Dear Reader und Herrenmagazin: Krasse Momente

Krass: Dear Reader & Herrenmagazin | Foto: Nele Posthausen

Die Bochumer Zeche gibt sich am Montagabend in ihrer edelsten Form. Die Ränge sind mit Vorhängen abgedeckt, die Tanzfläche ist bestuhlt und rundherum stehen kleine Kerzen und Teelichter. Leicht durchbrochen wird die Kuschel-Atmosphäre nur leider durch die Heizung, die ist nämlich ausgefallen. So sitzen also rund 100 Zuschauer von 16 bis 60 leicht bibbernd mit Kakao in den Händen auf ihren Stühlen und warten, dass Dear Reader und Herrenmagazin die Bühne betreten.

Ja, richtig, die Bands betreten gemeinsam die Bühne. Das ist das Besondere der TV Noir-Konzerte. Zwei mehr oder minder unterschiedliche Bands werden gemeinsam auf eine Bühne gefercht und wechseln dann immer mal wieder die Besetzung durch. Ab und zu stehen dann auch alle auf der Bühne. „Das sind dann die ganz krassen Momente“, wie Herrenmagazin-Sänger Deniz später erklärt und damit seinen ersten, von vielen Lachern dieses Abends erntet.

Fröhliche Pianistin & streicholzdünner Geiger

Dear Reader machen den Anfang. Das Berliner Duo stammt ursprünglich aus Südafrika und Canada. Mit den deutschen Ansagen holperts dem entsprechend zwischendurch etwas, macht aber nix, wirkt bei der fröhlichen Pianistin und dem streichholz-dünnen Geiger eher sympathisch. Die beiden harmonieren auf der Bühne perfekt, die Griffe sitzen und die Stimmen klingen wie geölt. Für den, der Herrenmagazin wegen seiner Kopfpunk-Texte liebt, vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Eine Geige macht eben irgendwie immer alles dramatischer.

Der Wunsch nach mehr Bumbum, das den Kitsch-Faktor aufhebt, wird schon nach zwei Songs befriedigt: Deniz Jaspersen und Paul Konopacka erheben sich von der altmodischen Couch im hinteren Teil der Bühne und unterstützen Dear Reader. Ab hier geht der bunte Instrumenten-Wechsel los. Bei „Dear Heart“ nimmt Pianistin und Sängerin Sam die Gitarre in die Hand, Paul und Deniz warten den halben Song brav auf ihren Einsatz mit Schellenkranz und Background-Gesang.

Überraschend wenig peinlich und im Gegenteil ziemlich geil

„LNRBRG“ spielen Herrenmagazin ohne Dear Reader-Support, aber doch ganz anders als der Song bei einer seiner vielen Live-Darbietungen jemals war. Sanfte Pauken-Schläge aus dem Hintergrund, zwei folkige Akustikgitarren und darüber Denizs Engelsgesang. Bei „Der langsame Tod eines sehr großen Tiers“ kommt der Einsatz des Xylophons überraschend wenig peinlich und im Gegenteil ziemlich geil. Das Ende des Songs ist dann auch auf jeden Fall einer dieser „krassen Momente“, die Deniz schon angekündigt hatte. Finale mit Einzählen und Geige und mehrstimmigem Gesang.

Für richtig krasse Momente sorgen auch die Songs vom neuen Album, das erst im nächsten Jahr erscheint. „Clinch“ scheint die Chance auf einen neuen Publikumsliebling zu bieten. Wenn sich die Euphorie im bestuhlten Saal auch nur so mäßig ablesen lässt. Dementsprechend verhalten wird am Ende auch die Zugabe gefordert. Es gibt sie aber trotzdem und den großen Abschluss macht ein Cover-Song. „Under African Skies“ von Paul Simon bietet am Ende nochmal einen dieser krassen und auch recht dramatischen Momente.

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