Earl Sweatshirt: Über der Gürtellinie

Earl Sweatshirt ist der breiten Masse kein Begriff und wird es vermutlich auch nicht werden. Denn auf dem Debütalbum des Rappers findet sich kein Song, den man im Radio oder Club spielen würde – vielleicht nach 22 Uhr bzw. als Rausschmeißer. Zu düster die Samples, zu tempoarm und verdreht die Texte. Das deutsche Hip-Hop-Magazin Juice wagte es im Oktober dennoch, „Doris“, das Debütalbum des 19-Jährigen, als Rap-Album des Jahres zu bezeichnen.

Ein paar Mainstream-Ohren dürften die Verse von Thebe Neruda Kgositsile, wie Earl mit gebürtigem Namen heißt, doch schon erreicht haben. Auf Frank Oceans Erfolgsalbum „Channel Orange“ ist er auf dem Track „Super Rich Kids“ zu hören. Das Feature erklärt sich von selbst, beise gehören der Odd Future Crew an, deren Kopf Tyler, The Creator ist. Mit dem melodischen R&B von Frank Ocean haben die minimalistischen und düsteren Klänge auf „Doris“ aber nichts gemein. Earl rappt seine Reime so zielsicher und uniform, dass es bei einem weniger talentierten Rapper langweilig geworden wäre. Doch der Sohn des mehrfach ausgezeichneten, südafrikanischen Dichters Keorapetse Kgositsile hat offensichtlich dessen Talent für Reime, Takt und Lautmalerei geerbt. Earls Verse sind ineinander verschlungen, Silben und Laute werden wie Bausteine ausgetauscht und neu zusammengesetzt, ohne dabei an Sinn zu verlieren.

Inhaltlich beschäftigen sich seine Texte vorrangig mit Drogen, eloquenten Selbstüberhöhungen und persönlichen Abrechnungen mit seinen Eltern. Sein Vater ging zurück nach Südafrika, als klein Earl gerade mal 6 Jahre alt war. Seine Mutter, eine Jura Professorin an der University of California, steckte ihn 2010 in eine Besserungsanstalt, weil er zu viele Drogen nahm und in der Schule auffiel. Bleibt nur noch eine Frage zu klären: Wieso nennt man ein Rap-Album „Doris“? Das Album ist nach der verstorbenen Großmutter von Earl benannt.

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