Approximation Festival 2013: Das große Experiment geht weiter

Das Trio Eviyan tritt auf mit Eva Bittová | Foto: Standa Merhout

Ende November findet in Düsseldorf das Approximation Festival statt. Einst an der Schnittstelle zwischen Klavier und elektronischer Musik angesiedelt, hat sich das Festival mittlerweile zur großen Werkschau zeitgenössischer experimenteller und Neuer Musik gewandelt. Michael Wenzel sprach mit dem Düsseldorfer Künstler Thilo Schölpen (Beat Clint, Weltausstellung), der bei der ersten Approximation-Ausgabe dabei war, über das diesjährige Festivalprogramm.

Thilo, 2005 hast du das Festival mit deinen Interpretationen von Kraftwerk-Stücken am Klavier eröffnet. Wie hast du die weitere Entwicklung des Festivals wahrgenommen?

Interessant ist, dass es überhaupt ein Klavierfestival war. Kein klassisches, sondern eines, bei dem improvisierte oder Popmusik gespielt wurde. Das war der Anfang: experimentelle Musik. Eine Weile lang gab es Klavier nur im Jazz oder in der Klassik. Und natürlich in der Filmmusik – Solostücke wie von Michael Nyman, zu denen auch Noten verlegt wurden. Das ist es, wohin sich das Festival entwickelt hat: in den Bereich zwischen illustrativer, popartiger Klaviermusik auf der einen Seite und Filmmusik und dem, was aus dem Minimal entstanden ist, auf der anderen. Das Approximation Festival ist ein Ort, wo diese Musik einen Platz findet. Es sind keine berühmten Musiker, die hier auftreten, aber in ihrem Bereich bekannte.

Einer von ihnen ist der gebürtige Australier Simon James Phillips. Er wird das Festival am 26.11. in der Filmwerkstatt eröffnen und den Stummfilm „South“ über Shackletons Südpolexpedition vertonen.

Musik zum Stummfilm hat sich zu einer Art Kunstform entwickelt. Ich habe den Film in London bei einer Ausstellung zu dieser Expedition gesehen. Man bedient sich dieser alten Filme, weil sie sich einfach eignen. Es sind starke Bilder und die Musik war von vorneherein als zusätzliches Element geplant.

Am Tag darauf tritt im Salon des Amateurs David Cunningham auf. Als Teil der Flying Lizards hat er Ende der Siebziger Jahre alte Soulsongs mit fast emotionsfreiem weiblichem Sprechgesang neu inszeniert.

Schon damals war das Musik in der Nähe von Kunst. Da steckte ein Konzept hinter.

Die japanische Künstlerin Rie Nakajima wird ihn mit Alltagsgegenständen und Spielzeugen begleiten.

Diese „Found Objects“ haben für mich zwei Ebenen: Zum einen zeigen sie, dass in jedem Objekt auch Musik steckt. Zum anderen geht es natürlich darum, diese Objekte im Raum zu organisieren. Sie werden nicht nur zu klingenden Gegenständen, sondern zu Instrumenten, die ihren Zweck in der Dramaturgie erfüllen. Das ist eine interessante Arbeit und da erwarte ich etwas Spannendes.

Den zweiten Teil des Abends bestreiten Piano Interrupted, die sich auch mit orientalischer Musik beschäftigen.

Da werde ich offenen Ohrs dabei sein. Was ich im Internet gehört und gesehen habe, hat mich neugierig gemacht. Ich finde es aber noch spannender, das live zu erleben, weil da Interaktion stattfinden wird, die man auf einer Platte nicht festhalten kann.

Winfried Ritsch aus Graz bringt am 28.11. vielleicht sein Roboterklavier mit.

Das ist meiner Meinung nach die dritte Ebene, die in der Neuen Musik stattfindet: Technologie mit Musik zu verbinden. Ein ziemlich akademisches Konzept. Es geht darum, über das, was der Mensch als Virtuose erreichen kann, hinauszugehen. Vielleicht wird das passieren – oder Ritsch spielt einfach nur Klavier. Interessant dürfte beides werden.

Nach Ritsch tritt der Mitbegründer des KOMPAKT-Labels, Wolfgang Voigt, auf. Er bewegt sich in seinen Arbeiten zwischen verschrobenem Techno und Field Recordings.

Das ist Ambient – minimal und ausdauernd.

Der 29.11. gehört den Stimmen. Zuerst tritt Tonia Reeh auf, dann das Trio Eviyan mit Eva Bittová.

Das hört sich sehr folkloristisch an – eine andere, neue Facette des Festivals! Mir kommt dieser Abend sehr virtuos vor, obwohl Virtuosität nicht diesen Stellenwert beim Approximation Festival hat. Aber wenn man sieht, wie der Klang entsteht, ist das eine gute Form und macht auch Spaß.

Dann kommst du sicher beim Finale am 30.11. auf deine Kosten: Der Elektronik-Musiker Erdem Helvacioglu inszeniert den Übergang von Melancholie zum Noise, während die Violinistin Nadia Sirota die reduzierten Kompositionen des isländischen Pianisten Valgeir Sigurdsson aufbricht.

Schauen wir mal, was passiert. Das Approximation Festival ist in jedem Fall auf der Höhe der Zeit – sowohl mit der Auswahl der Künstler als auch mit der Frage, was das Klavier kann. Es findet immer wieder neue Ausdrucksformen und spiegelt so den Zeitgeist wider.

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