Dagewesen: Torch. Blauer Samt.

| Foto: Tossia Corman

Am Donnerstag gab sich Deutsch-Rap Urgestein Torch im zakk die Ehre, um beim Lieblingsplatte Festival sein erstes und bisher einziges Solo-Album „Blauer Samt“ in Gänze zu performen.

Er lässt sich Zeit. Während die fast ausverkaufte Halle im zakk sich immer mehr füllt und der DJ die auflaufende Menge mit einer wirklich sehr gut zusammengestellten Playlist beschallt, steigt bei mir die Aufregung. Das letzte Mal, als ich Torch live auf der Bühne vor mir hatte, ist 16 Jahre her – 2000, im Erscheinungsjahr des längst zum Klassiker in der deutschen Rap-Community avancierten Albums. Mein erstes Hip Hop Konzert, und vielleicht auch der Moment, in dem ich mich unwiederbringlich in diese Musik verliebte, die Energie, der ganze Vibe… Heute, genau doppelt so alt wie damals (der aufmerksame Leser kann sich gern kurz diesem Rechen-Rätsel hingeben), stehe ich also auf der Galerie im zakk und warte auf Torch. Was der wohl macht hinter der Bühne? Noch schnell Texte lernen? Immerhin hat er sein Erstlingswerk nach eigenen Angaben noch nie komplett live gespielt, manche Titel gar noch nie! Ob er aufgeregt ist? Ich bin’s auf jeden Fall! Aufgeregt, weil Blauer Samt lange Zeit zum Soundtrack meines Lebens gehörte, und ich jetzt voller Spannung darauf warte, was passiert, wenn die Songs nicht mehr nur aus meinem Plattenspieler, sondern plötzlich von Torch selber kommen, nach, wie schon erwähnt, immerhin 16 Jahren. Ist das nicht der perfekte Zeitpunkt, um zu realisieren, wie alt man geworden ist? Darüber nachzudenken, wie’s früher war, in der „guten alten Zeit“? Als alles noch ein kleines bisschen leichter erschien, und CDs wie Blauer Samt rauf und runter liefen, im ersten Auto, beim ersten Mal sturmfrei haben, während der ersten Partys… Während ich darüber sinniere, tut sich auf der Bühne etwas – noch nicht Torchmann selber, sondern sein langjähriger DJ und Wegbegleiter DJ Soundtrax nimmt das Mikro und bringt drei Tracks seines Soloprojektes zu Gehör.

Alle rappen mit

Und dann ist es soweit: Torch entert die Bühne. Mit Sonnenbrille und Handtuch bestückt legt er sofort los – und alle machen mit! Diese Crowd ist das vielleicht textsicherste Publikum, welches ich bis jetzt erlebt habe! (Auch mir selber purzeln, teilweise völlig unerwartet, die richtigen Wörter zur richtigen Zeit aus dem Mund.) Aber eigentlich auch keine große Überraschung, habe ich bei den meisten Leuten im Saal sowieso das Gefühl, dass wir alle im selben Boot sitzen – Kinder der 90er, die mit dieser Platte quasi aufgewachsen sind (vorausgesetzt man war und ist Hip-Hop Fan, natürlich.). Beim Rest würde ich fast die Hand dafür ins Feuer legen, dass sie Torch-Neulinge sind – war er doch gerade mit den Absoluten Beginnern auf Tour, die ihr Album „Advanced Chemistry“ genannt haben, eine Hommage an Torchs alte Crew, die erste ihrer Art hierzulande.  Auch Torch stellt dann diese Frage: „Wer von euch kennt mich seit den Beginnern? Nur so, aus Interesse…“ Aber so richtig die Blöße geben will sich dann doch keiner, und alle rappen fröhlich weiter mit, und ob nun aus nostalgischen Gründen oder grad erst gelernt, ist ja eigentlich auch egal.

Sowieso redet er ziemlich viel, dieser große Mann, der schon ein wenig an einen Bären erinnert… Erklärt mehr als einmal, dass Blauer Samt ja eigentlich mehr so ein „Kuschelalbum“ ist und es normalerweise  viel rockiger zugeht bei ihm auf der Bühne. Aber so kuschelig ist’s dann gar nicht! Torch rappt sich die Seele aus dem Leib, immer tatkräftig unterstützt von sowohl Fans als auch DJ Soundtrax, und die Energie steigert sich von Song zu Song. Bei bekannteren Titeln wie „Gewalt oder Sex“ ist die Stimmung vor der Bühne fast auf dem Siedepunkt. Ich stehe währenddessen weiter oben auf der etwas weniger vollen Gallerie, gucke über die Mange,  und überlege, dass die Texte auf Blauer Samt auch fast Problemlos in die Jetzt-Zeit übertragen werden können – ein Zeichen für Torchs Visionärismus? Oder hat sich in den letzten 16 Jahren einfach gar nicht so viel verändert?

Überraschung auf der Bühne

Aber fürs große Philosophieren bleibt nicht so viel Zeit, weil schon das nächste Highlight auf der Bühne ansteht – Toni L. himself, neben Torch einer der Gründungsmitglieder von Advanced Chemistry, steht plötzlich da. Hätte man sich diese Überraschung vielleicht schon denken können (Torch hat immerhin mehr als einmal special Guests angekündigt), ist die Begeisterung trotzdem riesig. Und dieses eingespielte Team hat es auch nach fast 20 Jahren noch drauf! Beide vielleicht etwas gesetzter, aber nichtsdestotrotz gewohnt brillant am Mikrofon.
„Wir waren mal Stars“ stimmt nicht so ganz, für zumindest fast 1.000 Menschen im zakk sind sie es nach wie vor! Als dann auch noch Esa dazukommt, ist alles vorbei. Auf der Bühne, vor der Bühne, alle feiern, feiern sich selber, die „gute alte Zeit“ und natürlich Torch! Und was er vor dem Konzert hat auf sich warten lassen, hänget er hinten locker dran. Erst nach zweieinhalb Stunden verschwindet er, allerdings ohne Abschiedsgruß, von der Bühne. Toni L. gehört das letzte Wort, sowie Soundtrax das erste gehörte.

Und ich gehe beruhigt nach Hause, beruhigt, weil ich merke, ja, älter wird man, und früher war alles ein minibisschen leichter, aber das ist nicht so schlimm, weil man legt einfach den alten Soundtrack auf und holt sich das Gefühl zurück. Danke, Torch!

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