus – in Bochum spielt er einfach zweimal hintereinander. „Die erste Show war schneller ausverkauft, als man gucken konnte“, sagt Heri Reipöler. Warum die Großen im Geschäft gerne kommen, erklärt er mit der guten Vernetzung der eigenen Agentur und von Björn Grallas Contra Promotion. Und nicht zuletzt mit der guten Atmosphäre und dem Charme einer Zeltstadt: „Jamie Cullum hat von der Bühne runter gesagt, dass er selten so einen friedlichen, ruhigen und schönen Auftrittsort erlebt hat“, erinnert sich der Veranstalter. Auch der englische Sänger und Songwriter ist dieses Jahr wieder dabei.

Extrawünsche und Sonderfälle

Damit die Stars sich am Kemnader See zwischen Bochum und Witten wohlfühlen, sorgen hinter den Kulissen viele Techniker und Aufbauhelfer für einen reibungslosen Ablauf: „Auch der Lkw-Fahrer und der Roadie sind wichtig für die Stimmung auf Tour“, weiß Heri Reipöler. „Bei uns finden sie gute Anfahrtswege vor und ein schönes Aufenthaltszelt mit einer Köchin für das Tagescatering.“ Hier wurde auch schon für den Hund von Patricia Kaas gekocht.

„Viele Sonderwünsche der Stars entpuppen sich allerdings als völlig normal, wenn man bedenkt, dass sie wochenlang unterwegs sind.“ Da muss dann Wäsche gewaschen und aufgebügelt werden, neue Zahnpasta besorgt. Für Jennifer Rostock besorgte man eine Alkohol-Auswahl, die einem gut sortierten Supermarkt entsprach. Auch, dass Joe Cocker kein Hotel in der Umgebung gebucht hat, sondern nach seinem Auftritt nach Frankfurt fuhr, leuchtete dem Veranstalter im Nachhinein ein: „Er sucht sich ein Hotel, in dem er sich für längere Zeit einrichtet und von dem aus er alle Auftrittsorte in einem Land erreichen kann.“

Richtig schlechte Erfahrungen mit den Stars aus dem Rock- und Popgeschäft hat das Team des Zeltfestivals bisher nicht wirklich gemacht. Ex-Oasis-Sänger Liam Gallagher ist zum Auftritt seiner Band Beady Eye erst sehr spät angereist. „Er ist nur so rein- und rausgerauscht. Das war auch musikalisch kein Highlight-Abend für uns“, sagt Heri Reipöler, „eine Show, die man nicht unbedingt wiederholen muss.“ Ein skurriler Höhepunkt, aus dem man gelernt hat, war hingegen der Auftritt der Fantastischen Vier, bei dem für längere Zeit der Strom ausfiel: Smudo und Thomas D. schnappten sich kurzerhand ein Megafon und liefen durch das Publikum nach dem Motto: „Ich dropp mal kurz 'ne Message.“

Das Festival als Star

Heute stehen leistungsstarke und sichere Trafo-Stationen für die Stromversorgung bereit. Und auch ein anderer Fehler soll nicht mehr vorkommen: Helge Schneider unterbrach vergangenes Jahr sein Programm, weil ihn die Bässe von Toni Monos Show im Nachbarzelt störten. „Den Auftritt hat ein externer Veranstalter organisiert, und man hätte sich wohl besser absprechen müssen“, sagt Heri Reipöler. „Letztlich war es kein Problem, Toni Monos Show etwas leiser zu fahren.“ Generell arbeite man mit zwei versetzten Zeitfenstern – „Wir lassen natürlich keinen Kabarettisten gegen eine Punkband antreten.“

Willemsen und Engelke

Ein Höhepunkt im diesjährigen Programm ist für Heri Reipöler das Programm „Lieblingsmusik“ von Anke Engelke und Roger Willemsen. „Ich habe das Silvester im Radio gehört und wollte sie haben“, sagt er. Die Comedian und der Intellektuelle spielen sich Platten zwischen Jazz, Weltmusik, Electro, Klassik und Hip-Hop vor, sprechen und streiten darüber. Da sie das nicht irgendwo machen, sei das „wie ein Ritterschlag für das Festival“, findet Reipöler.

Neben den Stars, die die großen Zelte füllen, hat sich das Festival über die Jahre auch selbst zum Star entwickelt. Rund 100 Kunsthandwerker und eine feine Gastronomie rund um das Bochumer Restaurant Livingroom locken Besucher auch abseits des Musik- und Kabarettprogramms. Auf der Piazza lässt es sich angenehm auf Freunde oder Verwandte warten, die Konzerte oder Comedy genießen – oder einfach nur so Festivalatmosphäre schnuppern.

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22.8.–7.9. Kemnader See, Bochum/Witten

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