Die Kassierer: Nachwuchssorgen

Fliegen fallen von den Wänden | Foto: Kassierer

Warum Gott einen IQ von 5 Milliarden hat oder wie man mit dem Zeppelin durch das Jenseits gondelt, sind durch die Texte der Kassierer eindrücklich besungen worden. Im realen Leben ist der Kassierer-Frontmann Wolfgang „Wölfi“ Wendland ein nachdenklicher, origineller und eigensinniger Mensch.

Seine geistreichen Postings bei Facebook erheitern oftmals oder regen zum Nachdenken an. Er schreibt dort, dass seine ehemalige Deutsch-Lehrerin heute als Bürgermeisterin arbeitet, schickt Kurt-Tucholsky-Zitate an die Web-Gemeinde oder streitet sich mit dem Bochumer Kulturdezernenten über Sinn und Zweck von Kulturförderung. „Für mich hat Kultur immer noch was mit Bildung und Demokratie zu tun und nicht mit bloßer Unterhaltung“, sagt der Punk-Sänger und justiert, wo er genau herkommt: „Ich stamme nicht aus Wattenscheid, sondern bin fernab der Zivilisation in Bochum-Gerthe groß geworden. Bei uns gab es in der Nähe ein Elektro-Geschäft, das um 1969 herum aufgehört hat, Schallplatten zu verkaufen. So etwa Mitte der 1970er Jahre habe ich denen alles abgekauft, was noch übrig war. Ein sehr kruder Mix aus Jazz und Operette, streckenweise völliger Blödsinn – die Ladenhüter eben. Aber ich dachte, so ist das eben billiger, als wenn ich mir was Neues kaufe. Das hat meinen Musikgeschmack sehr geprägt.“ Neben Eisenpimmel und Lokalmatadore zählen die Kassierer bis heute zu den prägendsten Punk-Bands im Ruhrgebiet.

„Die jeweiligen Städte können schon einen Einfluss auf die Bands haben“, kommentiert Wendland, „daher klingt Punk aus Düsseldorf immer gleich nach Karneval, und in Hamburg stammen Bands wie Slime oftmals aus einem sehr politischen Umfeld. Wenn wir im Schwarzwald aufgewachsen wären, dann hätten wir wahrscheinlich mehr über Kuckucksuhren gesungen.“ Bei den Kassierern geht es lyrisch oft ganz derbe tief unter die Gürtellinie, und die sieben Kotsünden (oder der Harn von Rudi Carrell) werden gründlich untersucht.

Vereinzelt kommt es zu völlig ungeahnten Konstellationen, wie zum Beispiel im Oktober 2004. Damals stand der ehemalige Philosophie-, Politik- und Pädagogik-Student Wendland mit Gunter Gabriel im Duett auf der Bühne der Essener Zeche Carl. Mit den Worten „Du siehst ja aus wie Uwe Seeler“, wurde der Kassierer-Frontmann vom Trucker-Barden begrüßt. Als das Publikum lauthals forderte, Wölfi solle sich unterhalb des Bauchnabels entkleiden, kommentierte Gabriel: „Lass drin, sonst fallen die Fliegen noch tot von den Wänden.“

Wenn der 51-jährige „Wölfi“auf seine eigene Szene schaut, vermisst er den Nachwuchs: „Ich würde mir mehr jüngere und erfolgreiche Bands im Punkbereich wünschen. Bands, die so unverbraucht daherkommen wie zum Beispiel K.I.Z. im Hip-Hop. Es ist schon merkwürdig, dass sich die Headliner so mancher Punk-Veranstaltung so lesen, als wären die letzten 20 Jahre nicht passiert.“

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