Bochum im Ausnahmezustand

| Foto_ cooltour

Vier Tage Ausnahmezustand in der Bochumer Innenstadt – das ist Bochum Total. Weit über die Stadtgrenzen hinaus fiebern Musikfans diesem Ereignis entgegen: Ein ähnlich gut aufgestelltes Festival, das an vier Tagen umsonst und draußen ein facettenreiches Rock- und Pop-Programm bietet, sucht man weit und breit vergebens. Am 11. Juli startet die 28. Auflage.

Mehr als 60 Bands und Künstler von regionalen Newcomern wie den Bochumer Dance-Rockern Logic Insanity bis zu Top-Acts wie Jupiter Jones, vier Open-Air-Bühnen und eine Indoor-Bühne – das sind die Fakten, die Bochum Total attraktiv machen. So attraktiv, dass sich Jahr für Jahr rund eine halbe Million Menschen im Bereich um die berühmte Kneipenmeile Bermuda-Dreieck tummeln.

Dieses Jahr steht die „Mutter aller Innenstadtfestivals“ (Veranstalter) im Zeichen der Öko-Stromgitarre. „Die Stadtwerke haben dafür gesorgt, dass das gesamte Festivalgelände inklusive Bühnen und Zapfanlagen nur mit Ökostrom aus Wasserkraft gespeist wird“, sagt Sprecher Björn Büttner. Zusammen mit dem Glasverbot, das sich in den vergangenen Jahren bewährt habe, freue er sich auf ein sauberes und besucherfreundliches Bochum Total. Dadurch, dass die Mitnahme von Glasflaschen auf das Festivalgelände verboten sei, falle auch ein großes Aggressions- und Verletzungspotenzial weg: „Früher ist man oft wie ein Fakir über Scherben zur Bühne gelaufen. Heute gehen die Schnittwunden gegen null.“

Auch nach 22 Uhr ist noch viel los

Ansonsten wurde am Festivalkonzept nicht viel geändert. Die Aufstellung der Bühnen auf der Viktoriastraße, dem Südring und dem Konrad-Adenauer-Platz hat sich bewährt. Erstaunlich schnell etablieren konnte sich außerdem die Wortschatzbühne. Hier sitzen Jahr für Jahr Rock-Festivalbesucher auf Bierbänken und folgen atemlos still einer Autorenlesung, Kabarett- oder Comedyprogrammen. Hier ist wieder Stammgast Ben Redelings zu erleben, der teilweise zum Brüllen komische Skurrilitäten aus der Fußballgeschichte ausgräbt. Hier wird Felix Lampert aus dem Rottstr5-Theater den Monolog „Wodka in Dublin“ spielen, und die Düsterbarden von Honigdieb spielen hier sogar noch nach 22 Uhr.

Die 22-Uhr-Grenze wollen Stadt und Veranstalter zwar nicht wirklich abschaffen – aber auf den großen Bühnen ist dann Schluss mit Musik. Für das Festivalpublikum hingegen noch lange nicht: Seit vergangenem Jahr lockt die coolibri-Stage noch bis tief in die Nacht in die Rotunde. Außerdem lebt Bochum Total von den vielen Geschichten und Merkwürdigkeiten, die sich nach Konzertende in den Kneipen des Bermuda-Dreiecks abspielen. Vor dem Intershop zum Beispiel wird jeden Bochum-Total-Samstag ab circa 23 Uhr die sehr inoffizielle Schnick-Schnack-Schnuck-Weltmeisterschaft ausgetragen. Die Kontrahenten kommen meistens aus Bochum UND Wattenscheid. Legendäre Partys wurden im Festivalzeitraum draußen (mit Kopfhörern) und drinnen (mit Tanzen auf dem Tresen) gefeiert.

Stars von morgen: Mc Fitti & Maxim

Mit ganz großen Namen wollte Bochum Total selten punkten, dafür mit deutschlandweiten Größen (wie jetzt Jupiter Jones, Pohlmann oder DSDS-Star Thomas Godoj, der zum dritten Mal dabei ist) und vielen Entdeckungen, von denen man garantiert noch hören wird. Wir sind Helden und Silbermond haben auf dem Bochumer Südring gespielt, ganz kurz bevor sie durch die Decke gingen. Dieses Jahr könnten Maxim oder Mc Fitti solche Entdeckungen sein.

An der Schwelle des großen Ruhmes stehen außerdem die (ehemaligen) Straßenmusiker Guaia Guaia: Am Bochum-Total-Freitag erscheint ihr erstes Album bei einem großen Label, und im September treten sie bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest für Mecklenburg-Vorpommern auf. Echte Perlen für Fans von Indie-Pop und -Rock kommen aus dem hohen Norden: Dikta aus Island rocken melancholisch, und Skilla aus Schweden spielen Popsongs von betörender Schönheit. Die Band Youthkills könnte interessant sein, weil sie aus den Söhnen der ehemaligen Duran-Duran-Mitglieder Roger und Andy Taylor besteht, die von ihren Eltern sicher einige Skills abgeschaut haben.

Die Legende, das Bochum Total allen Bands nur eine Einheitsgage von rund 200 Euro zahlt, ist laut Sprecher Björn Büttner immer noch wahr. Warum die Veranstalter trotzdem ein so ansprechendes Programm zusammenbringen? „Bochum Total hat einen guten Ruf in der Szene: Wir sind ein ehrliches und ernst zu nehmendes Musikfestival. Die Bands können sich eines großen Publikums sicher sein, und vor und hinter der Bühne sind viele Leute aus der Musikindustrie zu Gast.“ Man darf also gespannt sein, welche Bochumer Entdeckung dieses Jahr Plattenverträge abstaubt und sich zum Radio- oder Youtube-Liebling entwickelt.

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