Dagewesen: Die Goldenen Zitronen in Düsseldorf

Vor den Köpfen: Die Goldenen Zitronen | Foto: coolibri

Am dritten Abend des Lieblingsplatten-Festivals im Düsseldorfer zakk präsentieren Die Goldenen Zitronen ihr Avantgarde-Album und Meisterwerk "Lenin". 

Nachdem ich mich beim Gehen über die Königsallee weit abseits der Ladeneingänge links halte und beim Blick auf die gleißend helle Innenbeleuchtung etwas hypnotisiert über eine Karriere innerhalb der professionellen Türöffnungs-Branche nachdenke, greife ich kurz darauf in einer Buchhandlung, so als würde ich mich nun doch beim Zeittotschlagen auf das Konzert Der Goldenen Zitronen einstimmen wollen, zu "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Eindeutig zu dick. Auch die dünne Variante zum Thema Umverteilung wird verworfen, denn die Bierpreise werden stabil bleiben und das Haben muss auch an einem Dienstag für mindestens ein Tauschgeschäft an der Theke genügen. 

Zudem heißt die Platte, die am dritten Abend des Lieblingsplatten-Festivals im Düsseldorfer zakk durchgespielt wird, nun mal "Lenin" und nicht Marx. So viel Differenzierungsvermögen muss sein. "Lenin", 2006 erschienen, bleibt gegenwärtig. Deshalb ist es gut, das Album erneut zu hören und live - umso besser. Die Entstehungszeit fasste Alexander Lazarek in einer Rezension einst mit folgenden Stichworten zusammen: "Attentate, Kriege, Wahlen, rasender Stillstand der Brummkreiselzustände" sowie "stolperndes Prekariat und Scheißjobs, Ich-AGs in Lächelkursen". Huch, gestern war also auch scheiße. Heute ist wie gestern. So ein Mist: ob Flüchtlingsbewegung oder Warenfluss in „Wenn ich ein Turnschuh wär“, die Verschachtelung von Politik und Kunst in „Der Bürgermeister“ sowie jeder einzelne Satz in „Lied der Stimmungshochhalter“.

Daher wird beim Intro im gut gefüllten zakk vereinzelt die Faust in die Luft gestreckt – oder das Smartphone. Was verspricht wohl mehr Widerstand? Man nickt, man wippt als Zeichen der Zustimmung. Traditionell herrscht mittig vor der Bühne etwas mehr Körperregung, während Schorsch Kamerun Aspekte zur Zeit vorträgt - mit zehn Jahre alten Texten, die wie Cut-ups oder ein nicht enden wollender Bewusstseinsstrom wirken; gesprochen, auf mehrere Rollen verteilt, wäre das fast schon ein Fassbinder-Stück. Das Publikum hätte zum Sprech auf der Bühne den Chor mimen können, denn die 'echte' Werksstreue auf der Bühne traf auf wirkliche treue Werkkenntnis davor, angedeutet durch Zurufe und Forderungen. Dazu hätten dann Lederjacken mit historischen Punk-Slogans verteilt werden müssen. Ein Jackentanz mit alten Zitaten, ironisiert an Wohlstandskörpern, während trotz allem mit Wort und Klang eine mögliche, gegenwärtige Dagegen-Haltung eingeübt wird, weil das Leben sonst nicht mehr auszuhalten ist: "Ich weiß, ich bin Schuld", "Ja für eine Fahrt ans Mittelmeer, geb ich meine letzten Mittel her", "Sei besser jedenfalls als nichts", "Ein Bekannter hat sein erstes Buch 'Ich kann nicht mehr' betitelt"...

Auf der Bühne herrscht reges Treiben, Instrumente werden gewechselt, hier beherrscht wirklich jeder alles irgendwie, Kamerun rückt die Textständer zurecht, Special Guest Melissa Logan von Chicks on Speed ist auch da, singt und spielt Saxophon. Der Sound gibt den Texten den nötigen Druck. Nach vier Zugaben ist dann Schluss, die gab es, obwohl zuvor betont wurde, dass die Pflicht bereits erfüllt sei - das Album ist gespielt. Unter den Zugaben auch "Kebabträume" von D.A.F.

Die Mehrarbeit lohnt sich, Platten und Merch sind beliebt. Neben "Lenin" ist eine LP besonders begehrt: "Fuck you". Damit konnte 1999 nur 2016 gemeint werden. Aber das ist bald auch vorbei. Die Goldenen Zitronen werden auch 2017, zwar nicht live, aber stets in Albumlänge, helfen, bei geistiger Gesundheit zu bleiben. Das ist gut.

P.S. Es gab auch eine Videoleinwand. Schöne Videos waren darauf zu sehen.

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